Alle Jahre wieder: IQ-Weekender in Aschaffenburg – ‘The same procedure as last year, Mr. Nicholls?’ The same procedure as every year, Aschaffenbörgh‘. Oder vielleicht doch nicht?
Während der Einlass in den Colos-Saal in den vergangenen Jahren ungeachtet aller winterlichen Witterungsunbilden stets minutiös auf 19 Uhr festgelegt war, öffneten sich die Tore diesmal bereits um 18:50 Uhr, am Samstag sogar noch fünf Minuten früher. Vielleicht hat man mittlerweile erkannt, dass der Getränkeumsatz steigt, je länger die Leute wartend vor der Bühne stehen, anstatt draußen zu frieren.

Die Wartezeit wurde durch Videos verkürzt, die jenen der letzten Jahre ähnelten: Vor dem neu gestalteten IQ-Dominion-Logo wackelten absonderliche Gestalten über die drei Leinwände – tanzende Skelette, wabernde Quallen, anderes seltsames Getier sowie zu guter Letzt noch Queen Elisabeth. Auch die Pausenmusik blieb unverändert: ein Konglomerat aus Rock-Versatzstücken unterschiedlichster Art, von ELO über Queen bis zu einem irrwitzigen Mix aus Nirvanas ‚Smells Like Teen Spirit‘ und Europes ‘The Final Countdown’. Ein more of the same also, was sich nahtlos fortsetzte, als die Musiker pünktlich um 20 Uhr die Bühne betraten.
Peter Nicholls im schwarzen Sakko, mit schwarzer Krawatte, Mike Holmes im weißen Hemd, auch Cookie und Neil Durant sahen aus wie immer, während Tim Esau seit vorigem Jahr mit einer monströsen Brille und weißen Bartstoppeln überraschte – ansonsten alles beim Alten. Warum also gehen wir jedes Jahr wieder hin? Sicher nicht wegen der Äußerlichkeiten, sondern erstens, weil IQ als eine der langlebigsten Prog-Institutionen kontinuierliche Unterstützung verdient, die nur durch persönliches Erscheinen realisiert werden kann. Zweitens, weil die Setlist jedes Jahr anders ist – und von den mittlerweile über 180 Songs aus 45 Jahren Bandgeschichte gibt es immer wieder Überraschungen und bewährte Klassiker, die man einfach nicht oft genug hören kann.

Die Anfangs kleinen Soundprobleme wurden rasch behoben – ein leerer Saal beim Soundcheck ist eben doch nicht mit einem bis auf den letzten Platz gefüllten Auditorium zu vergleichen. Auch wenn Rob Aubrey diesmal nicht vor Ort war, seine Vertretung lieferte wie gewohnt erstklassige Arbeit ab – selbst direkt vor der Bühne blieb der Klang ausgewogen, nichts war übersteuert, nichts zu laut. Unsere Ohren danken es ihm.
Gleich mit dem leicht schrägen 12-Minuten-Hammer The Wrong Side of Weird zu starten, ist recht mutig. Der Song von Seventh House ist zwar auch schon 25 Jahre alt, aber alles andere als eingängig. Es folgt From the Outside In, der Opener von The Road of Bones. The Darkest Hour erscheint schon relativ früh im Set, gefolgt von einem donnernden Born Brilliant. Letzteres ist nicht das einzige Mal, dass das Instrumentalquartett Holmes, Cook, Durant und Esau in einen mitreißenden Groove verfällt. Sie verleihen dem Prog-Rock eine schwere (aber dennoch nicht metallische) Note – besonders dann, wenn sie nach dem intensiven Instrumentalteil von Stronger Than Friction nahtlos in das kurze State of Mine von Subterranea übergehen, ein eher selten gespieltes Stück, das sonst kaum als ‘Stand-alone’ funktioniert. Nachdem man sich mit Rise wieder erhoben hat, hört sich nun alles auf, denn It All Stops Here ist fast so alt wie die Band selbst – und wird genauso mitreißend gespielt wie Anfang der 80er Jahre.
The Road Of Bones, schon seit einigen Jahren fester Bestandteil der Setlist ruft eindringlich tiefe Emotionen und Gedanken über menschliches Leiden hervor. Die düstere Atmosphäre erreicht ihren Höhepunkt, wenn Peter Nicholls die blutrote Brille aufsetzt, seine weißen Handschuhe überstreift, und mit dem Finger vorm Mund das Coverbild nachahmt… Pssst! Eines Tages, so hofft man insgeheim, wird der Serienmörder wohl hoffentlich all Jene strafen, die es nicht schaffen auf Konzerten an leisen Stellen ihren ‘Suppenschlitz’ unter Kontrolle zu halten oder ständig mit dem Handy filmen.

