Die Nacht ist kurz, bei diesen Backofen-Temperaturen ist schlafen sowieso nicht so einfach. Wir sind im Band-Hotel oben in der Höhensiedlung Rothenberg auf der Hirschhorner Höhe untergebracht. Hier ist es etwas kühler und nach ausgiebiger Stärkung sind wir bereit für den zweiten Teil des Festivals. Die zwei ersten Bands des Tages sind ungewöhnlich für diese Tageszeit und vor allem auch für die jüngeren Generationen interessant. Die Mars Mushrooms alias Marsis sind nach 2023 wieder einmal zu Gast beim Finkenbach-Festival und passen auch zu dieser Veranstaltung wie maßgeschneidert.

Zufällig trafen wir kürzlich Wolfgang, ein Fan der Jam-Rock-Musik und der berichtete uns von Marsis und dem immer Ende Juni von ihnen ausgerichteten Jamkraut Festival Nähe Ansbach mitten in der Sauerkraut-Region im Mittelfranken. Nun erleben wir die fünf Kraut-Musiker selbst hier zur Eröffnung von Tag Zwo. Michael Schmidt (Gitarre, Gesang), Christoph von der Heide (Bass, Gesang), Lars Weißbach (Keys), Thomas Kupser (Didgeridoo), Christof Stellwag (Schlagzeug) nahmen die schon wieder reichlichen „Frühaufsteher“ vor der Bühne mit ihren schwebenden, tanzbaren Klängen auf ihre musikalische Reise.



Die für diese frühe Tageszeit archaischen Didgeridoo-Klänge brachten Bühne und Zelte zum Beben und riefen wie die Trompeten von Jericho über das gesamte Finkenbach-Camp zum Versammeln vor die Spielstätte. Hat geklappt, viele kamen und feierten mit.
Und wer dachte jetzt wird hitzebedingt etwas Tempo rausgenommen, der hatte sich restlos getäuscht. Auch hier wieder ein Zufall, denn unser Reporter Marvin Brauer berichtete uns von einer Band, die er unbedingt einmal sehen wollte und inzwischen leider mehrmals verpasst hatte. Wir haben den hochenergetischen Auftritt von Spiral-Drive-Chef Raphaël Neikes und seinen vier Mitarbeitern überlebt, waren sehr nah dran und auf der Bühne und können berichten, das die Musiker von Spiral Drive echt alles aus sich herausgeholt haben.

Der Schlagzeuger saß fast nackt auf seinem Hocker und war nach kurzer Zeit schweißüberströmt. Er beobachtete von hinten aus einer wabernden Nebelwand heraus was die Mitspieler so machten, besser er hörte was sie anstellten. „Ihre Fähigkeit Alternative-, Psychedelic- und Indie-Rock, Psych-Pop und Grunge mit virtuosen Improvisationen homogen miteinander in ausufernde Jams zu verschmelzen macht Spiral Drive besonders.“ Wie wahr, man hatte das Gefühl, ein durchgängiges 90-minütiges Rock-Monster mit kurzen Verschnaufpausen zu erleben. Fünf junge Musiker mit kollektiver Spielfreude, für jedes Rock-Festival ein Aushängeschild, für jeden Zuschauer ein Erlebnis und Trip ohne halluzinogene Drogen. So geht es mit dem Spiralantrieb direkt in den Rock-Orbit.
Die schottische Legende und Liedermacher Miller Anderson (Gesang, Gitarre) gehört zu den wenigen lebenden, immer noch vitalen und musizierenden 1969-Woodstock-Veteranen. Er kannte und kennt bis heute keine Star-Allüren, vielleicht ist das einer der Gründe, warum er bis heute leider immer weit unter dem Radar vieler Rock-Fans geblieben ist. Einige seiner Karriere-Stationen sind Hemlock, Keef Hartley Band (5 Alben als Haupt-Songwriter, Gitarrist, Leadsänger), Savoy Brown, Blood Sweat & Tears, T-Rex, Donovan, Chicken Shack, Mountain, Jon Lord & The Gemini Band, The Spencer Davis Group, Deep Purple und Hamburg Blues Band. Kaum ein Gitarrist der mit so vielen sehr bekannten Musikern auf der Bühne stand, mit ihnen zusammen musizierte und Alben aufnahm. Die fast einmalige und feinfühlige Art, wie Miller Anderson spielt, sowie seine banddienliche Arbeit machen diesen „Gentleman“ zu einem der großen Gitarristen der rockigen Musik.

Er drängt sich nicht in den Vordergrund, erfreut sich auch an jeden gelungenen solistischen Vortrag seiner Kollegen, zeigt das deutlich für Jedermann, auch diesmal wieder einmal beim Finki 2026. Vor allem seine versierte, gefühlvolle Gitarren-Arbeit und der kraftvolle, nie auf Effekthascherei ausgerichtete Einsatz seiner 6-Saitigen machen ihn unvergleichlich, damals Mitte der 60er und auch heute noch.

