Livereport: BEAT (performing the Music of 80s KING CRIMSON) – Berlin, Uber Eats Music Hall, 15.06.2026

Adrian Belew, Steve Vai, Tony Levin und Danny Carey in einer Band: Der Fan von guter Rockmusik schaut begeistert auf die Besetzung dieser Supergroup namens BEAT. Diese Musikervereinigung kann man im Gegensatz zu manchem anderen Projekt wirklich so bezeichnen. Um dies live zu bestaunen, finden wir uns heute im Konzert-Zweckbau „Uber Eats Music Hall“ in Berlin ein.

Die Idee zu diesem Live-Projekt ist bei Adrian Belew ein Stück weit aus Frust darüber entstanden, dass er in der letzten King-Crimson-Besetzung (die von 2013 bis 2019 insbesondere live aktiv gewesen ist) durch den Boss Robert Fripp quasi ausgeschlossen worden ist. Diesen Frust kann man verstehen, denn seit 1981 war Belew kontinuierlich dabei und gab einen nicht unwesentlichen kreativen Input. Insbesondere trifft dies auf die drei Alben „Discipline“, „Beat“ und „Three of a Perfect Pair“ zu, die zwischen 1981 und 1984 entstanden. Im ständigen Austausch mit Robert Fripp spürte er, dass es kaum eine Chance gab, die Musik dieser Alben live mit King Crimson auf die Bühne zu bringen. Da Robert Fripp nicht wollte, entstand irgendwann in der Corona-Zeit die Idee, dies in einem eigenen Projekt zu tun.

Steve Vai war der Erste, der zusagte. Dies überrascht insofern, weil er bisher irgendwelche Supergroup-Anfragen immer abgelehnt hatte und lieber solo unterwegs war. Tony Levin war quasi gesetzt, denn er ist neben Adrian Belew das zweite Original-King-Crimson-Mitglied aus der Zeit der 80er-Jahre. Dann galt es nur noch, Ersatz für den damaligen Drummer Bill Bruford zu finden. Die Wahl fiel auf Danny Carey, den angestammten Trommler von Tool. Auch ihn kennt man kaum von irgendwelchen Nebenprojekten. Wer schon mal im Tool-Universum unterwegs war, weiß aber, was für ein herausragender Schlagzeuger er ist.

2024 und 2025 war BEAT massiv in den Staaten unterwegs, eine Konzertaufnahme erschien bereits Ende 2025 bei InsideOut Music. So schien die Hoffnung gering, das Projekt auch in Europa live erleben zu können. Die notwendige Harmonisierung der Terminkalender der vier Herren bezugnehmend auf ihre jeweils eigenen Verpflichtungen hat wohl eine Weile gedauert – aktuell ist BEAT nun endlich mit ganzen 32 Shows in 18 Ländern doch überall in Europa unterwegs, davon vier Termine in Deutschland. Heute also Berlin, das lange Warten hat ein Ende.

Die Halle mit 2.200 Personen Fassungsvermögen ist nicht ausverkauft, aber entgegen initialer Ankündigungen sehr gut gefüllt. Kurz nach 20 Uhr erscheint Adrian Belew am Bühnenrand. Seine Kollegen folgen ihm einzeln und lassen sich entsprechend bereits vor dem ersten Ton würdigen. Dieser kommt dann aus einer Trillerpfeife, gefolgt von einem über etliche Sekunden lang gezogenen Gitarrenton von Adrian, über den die anderen drei wild losspielen und improvisieren. Die Richtung für die folgenden zweieinhalb Stunden ist gesetzt. Was da passiert, ist absolute musikalische Extraklasse. Man muss mit der Musik der drei oben genannten 80er-Jahre-Alben von King Crimson, um deren Präsentation es in der BEAT Tour geht, nicht vertraut sein, um als Freund anspruchsvoller Rockmusik von der heutigen Präsentation begeistert zu sein. Man hat den Eindruck, dass die Songs zwar melodisch gesetzt sind, aber jeder Einzelne auf der Bühne selbstbewusst improvisiert, sich ausprobiert und trotzdem alles irgendwie zusammenpasst.

Hier ein paar Beispiele, die mir heute nachhaltig in Erinnerung bleiben: Im Song „Neal and Jack and Me“, einem Stück eher getragener Natur, spielen drei Herren drei Gitarrenlinien plus Bass in einträglich harmonischer Disharmonie. Drei Herren und vier Instrumente? Ja! Das funktioniert deshalb, weil Tony Levin am Chapman Stick mit einer Hand die dritte Gitarrenlinie spielt, mit der anderen Hand Bass. Ja, man kennt das. Aber der Mann ist dieses Jahr 80 geworden! Was Tony immer noch musikalisch zu leisten vermag, vom Kopf her und von der Motorik, macht mich ein Stück weit sprachlos. Nicht nur in diesem Stück. In „Industry“ pulsiert sein Finger zehn Minuten lang auf demselben Ton des Bass-Keyboards, während die anderen darüber improvisieren. Er könnte es einfacher haben, aber kein Loop kommt aus der Konserve. Volle Konzentration, um sich von den wilden Orgien der Kollegen an ihren Instrumenten hier nicht rausbringen zu lassen. Ach, und wer immer schon hören wollte, wie es wirklich klingt, wenn Tony mit seinen Drumsticks an den Fingern auf die Bassseiten eindrischt, hat beim initialen Bass-Solo bei „Sleepless“ Gelegenheit dazu.