Closer endet zunächst abrupt – denn Ein unerwarteter Stromausfall legte die komplette Bühnentechnik lahm und ließ die Band plötzlich verstummen. Nach einer kurzen Phase der Stille, die Peter Nicholls mit ein paar scherzhaften Worten zu überbrücken versuchte – was allerdings nur in den vorderen Reihen zu hören war, denn auch sein Mikro war tot. Nachdem sämtliche PCs und Keyboards wieder hochgefahren sind, setzt die Band den Song exakt an der Stelle der Unterbrechung fort. Fast nahtlos – und bravourös zu Ende gebracht. Eine kleine technische Meisterleistung.
Es ist durchaus amüsant, an die Zeiten von Ever zurückzudenken, als Further Away live beinahe ein rotes Tuch war. Der Song galt lange als ausgesprochen anspruchsvoll zu spielen und wurde auf der DVD Forever Live sogar bewusst ausgelassen, nachdem bei den Proben einige Pannen passiert waren. Umso schöner, ihn heute im Set zu hören – zumal besonders das Finale mit einer der melodischsten Gitarrenlinien von Mike Holmes glänzt. Zusammen mit Leap of Faith einem weiteren zentralen Stück des Albums finden damit gleich zwei der wichtigsten Momente von Ever ihren Platz in einem Set, das bei vielen IQ-Fans längst zu den Favoriten zählt.
Für einen kurzen Moment wird es nostalgisch feierlich, weil Neil Durant und Tim Esau ihr inzwischen 15-jähriges Jubiläum in der Band feiern – im Fall von Esau genauer gesagt seine Rückkehr zu IQ. Doch selbst das wirkt fast wie eine Fußnote angesichts der über fünfzigjährigen Freundschaft von Peter Nicholls und Mike Holmes. Sie begann 1976 bei einem Genesis-Konzert in der Bingley Hall – ein Schlüsselmoment, aus dem Jahre später die kreative Partnerschaft erwuchs, die bis heute das Herz von IQ bildet. Zwei inzwischen ‘betagte Herren’, wie Pete augenzwinkernd selbst sagt, deren musikalische Verbindung noch immer ungebrochen wirkt.

Als erste Zugabe und etwas aus dem Zusammenhang gerissen überrascht die Band mit dem magischen Karussell The Magic Roundabout. Dessen hypnotischer Beginn knüpft eigentlich direkt an das Finale von The Wake an. Umso unverständlicher wirkt es, dass dieses ursprünglich zusammengehörige Triptychon aus Outer Limits, The Wake und The Magic Roundabout live auseinandergerissen wird – der dritte Teil am ersten Abend, der zweite am nächsten und der erste gar nicht. So wirkt etwas, das auf dem Album eine stimmige Einheit bildet, auf der Bühne plötzlich seltsam zerrissen. Auch Ten Million Demons mit seinen ‘Jo, Jo…’- Chören zu Beginn liefert darauf keine wirkliche Antwort. Dennoch stürzt sich die Band mit Ten Million Demons und voller Entschlossenheit in die Herausforderungen des zweiten Abends – und entlässt das Publikum schließlich in die dunkle Nacht, voller Vorfreude auf das, was der nächste Tag bringen wird, denn die Dominion CD am Stück war angekündigt. Nach der traditionellen, ausgiebigen Vesper im geschichtsträchtigen Wirtshaus Schlappeseppel (www.schlappeseppel-ab.de) heißt es wenig später schon wieder, rechtzeitig auf dem Roßmarkt anstehen.
Setlist Tag 1 – 20.02.2026
The Wrong Side Of Weird
From The Outside In
Born Brilliant
The Darkest Hour
Stay Down
No Love Lost
Stronger Than Friction
State Of Mine
Rise
It All Stops Here
The Road Of Bones
Closer
Further Away
Zugaben
The Magic Roundabout
Ten Million Demons
Neue IQ-Songs tragen immer ein kleines Geheimnis in sich, wenn man sie zum ersten Mal live hört und sich ihrem Verlauf noch vorsichtig annähern muss. Als wir im vergangenen Jahr die neuen Stücke von Dominion erstmals erlebten, wollten sie noch nicht sofort ins Ohr gehen. Doch nach einigen Durchläufen der CD im Laufe des Jahres bleiben inzwischen immer mehr Passagen des zwanzigminütigen Epos The Unknown Door hängen – und mit jeder Minute scheint sich diese geheimnisvolle Tür ein Stück weiter zu öffnen.
One of Us wirkt nach dem komplexen Opener, rein akustisch und ohne Schlagzeug oder Perkussion, wie ein willkommener Ruhepunkt. Auch No Dominion gibt sich zunächst zurückhaltend, über Neil Durants oboenartigen Keyboardklängen bevor ein eindrucksvolles instrumentales Finale dem Stück zusätzliche Strahlkraft verleiht.
Far From Here wiederum beginnt mit den Klängen einer Spieluhr – die auf der Studio-CD (ein netter Gag) tatsächlich erst einmal aufgezogen werden muss. Doch das introvertierte Kinderlied-Intro, ganz im typischen IQ-Stil, weicht schnell einem Mini-Epos vom Kaliber eines Guiding Light, das nach ruhigem Beginn in eine instrumentale Achterbahnfahrt mündet. Ein treibender Rave-Trance-Groove im Mittelteil, getragen von Cookies impulsivem Drumming, sowie ein beschwingtes Gitarrensolo von Mike, das den Höhepunkt einläutet, lassen den Song schließlich bei 10:30 kulminieren, bis er – nur noch von Neils Tastenklängen untermalt – in eine ergreifende Schlussstrophe übergeht: ‘And find your way with your hand in mine… always in my heart and you not far from here…’ Der abschließende Titel Never Land spielt dabei bewusst mit einer doppelten Bedeutung, dem Bild eines Fluges, bei dem man zwar gemeinsam in große Höhen aufsteigt, aber niemals wirklich landet – und zugleich einem zeitlosen Ort der Erinnerung, einer Art persönlichem ‚Niemandsland‘, in dem Vergangenes weiterlebt. Was Peter Nicholls damit meint, erschließt sich nicht vollständig. Musikalisch wirkt Never Land wie ein epischer Abgesang: breite Keyboardflächen, Holmes’ melodische Gitarrenlinien und ein bewusst zurückgenommener Aufbau lassen den Song weniger in großen Höhepunkten kulminieren als vielmehr in einer schwebenden, melancholischen Atmosphäre ausklingen.

