Livereport: Lazuli – Dortmund, Musik Theater Piano 2026

Wir sind ja seit den ersten Auftritten von Lazuli in Germanien mit ihnen auf deren emotionaler und aufregender Reise, sind immer wieder von der Kreativität und Feinfühligkeit dieses gallischen Quintetts überrascht. Sie sind wieder auf 12-tägiger Promo-Tour, diesmal mit ihrem brandaktuellen Album Être Et Ne Plus Être (Sein und Nicht-Mehr-Sein) und nicht nur die deutsche Musik-Presse hat das neue 12. Album begeistert aufgenommen. Da gab es doch schon einmal so einen berühmten historischen Ausspruch und der bekommt inzwischen immer deutlicher eine weltumspannende Bedeutung.

Es hat nun doch viele Jahre gedauert, dass ich den erfolgreich über die Pandemie geretteten und inzwischen überregional berühmten Musiktempel Piano, auch das „Wohnzimmer“ vom kürzlich überraschend verstorbenen westfälischen Musik-Berichterstatter Michael Lorant, wiedergesehen habe. Zum einem wollte ich dort zusammen mit zwei Freunden ein fetziges Club-Konzert in Dortmund besuchen und das zum anderen mit einer Band, die in meiner Beliebtheitsskala ganz weit oben steht und ausnahmslos für spektakuläre und emotionale Konzerte sorgt. Fünf südfranzösische Gallier aus der Region Gard, das ist bekanntlich Lebensfreude pur. Die Formation Lazuli ziehen stabil und unaufgeregt ihre Kreise in ganz Europa. Dabei locken sie immer mehr Fans mit ihrer weltweit einmaligen Musik und Poesie in den Bann, sorgen dafür, dass die „Lazulisten“ immer zahlreicher werden. Die hungrigen Fans haben das neue Material schon lange sehnsüchtig erwartet und versammeln sich auf den zehn Stationen der Frühjahrstour quasi zu Lazuli-Familien-Treffen. Und dieses Quintett hat trotz regelmäßigen Alben und begleitender Touren an diesem Abend im Piano wieder einmal überrascht.

Nicht nur, dass sich diese Spielstätte mit Nebenräumen von seiner schönsten Seite zeigt. Ein zauberhafter, renovierter Jugendstil-Saal mit angrenzenden durch beeindruckenden Säulen und Bögen abgeteilten „Wintergarten“ und einer auch bei gut besuchten Veranstaltungen selbst den kleinsten Zuschauern (wie mich mit 161,5 cm) immer eine ausgezeichnete Sicht auf die Bühne ermöglicht. Es sind wieder aus allen Himmelsrichtungen die Fans angereist, unser musikbegeisterter Freund Tom kam extra aus Würzburg um seine französischen Freunde hier in diesem besonderen Ambiente zu sehen. Eine Meute um mich herum bildete einen Fanblock mit einheitlichen Lazuli T-Shirts. Sie sind vollends begeistert, wieder dabei zu sein und tauschten sich über ihre mit Lazuli erlebten Heldentaten aus. Pünktlich betraten dann die fünf Gallier, unter aufbrandenden Applaus, die exzellent beleuchtete Bühne. Sie waren über diese lautstarken Vorschusslorbeeren und so einen Beginn sichtlich überrascht. Damit hatten sie so wohl nicht gerechnet.

Deutsche Begrüßung, wie üblich durch Dominique Leonetti. Dann geht es auf eine gemeinsame 150-minütige Non-Stopp-Reise durch fast 30-jährige Bandgeschichte. Wie bei jeder Tour von Lazuli steht das aktuellste Album immer im zentralen Fokus. Aber durch sehr clevere Live-Präsentation hat der Besucher immer das Gefühl, dass es sich um überwiegend bekanntes Material handelt. Tatsächlich spielt Lazuli blockweise alle 12 neuen Titel von Être Et Ne Plus Être, sechs Fan-Favoriten und natürlich das unverwüstliche 9 Hands Around The Marimba zum Abschluss. Die fünf Jungs lassen sich beim leidenschaftlichen Musizieren auch diesmal wieder von extra aufwendig produzierten passenden Filmen, Bildern und Grafiken, projiziert gut sichtbar im Hintergrund, begleiten. Da Lazuli, egal wo, ihre Rock-Chansons ausschließlich in ihrer schönen Landessprache französisch singen, werden manche Inhalte dadurch visualisiert und etwas transparenter, auch wenn viele wie ich die Texte nicht verstehen, aber damit die Thematik. Auch die Soli jedes einzelnen Musikers werden dadurch unterstützt und noch eindringlicher. Lazuli: „Wir betrachten unsere Lieder als Leinwände, auf denen wir Farben mischen und die Welt darstellen oder neu malen. Irgendwo zwischen Jacques Prévert und Tim Burton angesiedelt, hinterfragen die Texte die Missstände der Gegenwart.“

