Viele Jahre lang fielen die Termine des Night of the Prog-Festivals auf der Loreley und der Zappanale auf der Galopprennbahn in Bad Doberan zusammen. An den wenigen Wochenenden, an denen dies nicht der Fall war, konnten wir die Zappanale in dem kleinen Ostseebad genießen, das jeden Sommer kurzzeitig zum Nabel der Zappa-Welt wird. Nach drei Jahren sind wir nun wieder dabei und müssen feststellen, dass sich in dieser Zeit vieles verändert hat. Die Preise für die Festivaltickets sind deutlich gestiegen, das Gelände wurde verkleinert und es gibt nur noch eine Bühne. Dennoch steht an den vier Festivaltagen immer noch die Musik im Vordergrund, mit der dem unvergessenen Musikgenie Frank Zappa gehuldigt wird.

Donnerstag, 17. Juli
Die Warm-up-Party, die seit 2023 auch auf dem Festivalgelände stattfindet, ist traditionell kostenlos, sodass auch Musikinteressierte aus Bad Doberan und den umliegenden Urlaubsorten mitfeiern können. Das Programm ist abwechslungsreich. Bereits am Vormittag wird im Stage-Zelt Musik gespielt. Uns verschlägt es jedoch erst nachmittags zum Festival. Als wir staubedingt später als vorgesehen auf dem Festivalgelände ankommen, verpacken die Musiker und Musikerinnen des Bundespolizeiorchesters Berlin gerade ihre Instrumente. Dafür erleben wir die letzten Songs von Möwe & Die Ölmützen. Dieser lockere Männer-Freizeit-Chor der besonderen Art hat sich verschiedenster Musik verschrieben und präsentiert unter dem Motto „Shanty-Punk’n Roll” bekannte Seemannslieder, Rock- und Punk-Klassiker im Shanty-Stil. Wenn zwanzig windgegerbte und trinkfeste Männer „Wir sind blau wie das Meer.“ singen, dann kauft man ihnen das ab. Und wenn aus Iggy Pops The Passenger das Lied Passagier wird, bei dem die Möwe immer einen Platz in der Außenkabine hat, dann macht das richtig Spaß.

Als Nächstes steht The Scott Thunes Institute for Musical Excellence (USA) – plays BEATLES auf dem Programm. Der Musiker Scott Thunes, der von 1981 bis 1988 als Bassist in den Bands von Frank Zappa spielte, leitet seit zwei Jahren in seinem Institut junge Musikstudierende an, die sich vorrangig dem musikalischen Erbe Zappas widmen. Heute spielt eine Gruppe dieser Studentinnen und Studenten im Alter von 14 bis 20 Jahren ein grandioses Konzert mit ausgewählten Beatles-Klassikern.

Es ist beeindruckend, mit wie viel Hingabe sich die zum Teil sehr jungen Instrumentalisten, Sängerinnen und Sänger den Songs widmen. Bei fliegenden Wechseln an den Instrumenten und Mikrofonen hören wir Songs wie Dear Prudence, While My Guitar Gently Weeps oder I Want You (She’s So Heavy). Bei Because steht plötzlich ein ganzer Chor auf der Bühne und interpretiert diesen Song mit ergreifender Intensität. Es sind junge Menschen, die Spaß an der Musik haben und offensichtlich ehrgeizig genug sind, fleißig zu üben.


Mit der swingenden Earth, Wind & Fire-Version des Beatles-Songs Got to Get You into My Life schwenken die Jugendlichen auf Songs von Zappa oder den Rolling Stones um. Auch dabei präsentieren sie beeindruckende Versionen von You Can’t Always Get What You Want, wiederum mit einem großartigen Chor, oder Sympathy for the Devil, bei dem der junge Sänger Luke Nicastro das Publikum mit seiner wilden Performance zu Begeisterungsausbrüchen hinreißt.


Treue Besucher der Zappanale haben die Band Blanck Zappath in den vergangenen Jahren bereits mehrfach erlebt. Keyboarderin und Sängerin Agnete Granitzka sowie ihre fünf Mitstreiter aus Stralsund, Greifswald, Leipzig und Berlin begeistern die Fans zum Abschluss der Warm-up-Party mit einer faszinierenden Mischung aus genialen Songs von Frank Zappa und kraftvollen, härteren Stücken von Black Sabbath. Das äußerst abwechslungsreiche Programm endet erst spät in der Nacht.





Freitag, 18. Juli
„Music is the Best“, dieser Ausspruch, der auf Frank Zappa zurückzuführen sein soll, gilt auch als Motto für die Zappanale. An diesem Freitag stehen sechs sehr unterschiedliche musikalische Acts auf der Bühne, von denen wir drei erleben werden. Die jungen Musikerinnen und Musiker vom The Scott Thunes Institute for Musical Excellence, die schon am frühen Nachmittag spielen, verpassen wir leider. Wir steigen bei Don Preston ein, der ab 16:30 Uhr sein Solo-Piano-Konzert spielt. Preston gilt als E-Pionier, da er bereits 1965 einen ersten Synthesizer gebaut hatte. Seit 1967 begleitete er Frank Zappa bis zur Auflösung der Mothers of Invention. Heute erleben wir den 93-jährigen Musiker mit Improvisationen und eigenen Songs auf dem Piano. America Drinks And Goes Home hätte Zappa im Stil der 1940er Jahre geschrieben, berichtet Preston und singt dieses Stück auch gleich. Eine lebende Legende, allein auf der großen Bühne – das ist beeindruckend.

