Review: Sammary – The Dream (2023)

Das junge, extrem experimentierfreudige Projekt aus der Region Rhein-Main-West hat die musikalische Messlatte schon mit der 5-teiligen EP »Blind« (2020), einigen frühen Singles (2021) und besonders ihrem famosen Album-Debüt “Monochrome” selbst extrem hochgelegt. Und nun erschien vor ein paar Tagen der häufig schwierigere und oftmals verfluchte Nachfolger. An so einem Zweitling sind tatsächlich bereits viele große Karrieren kläglich gescheitert. Hier schon einmal vorausgeschickt, bei Sammary eher nicht. Auch wenn andere Rezensenten das vielleicht anders beurteilen, sehe ich trotz der Begleitumstände, auf die ich im folgenden Text noch eingehe, beim brandaktuellen “The Dream” eine klare Weiterentwicklung.

Tracklist:

01. Cascades (5:24)
02. Trance (4:37)
03. Oscillation (1:41)
04. Voices (7:32)
05. The Game (5:09)
06. Rotations (2:24)
07. The Dream (5:28)
08. Eulogy For A Dream (4:50)
09. Awake (4:00)

Und auch noch so viele Parallelen zu Steven Wilson, der immer wieder gebetmühlenartig als Vergleich herangezogen wird, ändert daran in beide Richtungen überhaupt nichts. Es stimmt, Haupt-Komponist und Multi-Instrumentalist Sammy Wahlandt ist jung, etwas introvertiert und äußerst talentiert. Es stimmt, seine Instrumentierung ist rockig-progressiv voll nach vorn aber mit gutem Fingerspitzengefühl ausgewogen komponiert und arrangiert. Es stimmt, er macht fast alles im Alleingang und hat stets gute, wenn auch noch recht unbekannte, Helfer und Mitspieler dabei. Genau das war auch etwa 10 Jahre beim Frontmann und Barfuss-Spieler von Porcupine Tree so ähnlich. Aber zurück zum zweiten Werk »The Dream«, das nur eineinhalb Jahre später nun die Fans begeistern und bei Stimmung halten soll. Wie bei Sammary gewohnt, stehen in diesem Septett sechs Männer einer zierlichen Frau gegenüber. Aber die großartigen vokalen Vorträge von der stimmgewaltigen Frontfrau Stella Claire Inderwiesen, die wirkt selbstbewusster, erwachsener und ihre Stimme hat meines Erachtens mehr Druck und Nuancierung, sind die tragende und verbindende Konstante bei den insgesamt neun Titeln des neuen Albums. Diesmal übernimmt, im Gegensatz zu allen vorher genannten Veröffentlichungen mit unterschiedlichen Sängerinnen, Stella fast alle Gesangsteile des Albums und das ist tatsächlich kein Nachteil. Und ich sage es an dieser Stelle schon mal, alles in einer Qualität die einige so einer jungen Sängerin wohl nicht zugetraut haben. Ich schon, denn ich habe sie am 29. April 2022 schon bei der von Progressive Promotion Records organisierten Live-Vorstellung des Debüts das erste Mal selbst erlebt und genau beobachtet. Alle Texte und die Musik stammen wie gewohnt von Sammy Wahlandt, außer »Cascades« das in Zusammenarbeit mit Taste Ivan Khobta entstanden ist. Marie Stenger, die noch auf »Monochrome« bei einigen Titeln singt, hat diesmal mit »Rotations« wieder eine sehr schöne Komposition beigetragen.

Wer die Wandlung und Entwicklung, vom Projekt aus dem hessischen Flörsheim am Main zur stabilen Band, seit Erscheinen des famosen Debüts weiterverfolgt hat, konnte schon mit den früh in Bild und Ton veröffentlichten Liedern »The Dream«, »Trance« und »Cascades« erahnen, wohin die weitere Reise gehen würde. Der Arbeitseifer war auch dem Einfluss des The-Rock-Buster der progressiven Rockmusik Oliver Wenzler geschuldet, der Drahtzieher und Vordenker Sammy Wahlandt immer wieder animierte zügig am neuen Material weiterzuarbeiten und damit die Spannung auf den Fellen der Trommeln äußerst stramm hielt. Und die Band um Sammy, in der auch sein Vater Jörg Wahlandt mitspielt, hat großartig geliefert. Wer sich das Video von »Cascades« anschaut, der glaubt kaum, dass diese junge Gilde von schaffenden Künstlern, so fantastisches Material aus dem Hut zaubern kann. Auch hier wird die generelle Ausrichtung von Sammary sichtbar, wird die schöne druckvolle Musik durch ineinander verwobene Bildsequenzen verstärkt. Stella erinnert mich, nicht nur im Video »Cascades«, an die ebenso junge Künstlerin Chloe Alper, die ich auch im Rhein-Main-Gebiet vor vielen Jahren mit einer fantastischen Band aus England erleben durfte, jedoch ist das zwar eine passende aber ganz andere Geschichte.

