Es gibt Interviews, die mit Distanz beginnen, und es gibt Gespräche, die mit Erinnerungen beginnen. Udo Eckardt erinnert sich an das erste Treffen mit Clive Nolan am 10. Mai 1993, während der etwas rätselhaft betitelten „Lurve Ambassadors to the World“-Tour, als Shadowland und Jadis gemeinsam auf der Bühne standen. Veranstaltungsort war der Knaak Club in Berlin. Achtzehn zahlende Besucher standen an diesem Abend vor der Bühne – die Mitglieder der Co-Headliner-Band nicht mitgerechnet. Clive sollte es später als einen jener ernüchternden Momente bezeichnen, die jeder Musiker früher oder später erlebt, wenn Erwartungen stillschweigend mit der Realität kollidieren.

Berlin schien auf dem Papier eine vielversprechende Hauptstadt zu sein. In Wahrheit hätte das Konzert genauso gut mitten im Nirgendwo stattfinden können – kein einziger Zuschauer stammte aus der Stadt selbst.
Niemand hätte damals Arena, die weitläufige Musicalwelt von She, Alchemy oder den langen Erzählbogen, der schließlich zu The Mortal Light führen sollte, je vorhersehen können. Mehr als drei Jahrzehnte später sind die Bühnen größer, die Themen tiefgründiger, die Fragen menschlicher. Was folgt, ist nicht bloß eine Diskussion über eine Neuerscheinung, sondern ein Gespräch über Widerstandsfähigkeit, Richtung und die Langzeitwirkung kreativer Arbeit. Die Geschichten sind düsterer, tiefgründiger, vielleicht auch nachdenklicher geworden – genau wie die Männer, die sie erzählen.

Als Du mit „Alchemy“ begannst, hättest du dir da vorstellen können, dass diese Geschichte so viele Jahre später immer noch so nachhallen und schließlich in etwas so Tiefgründigem wie „The Mortal Light“ gipfeln würde? Fühlt sich das für Dich wie ein endgültiges Ende an oder eher wie die natürliche Fortsetzung einer Welt, die Dich nie wieder loslässt?
CN: Für mich ist das „Alchemy-Universum“ grenzenlos – eine Welt mit einer unendlichen Landschaft möglicher Geschichten. The Mortal Light ist einfach die nächste Episode. Vielleicht wird diese tatsächlich den Abschluss bilden – oder vielleicht gibt es noch mehr. Im Moment genieße ich einfach, dass dieses Werk nun endlich erschienen ist.
Samuel King verkörperte einst Entschlossenheit und Gewissheit. In „The Mortal Light“ wirkt er nachdenklicher – vielleicht sogar von seinen Erfahrungen geprägt. Hat sich Dein Verständnis von Heldentum im Laufe der Jahre verändert, sowohl als Schriftsteller als auch als Mensch? Findest Du, dass Helden fesselnder werden, wenn sie Zweifel statt Überzeugung in sich tragen?
CN: Ich denke, es war wichtig, bei den Figuren, die uns seit dem Alchemy-Abenteuer begleiten, eine Entwicklung zu zeigen. Die Erfahrungen, die King, Eva und William durchlebt haben, müssen zu den „Narben“ werden, die sie mit sich tragen – Zweifel, Schmerz, Müdigkeit, Vertrauen, Loyalität und mehr. Dadurch gewinnen sie zusätzliche Tiefe, was für das Schreiben natürlich großartig ist. Genau deshalb wollte ich Jagman zurückbringen – auch er hat inzwischen einige sehr ernüchternde Erfahrungen hinter sich. Vielleicht kann er ja doch noch eine Art Erlösung finden.

