Review: The Tangent – Was (2026)

Mit „Was“ werden The Tangent am 2. Oktober ihr 14. Studioalbum vorlegen und dies in zwei Ausführungen: als Doppel-CD und als Deluxe-Ausgabe mit Dreifach-CD. Der nachfolgende Review bezieht sich ausschließlich auf die Doppel-CD-Ausgabe.

Tracklist

CD 1
1. Was (22:08)
2. Follow The River (4:55)
3. Was Not (20:48)

CD 2: La Suite – Ce qu’était
1. L’Aperitiv (6:23)
2. Steak De Chevreuil Et Le Fermier (4:27)
3. Danse (8:19)
4. La Route Cortier (9:35)
5. Multi Partisanisme (15:44)
6. Laisses Moi Chanter (8:25)

Man kann dem Engländer Andy Tillison nun wirklich nicht nachsagen, sich mit seinen nunmehr 67 Lenzen auf der faulen Haut auszuruhen. Zwei Jahre nach dem letzten Tangent-Album „To Follow Polaris“ und ein halbes Jahr nach seinem „parallel or 90 degrees“-Projekt bringt er das Doppelalbum „Was“ auf den Markt, das er im Alleingang getextet und komponiert hat und das wohl sein intensivstes überhaupt darstellt – aber dazu gleich mehr. Hatte Tillison „Polaris“ noch im Alleingang eingespielt, so ging er das Album „Was“ mit voller Kapelle an. Gehörten Theo Travis, Steve Roberts und Luke Machin schon zur Stammbesetzung von The Tangent, so ist der in der Welt des Prog nicht gänzlich unbekannte John Jowitt nun an Bord und ersetzt am Bass Jonas Reingold, dessen Wiener Tonstudio aber immerhin am Aufnahmeprozess beteiligt war. Es bleibt also in der Familie. Zudem ist erstmals Multiinstrumetalist Rob Groucutt als zweiter Keyboarder mit dabei, bekannt von der britischen Band Rain.

Aber kommen wir zum Kernstück dieses Albums, zu der Geschichte, die uns Andy Tillison mit seiner wohlbekannten Mischung aus Gesang und Sprechgesang in den 20-Minütern „Was“ und „Was Not“ erzählt. Es ist die Geschichte seiner Jugend und seines Lebens. Die Geschichte, die sich in äußeren, sehr britischen Rahmenbedingungen von unserer unterscheidet, ja unterscheiden muss, aber im wesentlichsten Kern auch unsere eigene ist, sofern der Hörer Ende der 50er oder Anfang der 60er Jahre geboren wurde und in der Zeit danach aufgewachsen ist, in welchem Land auch immer. Es ist die Erfahrung, die jemand gemacht hat, der das Glück hatte, keinen Krieg selbst erleben zu müssen, Leid und Elend (Vietnam, Biafra) lediglich aus den Medien kennengelernt hat. Der sich die Frage stellt, welche Besonderheiten sein Leben ausmachen und zu einem sehr bedeutenden Faktor kommt, nämlich zur Musik, zum Rock and Roll. Der miterlebte, wie der Prog sich Anfang der 70er Jahre zu voller Pracht entfaltete und Ende der 70er vom Punk und der Disco-Welle fast vollständig hinweg gefegt wurde. Der heute in einer Welt lebt, in der Akteure versuchen, die Menschen aus politischen Gründen auseinander zu dividieren, aber der Rock immer noch da ist, unser Leben begleitet und die Kraft hat, Menschen zu vereinen. All dies erzählt uns Andy Tillison auf dem Album „Was“. Das lässt mitunter eine Gänsehaut den Rücken herunter laufen, weil es auch zutiefst unsere Geschichte ist.

Die Musik passt sich der Erzählung an wie ein Handschuh. Sie besteht aus einer Mischung aus Progressive Rock, Jazz-Rock, Jazz, Soul, auch Spuren von Klassik finden sich. Meist umschmeichelt sie harmonisch die Ohren, dann wird sie stellenweise disharmonisch, je nachdem, wie es die Erzählung verlangt. Da kommt sogar auch einmal an passender Stelle Disco-Musik zu Gehör, wobei Tillison beweist, dass auch diese anspruchsvoll sein kann. Die Besetzung an den Instrumenten steht einmal mehr für höchste Qualität. Besonders herausstellen möchte ich die Saxofon-Passagen von Theo Travis, die einfach nur zum Niederknien sind, und das ebenso unaufdringliche wie songdienliche Gitarrenspiel von Luke Machin. Und dass die Band mit John Jowitt am Bass einen Glücksgriff getan hat, beweist dieser mehrfach insbesondere auf der zweiten CD.

Neben den bereits angesprochenen Stücken „Was“ und „Was Not“ befindet sich auf der ersten CD noch das wunderschöne, beschwingte „Follow The River“, in dem die beneidenswerte Konsequenz besungen wird, mit der sich ein Fluß seinen Weg von der Quelle bis zur Mündung bahnt und die für uns Menschen ein Vorbild sein sollte. Auch dies geschieht musikalisch mit einer Mischung aus Prog Rock und Jazz-Einflüssen, die ebenso harmonisch wie melodisch klingen. Auf der zweiten CD, die den Titel „La Suite – Ce qu’était“ („Die Fortsetzung – Was es war“) trägt, tragen die sechs Stücke ausschließlich französische Titel und sind weitgehend instrumental. Hier wird im Gegensatz zur ersten CD der Jazz stärker in den Vordergrund gestellt, was jedem einzelnen Musiker noch einmal größere Entfaltungsmöglichkeiten gibt. So verschieden die Stücke auf dieser zweiten CD mit ihren vielen Rhythmus- und Tempiwechseln sind, so musikalisch ansprechend und melodisch sind sie. Auf dem letzten Stück „Laisses Moi Chanter“ („Lass mich singen“) richtet Tillison die Aufforderung an uns, unsere Kommunikation nicht auf digitale Symbole zu reduzieren. Seine Kommunikation ist die Musik. Abschließend formuliert er die finale Botschaft des Albums, indem er uns auffordert, die Millionen wertloser Meinungen, die Rankings, die hochgereckten Daumen und die Lakaien der Politik links liegen und sie uns nicht auseinander dividieren zu lassen: „Don’t let them have it.“

Im Fazit ist „Was“ ein Album, das im ohnehin qualitativ hochwertigen Gesamtwerk von The Tangent noch einmal in Aussage wie Musikalität hervor sticht. Es bietet ein Übermaß an musikalischem Einfallsreichtum, kombiniert mit Aussagen, bei denen wir uns wiederfinden können. Was kann man mehr erwarten?

Musiker

Theo Travis: Wind Instruments and electronic manipulations thereof
Steve Roberts: Drums, Percussion, Gong
John Jowitt: Bass Guitar
Luke Machin: Electric and Acoustic Guitars
Rob Groucutt: Keyboards, Backing Vocals
Andy Tillison: Vocals, Keyboards

Artwork Layout: Andy Tillison for MBL Graphics |Label: White Knight Records

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