Livereport: Colosseum – Affalter, Zur Linde -20.03.2026

Die legendäre Band Colosseum live zu erleben, ist wie der Genuss eines guten alten Whiskeys – mit jedem Jahr entfalten sich mehr Facetten und Nuancen. Zum fast schon nicht mehr zählbaren Male besuchten die Musiker aus Großbritannien die „Linde“ in Affalter, einen kleinen Saal mit typischem DDR-Flair mitten im sächsischen Erzgebirge. Dass die Briten hierzulande längst keine Unbekannten mehr sind, zeigte sich schnell: Der Saal füllte sich zusehends mit einem erwartungsvollen Publikum.

Da es in der „Linde“ keinen separaten Backstage-Zugang gibt, betraten die Musiker kurz vor 21 Uhr im Gänsemarsch – mitten durch das Publikum – die Bühne. Ein fast schon intimer Moment, der die besondere Nähe zwischen Band und Zuhörern unterstreicht.

Sänger Chris Farlowe begrüßte das Publikum in seiner gewohnt flapsigen Art mit einem augenzwinkernden: „Ihr lieben Menschen aus Dresden, Zwickau, Leipzig.“ ich bin wieder hier!“ – Und was bei manch anderem wie eine routinierte Floskel klingen würde, wirkt bei Farlowe erstaunlich aufrichtig, denn sein Faible für die ostdeutsche Kultur nimmt man ihm ebenso ohne Zweifel ab wie alles andere, was er an diesem Abend von sich gibt. Mit demonstrativ kultivierter Schnoddrigkeit wackelt Chris Farlowe über die Bühne, degradiert sich genüsslich selbst zur Witzfigur – und wurde vielleicht genau deshalb zur Legende: Ein Mann, dem der große Erfolg zur eigentlichen Blütezeit verwehrt blieb, nur um ihn im Alter umso triumphaler nachzuholen, während seine Stimme, mit kaum fassbarer Frische, so gar nicht zu der 85-jährigen Erscheinung passen will, die man vor sich sieht. Dennoch ist er in den letzten Jahren sichtlich gealtert, zugleich wirkt es, als habe er sich einer Augenoperation unterzogen – schon im Vorjahr im italienischen Veruno fiel auf, dass er plötzlich ohne Sehhilfe auftrat, während früher oft sein halbes Gesicht hinter einer monströsen Brille verborgen war.

Seit ihrer Gründung 1968 durch Jon Hiseman stehen Colosseum für die Verschmelzung von Blues, Jazz und Rock – ein Anspruch, den die Band bis heute eindrucksvoll einlöst und lebendig weiterentwickelt.

Der Auftritt markierte den Auftakt der „Out Into The Fields“-Tour, und entsprechend frisch gingen die alten Herren von Colosseum zu Werke: Das Set eröffnete mit drei Stücken vom aktuellen Album XI – „Not Getting Through“,  „Won’t Be Satisfied“ und „No More Second Chances“ – gefolgt von „First in Line“ aus dem Vorgänger Restoration, wobei beide Coverbilder die ikonische Figur des 1971er Live-Albums zitieren, den Maler jedoch in stilisierter Form und vor veränderten Hintergründen zeigen – ganz ohne den einst so markanten Farbeimer.

Die nun folgende „Valentyne Suite“ entzieht sich jeder einfachen Beschreibung – weniger Song als vielmehr eine in drei Teile zerlegte musikalische Wanderung durch Jazz, Blues und frühe Prog-Gefilde, in der sich Colosseum immer wieder neu erfindet: Themen tauchen auf, verschwinden, werden variiert, heftiges Unisono Riffing der gesamten Band, getrieben vom ehemaligen Gentle Giant Drummer Macolm Mortimer, bis das Stück schließlich in einen scheinbaren kollektiven Improvisationsstrudel mündet, in dem jeder seinen Raum bekommt – und genau hier kann  vor allem Mark Clarke mit überraschend präsenten, nahezu tragenden textlosen Gesangspassagen Akzente setzen. Seine mittlerweile 75 Jahre merkt man Mark Clarke in keiner Sekunde an – mit umgeschnalltem Bass wirbelt er über die Bühne und versprüht  eine Energie, als stecke er noch immer mitten in seinen wilden Jahren, die andere längst hinter sich gelassen haben.