Henry Jagman schien mit dem Finale von „Alchemy“ sein Ende gefunden zu haben. Sein Verschwinden wirkte endgültig. Doch in „The Mortal Light“ kehrt er auf eine Weise zurück, die sowohl erzählerisch überraschend als auch emotional zentral ist. Wann hast Du entschieden, dass Jagmans Geschichte noch nicht zu Ende war?
CN:Ich hatte eigentlich schon kurz nach den Aufnahmen zu Alchemy die Idee, Jagman irgendwann zurückzubringen. Es gab mehrere mögliche Handlungsrichtungen, die mich gereizt haben, und King’s Ransomhätte eine ganz andere Geschichte werden können. Am Ende habe ich diese Idee jedoch erst einmal auf Eis gelegt. Als ich dann begann, über The Mortal Lightnachzudenken, schien der richtige Moment für Jagmans Rückkehr gekommen zu sein – vor allem, weil inzwischen ein deutlich größerer Bösewicht auf der Bühne erschienen ist.
Andy Sears’ Stimme war immer untrennbar mit der Figur Jagman verbunden. Nach Alchemy – als Jagman verschwunden war – schien es innerhalb dieses musikalischen Universums zunächst keinen offensichtlichen Weg mehr zu geben, Andy dort wieder auftreten zu lassen. War Jagmans Rückkehr auch ein Stück weit eine Möglichkeit, diese besondere Stimme – und eure künstlerische Zusammenarbeit – in dieser Welt weiterleben zu lassen? Ihr beide verbindet schließlich eine lange kreative Geschichte. War es dir persönlich wichtig, diese Zusammenarbeit nicht einfach verschwinden zu lassen?
CN: So habe ich eigentlich gar nicht gedacht. Ich arbeite ohnehin oft mit Andy zusammen, sei es bei den Musicals oder bei anderen Projekten. Aber wir hatten mit Jagman immer viel Spaß, und ich mag die Figur sehr – ich hatte immer das Gefühl, dass noch mehr in ihr steckt.
Jagmans Entwicklung in The Mortal Light führt ihn aus der Dunkelheit in etwas, das beinahe wie Erlösung wirkt. Siehst du ihn letztlich eher als tragische Figur – oder als jemanden, der sich tatsächlich eine gewisse Gnade verdient?
CN:Wie ich bereits gesagt habe, gibt ihm dieses Musical tatsächlich die Chance auf Erlösung. Gleichzeitig bot es mir die großartige Gelegenheit, King und Jagman endlich einmal ein richtiges Duett miteinander singen zu lassen. Das hat mir beim Schreiben großen Spaß gemacht!

Im letzten finalen Kapitel wird Vertrauen zu einer entscheidenden Kraft. King entscheidet sich für den Glauben statt für Kontrolle. Ist Vertrauen deiner Ansicht nach vielleicht der radikalste Schritt, den ein Anführer gehen kann? War dieser Moment rein aus dramaturgischer Notwendigkeit geschrieben – oder hatte er auch eine persönlichere Bedeutung für dich?
CN: Vertrauen, Glaube und Loyalität sind im Alchemy-Universum grundlegende Elemente – genauso wie in unserer eigenen Welt. In The Mortal Light wird das zu einem entscheidenden Wendepunkt. King muss Jagman vertrauen, Jagman muss an seine eigene Erlösung glauben, und die anderen müssen King und dem, was geschehen muss, loyal bleiben.
Der Song, der all das zusammenfasst, heißt passenderweise „Trust“ und enthält eine großartige Gesangsleistung von Andy. Interessanterweise ist das genau die Aufnahme, die er ursprünglich nur als Demo eingesungen hatte. Aber sie gefiel mir so gut, dass ich mich geweigert habe, ihn den Part noch einmal aufnehmen zu lassen!
Am Ende von „King’s Ransom“ schien die Erzählung eine ganz bestimmte Tür zu öffnen – eine, von der viele annahmen, sie würde das nächste Kapitel bestimmen. Doch „The Mortal Light“ schlug einen völlig anderen Weg ein. Was hat Dich zu diesem Richtungswechsel bewogen?
CN: Das Ende von King’s Ransom war nie dazu gedacht, die nächste Geschichte festzulegen. Es war lediglich eine Art zu sagen: Das Abenteuer geht weiter – genau wie am Ende von The Mortal Light. Ich bezweifle allerdings, dass eine mögliche nächste Geschichte tatsächlich etwas mit Queen Victoria zu tun haben wird.