Wer mich kennt, der weiß das ich ständige Vergleiche etwas ermüdend finde. Aber hier mal eine Ausnahme, hört euch »Monochrome« an, dann wisst ihr was euch bei »The Dream« erwartet und erneut erstklassig abgeliefert wird. Wunderbare moderne Melodien, passgenaues Zusammenspiel von instrumentalen und vokalen Einlagen, variantenreicher niveauvoller Gesang, druckvolle Gitarrenarbeit, ständig von zwei konzentrierten Tasten-Piloten eingestreute, pickelnde, stützende Keyboards, alles zusammen harmoniert sehr gut. Schon mit den ersten brachialen Sequenzen von »Cascades«, aber besonders beim Einsetzen des Gesangs, weiß man, jawohl die erfolgreiche Reise von diesem jungen deutschen Septett Sammary geht nahtlos weiter. Etwas ruhiger geht es bei »Trance« weiter, der pianogestützte Gesang von Stella steht erst mal stark im Mittelpunkt, aber auch hier ist immer die deutliche und auch schon mal derbe Handschrift der Main-Rocker spürbar. Zum Schluss ein starkes Keyboard-Solo von US-Tasten-Virtuose Adam Holzman, der auch schon bei Marek Arnold’s Artrock Project mehrere megastarke Gastauftritte hatte. Mit dem Instrumental »Oscillation« und Ballade »Rotations« sind auch wieder zwei kürzere Verbindungsstücke auf Startplatz Drei und Sechs dabei, die aber beim mehrmaligen Durchhören des über 40-minütigen rockigen Werkes zusammen mit dem verspielten »The Game« kurze überraschende Verschnaufpausen verschaffen. Und trotz immer wieder beinharter Passagen, wie auch beim 8-minüter »Voices« löst diese Melange aus bretthart und filigranmelodisch oftmals angenehmes Wohlgefühl in den Ohren aus. Auch beim Titelsong »The Dream« stehen die gitarrenbetone Instrumentierung und der zauberhafte Gesang, aber ebenso Düsternis durch verfremdete Stimmen, im starken Kontrast. Es ist ein ringen um die Vormachtstellung, mal hat die Musik die Nase vorn, mal der Gesang, aber über alles gibt es einen kollektiven Sieg des fantastisch produzierten Titel. Die beiden letzten Stücke »Eulogy For A Dream« und das balladeske »Awake« halten das Niveau bis zum Ausklingen durchgängig hoch, auch die Titelfolge ist meines Erachtens gut gewählt. Was fehlt jetzt noch: die Vorstellung der weiteren Mitspieler: Marvin Kollmann (Lead-Gitarre), Ivan Khobta (Synthesizer), Julius Stapenhorst (Bass), dem Neuen Benedikt Schadt an Keyboards und das wie gewohnt düstere Artwork das sicher nicht jedem gefällt, aber zum Konzept passt. Die Zeit die ich mit dem Zweitling »The Dream« und allem drum herum verbracht habe, hat sehr viel Freude gemacht, wie schon 2022 beim Debüt.

Wer über das zeitgemäße Album »The Dream« hinaus weiteres aktuelles Material sucht, hier der Hinweis auf die vier authentischen Videos, die im Alleingang von 3-Finger Joe in seinem Session-Büdchen DIE BOX erschaffen wurden (purer Retro-Underground) sowie die am 01. Dezember erschiene Live-Digital-EP »Live The Dream: Live In Telgte«, bestehend aus den Live-Versionen »The Dream«, »Trance« und »Cascades« sowie »Open« und »219« vom Debüt (sehr ausgewogene Tonqualität). Bei »The Dream« ist eine deutlich Weiterentwicklung Sicht/Hörbar. Den Kritikern zum Trotz rate ich euch SammarYsten: In diesem starken Kollektiv weitermachen, nicht verrückt machen lassen, bei vielen Bands die mir gerade durch den Kopf gehen hat es auch manchmal über ein Jahrzehnt gedauert. Der »The Dream« muss gemeinsam weitergelebt werden und ich bin absolut sicher mit dabei !! Sammary: Eins mit Auszeichnung, setzen und so weitermachen!

Lineup / Musiker:

Sammy Wahlandt (Drums)
Stella Inderwiesen (Vocals)
Marvin Kollmann (Guitar)
Joerg Wahlandt (Guitar)
Benedikt Schadt (Keys)
Ivan Khobta (Synthesizer)
Julius Stapenhorst (Bass)

Guests:

Adam Holzman: Synth Solo on “Trance”
Bruno Bolz: Guitar Solo on „Voices“

All lyrics and music written by Sammy Wahlandt except “Cascades” written by Sammy Wahlandt and Ivan Khobta and “Rotations” written by Marie Stenger

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