Zählt man das Alter der sechs Musiker zusammen, kommt man auf eine beeindruckende Summe von rund 400 Jahren – wobei Nick Steed und Kim Nishikawara den Durchschnitt deutlich nach unten korrigieren.

Gerade Nishikawara, seit der Reunion 2020 festes Mitglied der Band, tritt die Nachfolge des 2004 verstorbenen Dick Heckstall-Smith an und prägt mit seinem melodischen, songdienlichen Spiel maßgeblich die heutige Ausrichtung von Colosseum. Der eher unauffällige Nick Steed an den Keyboards hält das komplexe Gefüge von Colosseum mit unaufdringlicher Souveränität zusammen: Mit feinem Gespür für Dynamik legt er ein warmes, tragfähiges Fundament, auf dem sich die übrigen Musiker frei entfalten können – und gerade in der von ihm komponierten „English Garden Suite“ tritt er aus dem Hintergrund heraus und setzt eigene, prägende Akzente.

Da Chris Farlowe in den 60er Jahren eine Zeit in Deutschland verbrachte, spricht er erstaunlich passabel Deutsch und nutzt das mit sichtlicher Freude, um sein Publikum aufzumischen. Nach einem furios ausgesungenen „Stormy Monday Blues“, garniert mit seiner typischen Stimmakrobatik und einem augenzwinkernd inszenierten Duell mit Saxophonist Kim Nishikawara, gerät er plötzlich ins Grübeln – „Blues… oder hieß es Fuß?“ – nur um im nächsten Moment theatralisch aufzuschreien: „Aua, mein Fuß! Ich brauche sofort … Krankenhaus … ist ein Doktor hier?“ – kurze Pause, prüfender Blick ins Publikum – „Oder besser noch… Schwester! Schöne Deutsche-Rote-Kreuz-Schwester… das wäre besser!“

„Lost Angeles“ – ohne Zweifel der vielleicht wichtigste Song im Kosmos von Colosseum – wirkt in seiner ursprünglichen Studiofassung von 1969 mit James Litherland noch vergleichsweise farblos und lässt das eigentliche Potential allenfalls erahnen, während erst die Version mit Chris Farlowe auf dem legendären 1971er Live-Album zur ultimativen Referenz gerät. Zieht man diese als Maßstab heran, muss man feststellen, dass sich die Band in den letzten Jahren zunehmend davon entfernt hat. Nick Steed erweist sich zwar als begnadeter Keyboarder, hat jedoch das ikonische Hammond-Intro von Dave Greenslade deutlich umgebaut, während der Mittelteil unter Weglassung der einst so charakteristischen Marimba-Klänge nun mit stattdessen vermehrtem Piano-Improvisationen spürbar langatmiger gerät als im Original. Erst als Clem Clempson und Mark Clarke in ihr furioses Gitarre – Bass Duell eintreten, in das Kim Nishikawara später kräftig „hinein bläst“, nimmt der Song wieder Fahrt auf und erreicht jene dramatischen Höhen, die seine Ausnahmestellung begründen.

Was Colosseum auch im Jahr 2026 auszeichnet, ist ihr einzigartiges Zusammenspiel: Die Stücke werden nicht einfach gespielt, sie entwickeln sich, atmen, wachsen – getragen von einer musikalischen Verständigung, die über Jahrzehnte gereift ist. Als Zugabe erklang das längst zur Standard-Zugabe gewordene „Theme Of An Imaginary Western“, eine Komposition des Cream-Bassisten Jack Bruce.

Am Merch-Stand lag mit The Voice von Peter Brummond eine erstaunlich detailverliebte Biographie aus, die nicht nur Chris Farlowe selbst, sondern auch das weit verzweigte Netzwerk an Bands, Weggefährten und musikalischen Verwandtschaften ausleuchtet – allerdings ausschließlich in der englischen Version, die sich dennoch viele Fans kauften und signieren ließen; ein bisschen Beschäftigung mit der Originalsprache kann schließlich nicht schaden und bringt ganz nebenbei einen nicht zu unterschätzenden Lerneffekt mit sich.

Text: Conny Kökert

Setlist

Set 1

Not Getting Through
First In Line
Won´t Be Satisfied
No More Second Chances
Valentyne Suite

Set 2

The Kettle
Ain´t Gonna Moan No More (Van Morrison Cover)
Morning Story (Jack Bruce Cover)
Stormy Monday Blues
English Garden Suite
Lost Angeles
Theme For An Imaginary Western (Jack Bruce Cover)

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