Der Titel deutet bereits eine gewisse Zerbrechlichkeit an – auf etwas etwas Endliches, vielleicht sogar Verletzliches. Trägt The Mortal Light für dich eine andere emotionale Bedeutung als die früheren Kapitel? Und wenn Hörer dieser Trilogie in einigen Jahrzehnten begegnen sollten, ohne irgendetwas über ihre Entstehungsgeschichte zu wissen – was würdest du hoffen, dass ihnen davon im Gedächtnis bleibt?
CN: Mir wurde einmal geraten, dass ein Musical eine möglichst breite Mischung aus Emotionen und Motiven enthalten sollte – Komik, Tragik, Abenteuer, Selbstreflexion, Freundschaft, Ehrlichkeit, Lügen, Vertrauen, Verrat – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Ich habe das Gefühl, dass ich mit jedem Musical besser darin geworden bin, genau diese Vielfalt zu umarmen. Was den Menschen am Ende bleiben sollte, ist einfach, dass sie die Reise genossen haben … und vielleicht Lust auf mehr bekommen.
Ganz am Ende geht King dem Sonnenuntergang entgegen – allerdings nicht, ohne zuvor das Anzeray-Tagebuch an sich zu nehmen. Sollte man das als Abschluss verstehen … oder als die heimliche Möglichkeit einer Fortsetzung?
CN: Ich möchte erst einmal die Veröffentlichung von The Mortal Light genießen, bevor ich anfange, über Fortsetzungen nachzudenken. Aber die Tür ist definitiv nicht geschlossen … das Abenteuer geht weiter!

Auch jenseits der Welt Deiner Musicals entwickelt sich Arena stetig weiter. Als wir 2021 miteinander sprachen, und ich dich nach eine Wiederkehr Paul Wrightsons fragte, beschriebst Du die Aufnahme von Damian Wilson in die Band als bewussten Schritt nach vorn, weil du keinen Schritt zurück gehen wolltest. Nachdem nun nach Damians angekündigtem Ausstieg Paul Manzi zur Band zurückkehrt, wie siehst Du dieses neue Kapitel für Arena?
CN: Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um vorwärtszukommen. Das haben wir über die Jahre auch musikalisch immer wieder getan – und jetzt eben auch mit der Besetzung. Zwischen uns und Paul Manzi gab es nie einen großen Streit, und er war mehr als bereit, wieder zur Band zurückzukehren. In dieser Phase der Entwicklung von Arena erschien das einfach sinnvoll.
Nach so vielen Besetzungswechseln im Laufe der Jahrzehnte – was definiert Arena heute für dich letztlich: die Stimmen, die Chemie innerhalb der Band oder der kompositorische Kern im Zentrum der Musik?
CN: Arena hat mit mir und Mick Pointer begonnen und wird auch mit uns beiden enden … und dazu kommt noch der John Mitchell-Faktor – das ist es wahrscheinlich, was uns definiert.
Wenn du auf deine lange musikalische Reise zurückblickst – von den frühen Tagen mit Strangers on a Train über Shadowland, Arena und She bis hin zur Alchemy-Trilogie – was hat dir dieser Weg persönlich als Komponist zurückgegeben?
CN: Ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf wirklich eine Antwort habe … jeder Schritt auf diesem Weg hat mir neue Herausforderungen gebracht. Am glücklichsten bin ich, wenn ich schreibe, und ich hatte das Glück, ziemlich viel Musik schreiben zu können – und dass die Menschen auch die Ergebnisse hören konnten.
Clive, vielen Dank für das Gespräch – und für eine musikalische Welt, deren Geschichten offenbar noch lange nicht zu Ende erzählt sind.