„Sir Mill“ kommt mit seiner erfahrenen Stamm-Band zum Woodstock im Odenwald: Frank Tischer (Keyboards, Gesang), Janni Schmidt (Bass, Gesang), Tommy Fischer (Schlagzeug), Klaus Marquardt (Violine), allesamt gehören sie zum Tafelsilber der deutschen Rock-Musik. Und was sie hier als Quintett abliefern ist Extraklasse. Besonders die leiseren Töne, die balladesken Passagen begeistern nach dem vorherigen „Abriss“ der Bühne. Viele Besucher kommen zu mir und sind voll des Lobes: hast du das gehört, oder, war das nicht fantastisch. Mill, Frank, Janni, Tommi und Klaus haben ihre Visitenkarten abgegeben, das haben wir im Band-Hotel Hirsch auch allen Musikern gesagt. Sie haben gestrahlt und die Anerkennung berechtigt noch einmal genossen.

Fast ebenso lange wie Miller Anderson bewegen sich die Arme und Beine von Hellmut Hattler (Bass), Jan Fride Wolbrandt (Schlagzeug) und Bruder Peter Wolbrandt (Gitarre) für die Musik. Kann man sich eine Geschichte der deutschen Rock-Musik ohne Bands wie Guru Guru, Epitaph oder eben Kraan überhaupt vorstellen, sehr schwer. Wir haben Kraan kürzlich schon einmal taufrisch in München bewundern dürfen, auch dort beim TAP-Festival im Alten Kongreßsaal haben sie mit Spielfreude und Perfektion geglänzt. Und auch hier im Odenwald war vor und auf der Bühne die Stimmung vorzüglich.

Auch Martin Kasper, der war wieder für einige Kompositionen mit auf der Bühne, sorgte für viele gute und zusätzliche Akzente. Mit seinem banddienlichen Tastenspiel wird das Kraan typische Klangbild noch breitflächiger. Kraan ist und bleibt ein eigenes Klang-Universum. Das erinnerte auch sehr stark an Zeus B. Held bei Guru Guru am Vortag. „Die Dienstälteste deutsche Band durchgängig immer in Originalbesetzung“ wie Hellmut Hattler selbst sagt, hat wieder einmal abgeliefert und die vielen Fans aus Nah und Fern auf ihrer „Kraan’s Ritt durch den Odenwald“ mitgenommen.
Liegt es am Klimawandel oder nur am Angebot, das der US-Südstaaten-Rock wieder eine Belebung erfährt. Ganz egal, denn es gibt inzwischen einige europäische Bands, die solche Musik den Rockern präsentieren. Beispielsweise Good Clean Fun aus Berlin, Midge’s Pocket aus dem bayrischen Mühldorf am Inn, Basement Saints aus der Schweiz und eben die niederländische Truppe um Gitarristen Leif de Leeuw. Die blutjunge Equipe aus den Niederlanden um den mehrfach ausgezeichneten, 9-mal in Folge bester Blues-Rock-Gitarrist der Benelux, Gitarrist Leif de Leeuw steht an der Spitze dieser Blues-Spezialität.

Sie sorgten ja in der letzten Zeit für viel Furore, denn Leif und Sem Jansen sind von der musikalischen Qualität mit Allman & Betts vergleichbar. Bass, zweimal Schlagzeug und Orgel ergänzen dieses dynamische Sextett und erzeugen auf der Bühne ein Feuerwerk und ordentlich Luftbewegung Richtung Feierbiester. Ihre Spielfreude, Qualität und Nähe zu den Fans ist beeindruckend, die Präzision und Harmonie ebenso, das Repertoire aus Klassikern und Aktuellem wie aus einem Guss. Das sie zusammen viel Spaß am Zusammenspiel haben, konnten wir im Band-Hotel erleben.


So wie die sympathischen „Flying Dutchmen“ auf und hinter der Bühne sind, so sind die sechs jungen Musiker auch am Frühstückstisch. Der angesagteste, zeitgemäße und knüppelharte US-Jam-Rock kommt aktuell aus Holland. Die Leif de Leeuw Band gehört mit ihren druckvollen und ausdruckstarken Eigen-Kompositionen im Bereich Blues, Americana, Country, Rock und jeweils zwei duellierenden Schlagzeugern und Gitarristen (mit Sänger Sem), Bass sowie klassischen Hammond-Organisten zur führenden Südstaaten-Rock-Band Europas.

Was die Hamburg Blues Band für das Woodstock Forever ist, das sind für das Finki nun nach mehreren Jahren die The Detroit Blackbirds von Sänger und Gitarrist Alex Auer (Shyboy, Lava). Diese Formation ist inzwischen von den Fans im Odenwald als Abschluss und Rausschmeißer absolut gewünscht, denn diese Truppe ist immer, wie bei den Hamburgern, ein Kollektiv von erstklassigen Musikern. Eine weitere Parallele ist die überschaubare Anzahl der Alben, es gibt bisher nur das Debüt Much Better (2018). Zu später Stunde hat diese Rock-Formation wieder für einen rauschenden Abschluss des Finkenbach-Festivals gesorgt. Das ist inzwischen Kult und hat mit Spielfreude und Hingabe für Live-Musik wieder die Fans im Odenwald bis in die frühen Morgenstunden begeistert.
