Livereport: Midsummer Prog Festival 2026 – Maastricht Tag 2

Heiß wie der erste Festivaltag begann der zweite Tag in der Mittagsstunde, sodass es kein Wunder war, dass sich anfangs nur rund 100 Besucher auf der Tribüne verloren. Die belgische Band Ursa hatte die undankbare Aufgabe, diesen Tag zu beginnen und löste sofort Ohrstöpselalarm aus. Ihr brachialer ProgMetal-Sound kam bei Metallern im Publikum gut, bei Neo-Proggern jedoch gar nicht an. Immerhin konnten sie mit zwei Sängern aufwarten, von denen der eine für die Growls und der andere für die hohen Töne zuständig war. 

Ursa

Setlist Ursa

Digital Sea
Erase
Nautilus
Deconstruct
New Levels
Primordial Crown
Advance

Overhead, The Albatros

Wie in jedem Jahr hatten auch diesmal die Veranstalter des Midsummer Prog Festivals ein glückliches Händchen dafür, um eine bislang weitgehend unbekannte Band auf die Bühne zu holen, die zu Begeisterungsstürmen hinriss. Waren es vor zwei Jahren noch Haunt The Woods oder im letzen Jahr Lux Terminus gewesen, so räumte diesmal die Band Overhead, The Albatross mächtig ab. Das Ungewöhnliche ihres Auftritts begann schon mit dem Namen der Band. Dieser ist nämlich keineswegs an die in Proggerkreisen bekannte finnische Formation Overhead angelehnt, sondern stellt ein Zitat dar aus dem Pink Floyd-Klassiker „Echoes“(„Overhead the albatross / hangs motionless upon the air“). Die fünf quicklebendigen Iren aus Dublin, die als ihre Vorbilder neben Pink Floyd auch die Bands Tool und Explosions In The Sky nennen, präsentierten einen zwischen rhythmisch-komplex und höchst melodisch angesiedelten Post-Rock, der das Publikum einfach nur begeisterte. Dabei faszinierte besonders das Wechselspiel der Sänger Luke Daly und David Prendergast. Während der eine für die reinen Gesangsparts zuständig war, steuerte der andere einen Sprechgesang bei, der den Songs das besondere Etwas verlieh. Von atmosphärisch über metallisch bis elegisch war hier alles vertreten. Und so mussten die sympathischen Iren hinterher am Merchstand den zahlreichen Interessenten für ihre Tonträger allzu schnell mitteilen: „Sorry, sold out!“ 

Setlist Overhaed, The Albatros

Your Last Breathe
At Sea
Hibakusha
I’ve Got a Few Years Left
This Is Like Love
Paul Lynch

Franck Carducci & The Fantastic Squad

Den Iren folgte der Franzose Franck Carducci mit seiner Fantastic Squad auf die Bühne. Zwar waren Glitzerhemden, Eyeliner und freizügige Dekolletés nicht nur bei den Damen der Band nicht unbedingt jedermanns Sache, aber an der Musik gab es nichts auszusetzen. Monsieur Carducci versprach Rock’n’Roll nach der fünften Verjüngungskur – und die Spaßbude des Progressive Rock lieferte einmal wieder!

Da wurden Gitarrensoli noch mit senkrecht gehaltenem Gitarrenhals gespielt, da spielte der Meister noch die Doubleneck-Gitarre, da bekam das Publikum trotz Temperaturen über 30 °C ein fettes Drum-Solo von der sensationellen Léa Fernandez geboten und da bespielte Marie Reynaud das Theremin mit vollem Körpereinsatz.

Die Instrumente waren ebenso perfekt aufeinander abgestimmt wie ausgesteuert. Und das alles ohne Einsatz von AI, wie Carducci dem Publikum versicherte. Er verließ sich an diesem Nachmittag im Wesentlichen auf ältere Werke wie „Torn Apart“, „Slave To Rock’n’Roll“ oder „A Brief Tale Of Time“, aber das neue Album „Sheeple“ kam auch mit „The Limits Of Freedom“ und „The Betrayal Of Blue“ zu Ehren. Dieses fulminante Konzert beendete Carducci mit seiner Fantastic Squad besinnlich mit dem a cappella vorgetragenen „On The Road To Nowhere“.  