Nach der kompletten Aufführung von Dominion greift die zweite Hälfte der Show immerhin noch auf Material aus sieben weiteren Alben zurück – angereichert mit einigen Späßen aus der Lush Attic Phase. Mit Through the Corridors (und natürlich dem obligatorischen ‘Oh Shit Me!’) bricht wie bei all diese kurzen Songs plötzlich so etwas wie IQ-Punk durch: Stakkato-Gitarren, treibende Bassläufe und rasante Synthie-Passagen. Auf den Projektionsflächen flimmern dazu Bilder aus jener Ära, als IQ noch den Marquee Club rockte – zur Vokuhila toupierte Haare, Neonfarben und der Geist der frühen achtziger Jahre lagen damals in der Luft.
Trotz aufkommender Partystimmung hat sich der Fanclub nach den Eskapaden der vergangenen Jahre diesmal vorbildlich und diszipliniert verhalten. Hätte man die einschlägigen Truppenteile nicht selbst mit eigenen Augen gesehen, könnte man fast glauben, sie wären gar nicht da gewesen. So blieb das Konzert in diesem Jahr tatsächlich dem Rahmen angepasst – würdevoll, seriös und weit entfernt von einem Indoor-Rosenmontagsumzug.
Mit Until the End, Subterranea und Headlong endete schließlich der offizielle Teil des Konzerts. Lange ließ die Band das Publikum jedoch nicht warten und kehrte mit Frequency als erster Zugabe noch einmal auf die Bühne zurück. Den endgültigen Schlusspunkt setzte schließlich der Mittelteil von The Last Human Gateway, der schon seit Jahren in den Setlisten wie ein eigenständiger Song behandelt wird. Nach der Show herrschte am Merchandise-Stand im Nebenraum – von wo aus man das Konzert sogar auf einem Monitor hätte verfolgen können – reger Betrieb. Besonders das aktuelle Dominion-Album sowie das im vergangenen Jahr in Polen aufgenommene Frequency Live fanden reißenden Absatz und wurden von den Bandmitgliedern neben anderen Fanartikeln geduldig signiert. Viele Fans nutzten zudem die Gelegenheit für ein kurzes Gespräch oder ein Selfie mit ihrer Band.

Um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: Würde jeder denken, ‚Ach, es ist ja doch das Gleiche wie im Vorjahr, ich spare mir das mal‘, dann stünde die Band irgendwann vor halbleeren Rängen – und würde vielleicht eines Tages die Reise zu uns gar nicht mehr unternehmen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Jahr für Jahr wird es voller, die Enge beinahe klaustrophobisch. Ein Wechsel in eine größere Location? Undenkbar. Die Verbindung zwischen IQ und dem Colos-Saal ist längst fest zementiert und unterstreicht die besondere emotionale Bindung der Band an diesen Auftrittsort. Die Konzerte sind immer früher ausverkauft – wer dabei sein will, sollte nicht zu lange zögern, denn der Termin fürs nächste Jahr steht bereits fest. Dasselbe Februar-Wochenende, nur einen Tag früher – der 19. und 20. Februar. Somit wissen wir jetzt schon, wo wir an diesen beiden Tagen sein werden. Ticketreservierung? Hotelbuchung? Alles bereits erledigt.
Setlist Tag 2 – 21.02.2026
The Unknown Door
One Of Us
No Dominion
Far From Here
Never Land
The Wake
Sacred Sound
Through The Corridors (Oh Shit Me!)
Leap Of Faith
Until The End
Subterranea
Headlong
Zugaben
Frequency
The Last Human Gateway (Middle Section)