Weiter faszinierend: „The Sheltering Sky“. Danny Carey spielt in stoischer Gelassenheit in diesem im Ansatz auch eher ruhigen Stück eine sich permanent wiederholende Schleife auf dem elektronischen Drumkit und verzichtet dabei ebenfalls auf Gespeichertes, während sich die anderen auf ihren Instrumenten austoben. Allen voran hier Steve Vai. Der mit der Gitarre tanzt. Vom Körper genommen hält er sie innerhalb seines Soloparts für mehrere Sekunden nur am Vibrato-Hebel, während Tanzbewegungen ausgeführt und dabei lange, verzerrte Töne erzeugt werden. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie gesehen.

„Waiting Man“ möchte ich noch erwähnen, das erste Stück nach der Pause. Am Bühnenrand ist ein eher leise klingendes, kleines Drumkit aufgebaut, auf dem Danny beginnt. Nach vielleicht drei Minuten gesellt sich Adrian zu ihm und leistet ihm an den Trommelstöcken Gesellschaft. Diese Drumline wird kurz darauf von Tony aufgenommen, Adrian wechselt ans Mikrofon und es entsteht doch noch ein richtiges Stück Musik daraus. Wer Danny aufgrund der Ablenkung durch die Meister an ihren Instrumenten vor ihm bis dato noch nicht so wahrgenommen hat, hat beim initialen Drum-Solo von „Indiscipline“ Gelegenheit dazu. Gänsehaut erzeugende, absolute Klasse! Überhaupt ist dieses Stück und die Show von Adrian am Mikro Beleg für den Spaß, den die vier beim miteinander Musizieren haben. Dies zieht sich durch den gesamten Abend, ist großartig zu beobachten und wertet diesen tollen Konzertabend noch zusätzlich auf.

Adrian Belew moderiert im Zugabenteil über seine besondere Beziehung zu seinem heutigen Spielort Berlin. Hier hat ihn Frank Zappa gefragt, ob er in seiner Band spielen möchte. Hier hat er mit David Bowie dessen Alben eingespielt. Grund für BEAT, hier den Song „Red“ aus dem Programm zu nehmen und „Heroes“ von David Bowie zu spielen. Das ist nun nicht das große Schmankerl, da diesen Song gefühlt jeder irgendwo spielt, der an David Bowie erinnern möchte. Aber vor dem beschriebenen Hintergrund respektieren wir diesen Wunsch natürlich und freuen uns über die beschriebenen Szenen aus der Rockmusik-Geschichte. Mit „Thela Hun Ginjeet“ endet ein einmaliger und besonderer Konzertabend.

Im Nachgang liest man in den sozialen Medien von einer teilweisen Unzufriedenheit Anwesender beim Sound, nicht nur hier in Berlin. Das kann ich mit meiner Erfahrung nicht bestätigen. Ich hatte aber auch das Glück, einen Platz erhöht direkt hinter dem Mischpult zu haben – quasi in der Königsloge. Jeden Ton, den ich gehört habe, konnte ich die Herren auf der Bühne auch tatsächlich erzeugen sehen. Eine weitere Besonderheit dieses Konzertes. Kritisch muss ich mich aber über die Preise am Merch-Stand äußern. Beispielsweise signierte CDs für 40 € und signierte Vinyls für 200 € anzubieten, ist schon sehr frech. Die Kundschaft schien das aber wenig zu stören, und damit hat das Management rein kaufmännisch und aus seiner Sicht gesehen die richtigen Entscheidungen getroffen.

Wie beschrieben erschien ja Ende 2025 bereits ein Live-Dokument von der ersten USA-Tour namens „Neon Heat Disease – Live in Los Angeles“. Die Setlist von heute ist im Vergleich zur BR (Blu-ray), abgesehen vom erwähnten Austausch von „Red“ gegen „Heroes“, zu 100 % identisch. Böse Zungen mögen nun sagen, dass sich das Projekt offenbar in den drei Jahren seines Bestehens nicht weiterentwickelt hat. Das hat aber auch den Vorteil, dass das heutige Konzert in brillanter Bild- und Tonqualität schon auf der heimischen Anlage komplett wiedererlebbar ist. Auch deshalb ist das gut, weil die Gelegenheit, diese herausragende Vereinigung brillanter Musiker auf einer späteren Tour noch einmal auf der Bühne zu erleben, als wenig wahrscheinlich eingeschätzt werden kann. Wer also Gelegenheit hat, der sollte da unbedingt noch hingehen. Die Tour geht noch bis zum 23. Juli.

Setlist

Set 1

Neurotica
Meal And Jack And Me
Heartbeat
Sartori in Tangier
Model Man
Dig Me
Man With An Open Heart
Industry
Larks Tongues In Aspic (Part III)

Set 2

Waiting Man
The Sheltering Sky
Sleepless
Frame By Frame
Matte Kudasai
Elephant Talk
Three Of A Perfect Pair
Indiscipline

Zugaben

Heroes
Thela Hun Ginjeet

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