Setlist Franck Carducci & The Fantastic Squad

Alice’s Eerie Dream
Torn Apart
Slave To Rock´n Roll
Closer to Irreversible
The Limits of Freedom
The Angel
The Betrayal of Blue
A Brief Tale of Time
Artificial Paradises
Eclipse

Zugabe

On the Road to Nowhere

Amarok

Es ist schon lange kein Geheimtipp mehr, das polnische Quartett Amarok. Ihre an Porcupine Tree zu Zeiten von „In Absentia“ und „Deadwing“ erinnernde Musik kam von der ersten Minute vorzüglich beim Publikum an. Da wurde nicht musikalisch mit dem Breitschwert gearbeitet, sondern mit dem Florett.

Alle Instrumente, zu denen auch ein Theremin, ein Harmonium und ein Gong gehörten, hatten ihren deutlich erkennbaren Anteil am Gesamtbild und waren vorzüglich ausgesteuert. Spannungsgeladene Balladen („Hero“) und druckvoll-dynamische Stücke („Hope Is“) wurden dargeboten, allesamt begleitet von großartigem Gesang, vorzüglicher Drum-Arbeit, einem knochentrockenen Bass und Gitarrenpassagen, die mitunter an David Gilmour erinnerten.

Die Setlist bestand an diesem Tag ausschließlich aus Stücken der letzten beiden Amarok-Alben „Hero“ und „Hope“. Alles in allem lieferten Amarok mit diesem Auftritt ein umjubeltes Highlight dieses Wochenendes ab.

Setlist Amarok

Hope Is
Hail! Hail! AI
Surreal
Queen
Hero
It’s Not the End

Bruce Soord

Als nächstes betrat der Brite Bruce Soord die Bühne, hauptberuflich Mastermind der Formation The Pineapple Thief. Ausstaffiert mit Akustik- und E-Gitarren hatte er sich angekündigt mit Stücken aus seinen Solo-Alben, in denen er seine Fähigkeiten als vorzüglicher Singer/Songwriter präsentierte. Begleitet von Pineapple Thief-Bassist Joe Sykes sowie Drum-Einspielungen vom Band, unternahm er einen musikalischen Streifzug durch drei seiner Werke, darunter sein neues Album „Ghosts In The Park“. Da es sich bei diesem Album textlich um die Aufarbeitung persönlicher Schicksale handelte, die Soord mit Erläuterungen versah, ergab sich eine recht intime Stimmung zwischen Künstler und Publikum. Wie sich bald herausstellte, sollte dies dies die Ruhe vor dem abschließenden Sturm sein. 

Setlist Bruce Soord

Pillars
The Solitary Path of a Convicted Man
Never Ending Light
All This Will Be Yours
Cut The Flowers
Ghosts In The Park
Snowdrops

TesseracT

Denn nun traten endlich TesseracT auf, die Band, derentwegen der ursprüngliche Festival-Termin verschoben wurde. Ihre Musik entstammt den Stilrichtungen ProgMetal und Djent und sie machten vom Start weg klar, dass Kompromisse an diesem Abend nicht ihr Ding waren. Gleich sieben Musiker, darunter zwei Background-Sängerinnen, legten los wie die metallene Feuerwehr. Während die Sängerinnen stimmlich weitgehend kalt gestellt wurden von dem über die Zuhörer hereinbrechenden Gitarrengewitter (mit James Monteith und Acle Kahney waren die Sechs-Saiter gleich doppelt besetzt), tobte Chef-Vokalist Daniel Tompkins wie ein Irrwisch über die Bühne und sang und schrie dabei, was seine Lungen hergaben.

Dies kam bei den Headbangern, die sich vor der Bühne versammelt hatten, bestens an. Gespielt wurden überwiegend Stücke von TesseracT’s 2023er Album „War Of Being“ sowie ein Streifzug durch die in den 2010ern veröffentlichten Alben der Band. Erstaunen lösten TesseracT jedoch ganz zum Schluss aus, als sie nach absolvierten 80 Minuten die Bühne verließen und trotz der ihnen noch zur Verfügung stehenden 10 Minuten nicht zu einer Zugabe zurück kamen.  

Setlist TesseracT

Concealing Fate, Part 1: Acceptance
The Grey
Natural Disaster
Echoes
Of Mind-Nocturne
King
Smile
The Arrow
Legion
Tourniquet
Concealing Fate, Part 2: Deception
Juno
The Ballad Of Dave

War Of Being

Somit endete ein abwechslungsreiches Festival, das die Spannweite des Progressive Rock auslotete und ganz nebenbei die Hitzebeständigkeit der Prog-Gemeinde einer erfolgreichen Probe unterzog.

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