Auffälliger und etwas ungewohnt zeigen sich Romain Thorel (Waldhorn, Keyboards), nun mit üppiger Kopfbehaarung und Arnaud Beyney (Gitarre, Bass) mit Texas-Ranger-Hut. Claude & Dominique Leonetti sowie Vincent Barnavol (Schlagzeug, Perkussion, Vibraphon) erscheinen wie gewohnt und leger. Auch wer den Kosmos von Lazuli gut kennt, der Auftritt in Gänze war durchgängig beeindruckend, magisch trifft es heute im Musik-Tempel Piano exakt auf den Punkt. Fünf außergewöhnliche Musiker, jeder hat gleichberechtigt seinen Raum für seine solistischen Leckerbissen. Aber sie musizieren auch in Duos und Trios. Und man merkt ihnen an, sie haben Freude an dem was sie vorführen dürfen, freuen sich ohne Neid für den Kollegen, wenn er ein Gänsehaut-Moment für die Besucher geschaffen hat und immer wieder der Applaus aufbrandet und „Bravo“ aus vielen Kehlen erklingt. Auch ein grandioses Duett von Romain und Vince (Vibraphon) sorgt für viel Begeisterung und eben auch das Waldhorn, beim dem Romain regelmäßig kurz vor Platzen der Halsschlagader ist und der Kopf wie eine Tomate aussieht besonders bei seinem beeindruckendem Solo am Bühnenrand.

Dominique verlässt auch schon mal die Bühne, für mich verschwindet der etwa gleichgroße Gallier dann hinter einer hohen Menschenwand. Gitarrist Arnaud, ihm wird irgendwann in Bühnenkleidung zu warm und steht zuletzt im Unterhemd auf der Bühne, ist inzwischen nicht nur der Auswechselspieler vom während der Pandemie ausgestiegenen Warr-Gitarristen und Sympathieträger Gédéric Byar, nein, er ist nun der sechste Musiker bei Lazuli.

Der zierliche Dominique steht fast am Schluss des Konzerts allein mit einer seiner Akustischen am Mikro, verschwindet fast hinter seiner Gitarre. Domi in Deutsch: „Ich fühle mich jedes Mal nackt, wenn ich dieses Lied spiele. Es hat auch etwas mit meiner ureigenen Geschichte zu tun.“ Ich beobachte Tom, der beobachtet Domi, da ist ein starkes Band geschnürt. Nicht nur bei ihm. Es ist sehr selten in der Rockmusik, dass so eine emotionale Stimmung erzeugt wird, Lazuli schaffen das spielend und reproduzierbar. Es ist schnell kein normales Konzert mehr, sondern eine Messe Für Das Leben. Ich genieße diese beeindruckende Darbietung der Lebensfreude, dieses Klangerlebnis inmitten der feiernden Fans. Als Abschluss spielt Lazuli üblicherweise 9 Hands Around The Marimba, wortgewandt angekündigt von Dominique. Warum nur 9 Hände bei fünf Musikern. Claude Leonetti hatte in seiner Jugend einen schweren Motorrad-Unfall, konnte danach seinen linken Arm nicht mehr benutzen. Durch seine Liebe für Musik entstand sein weltweit einmaliges Instrument, die Léode. Damit ist er ein wichtiger Teil des Klangbildes von Lazuli. Deshalb schlägt er nur mit einer Hand Seite an Seite mit seinen Freunden, immer mit einem ihm eigenen Lächeln auf die Marimba ein. Ich nenne das „Rasselbande an der Marimba“, weil sie gemeinsam bekannte Lieder im Gallier-Style interpretieren.

Und auch nach dem Konzert geht diese Feier ungebremst weiter. Die „Lazulisten“ stürmen den Merchandise-Stand, die fünf Musiker signieren am Fließband, stehen für jedes Erinnerungsfoto nimmermüde parat. Auch ich war dabei und habe mir mein signiertes Être Et Ne Plus Être gesichert. Ich bin in meinem Text nicht explizit auf die einzelnen Lieder des neuen Alben eingegangen, dafür gibt es demnächst eine Rezension. Wer diese Messe Für Das Leben verpasst hat, schade. Aber Lazuli könnt ihr 2026 noch vielfach sehen, hören und erfühlen, bei vielen Klub-Konzerten oder Festivals auch in eurer Nähe. Besucht diese Veranstaltungen, geht gemeinsam mit diesen fünf liebenswerten Weltbürgern auf eine gemeinsame Reise.

Text: Christa Koch

Setlist

Etre Et Ne Plus Etre
Sourire
Qui D´Autre
Une Chanson Cherokee
Mon Body Se Meurt
Les 4 Raisons
L´Eau Qui Dort
Le Miroir Aux Aloutettes
Quel Dommage
Triste Carnival
L´Homme Sur
Matiére Premiére
Parlons Du Temps
Chaque Jour Que Soleil Fait
Le Pleureur Sous La Pluie
Les Courants Ascendants

Zugaben

L´Instant (Dominique Solo)
Au Bord Du Prècipice
Neuf Mains Atour D´un Marimba

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