In den Kompositionen der talentierten Jazz-Flötistin und Saxofonistin Clémence Manachère sind Einflüsse aus Jazz, Klassik, brasilianischer Musik und von Frank Zappa erkennbar. Dies stellt sie mit ihrem Projekt Hopscotch – The White Page unter Beweis. Das Quintett lässt aus Zappas Musik und Manachères Kompositionen neue Klangwelten entstehen, bei denen die Grenzen zwischen notierten Passagen und Improvisation gesprengt werden. Auch die Instrumentierung mit Flöte und Sopransaxofon, Cello, Gitarre und zwei Schlagzeugen ist sehr eigenwillig.





Das Trio Ciardelli-Drago-Strano aus Italien begeistert im Anschluss mit einer einzigartigen Mischung aus Kammermusik, Zappa-Kompositionen und Humor. Die italienisch-deutsche Komponistin und Kontrabassistin Valentina Scheldhofen Ciardelli ist auf der Zappanale längst keine Unbekannte mehr. Ich erinnere mich noch gut an ihren Auftritt im Jahr 2022 mit ihrem Projekt Zappawoman.

In diesem Jahr hat sie die Violinistin und Sängerin Anaïs Drago sowie den Countertenor Riccardo Strano an ihrer Seite. Gemeinsam präsentieren sie ein faszinierendes Klangerlebnis, das klassische Kammermusik mit zappaeskem Rock verbindet – gewürzt mit einer Prise Klamauk. Das Trio beweist eindrucksvoll, dass sich Zappas Baby Snake oder Sofa Part 1 durchaus mit Werken von Mozart oder Scarlatti kombinieren lassen. Ein Erlebnis, das die Grenzen zwischen Ernst und Spaß auf wunderbare Weise verschwimmen lässt.



Die niederländische Zappa-Tribute-Band Cheap Thrills stellt für uns den Abschluss des zweiten Festivaltags dar. Ihr über zweistündiges Konzert endet erst spät nach Mitternacht. Die 11-köpfige Band mit fettem Bläsersatz, ausuferndem Percussion-Instrumentarium, einem grandiosen Gitarristen und stimmgewaltigen Sängern huldigt ihrem Idol auf beeindruckende Weise. Kompositionen wie Peaches En Regalia, Cosmic Debris oder Das Sofa werden mit viel Spielfreude zelebriert. Ravels Bolero in der Version von Frank Zappa machen ebenso Spaß wie der Song Montana, bei dem Robert Martin mit auf die Bühne kommt. Und Bobby Brown Goes Down fehlt natürlich auch nicht im Repertoire der Cheap Thrills.



Samstag, 19. Juli
Die Band The Dangerous Kitchen aus dem Ruhrpott serviert uns an diesem heißen Nachmittag eine Auswahl von Zappas Kompositionen, die mit ordentlich Schmackes daherkommen. Frontmann Holger Auer überzeugt mit seiner energetischen Gesangsleistung, während Michael Koball an der Marimba für rhythmische Akzente sorgt. Unterstützt werden sie von drei starken Bläsern und einer präzisen Rhythmusfraktion, die das Ganze mit sattem Sound untermalen. Trotz der Nachmittagshitze hält die Band viele Fans vor der Bühne. Einige lassen sich sogar zum Tanzen verleiten – ein echtes Feuerwerk an Spielfreude.





Die österreichische Band Polka Streng sorgt mit ihren „wirklich wahren Geschichten“ um einen gewissen Johann Krefczyk, der Frank Zappa angeblich auf einer Reise zwischen Trautmannsdorf und Prag getroffen haben will, für Erheiterung beim Publikum. Ihr Mix aus Zappas Musik und böhmisch-mährischer Blasmusik schafft dabei eine interessante Verbindung. Die Musiker strahlen eine liebevolle Leidenschaft für ihre Musik aus. An diesem Nachmittag vermag mich das jedoch nicht mitzureißen.



Das Konzert der Monika Roscher Bigband gilt schon vor dem offiziellen Start als echtes Highlight. Während des Soundchecks füllen sich die Reihen vor der Bühne, und die ersten Beifallsbekundungen sind kaum zu überhören. Man spürt förmlich die Vorfreude unter den Fans. Nach dem Check bittet die aufgeregt wirkende Monika Roscher noch kurz um eine kleine Pause, um dann in einem farbenfrohen Outfit mit schwarzen Shorts und Lederstiefeln in die Bühnenmitte zu treten.

Um sie herum haben sich 17 Musikerinnen und Musiker versammelt, die mit ihrem Können und mit sichtbarer Spielfreude die sympathische Gitarristin und Sängerin perfekt begleiten. Bei Monika scheint jegliche Aufregung verflogen zu sein. Mit strahlendem Lächeln dirigiert sie ihre Band, auch wenn der Wind die Partitur vom Notenständer fegt – ein kleines Chaos, das die Szene nur noch lebendiger macht. Sie singt mit Leidenschaft und tobt sich auf der Gitarre aus, als wolle sie die Grenzen zwischen Math-Jazz und Progressive Rock sprengen.


Die Mischung aus komplexen Rhythmen, ungeraden Taktarten und wilden Bläsersätzen fordert nicht nur das Publikum, sondern auch die Musikerinnen und Musiker. Fast jedes Bandmitglied bekommt die Gelegenheit, sich mit einem Solo zu präsentieren – ein echtes Feuerwerk an musikalischer Kreativität. Es sind energiegeladene und inspirierende Momente, die zeigen, dass Monika Roscher im vergangenen Jahr zu Recht für ihre Komposition 8 Prinzessinnen mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet wurde.



Die britische Band Treacherous Cretins tourte in den vergangenen zwei Jahren mit Robert Martin durch Großbritannien und Irland. Heute Abend setzen sie diese gemeinsame Reise fort, indem sie sich dem umfangreichen Werk von Frank Zappa widmen. Von den komplexen Arrangements bei Peaches En Regalia bis zu den genialen Gitarrensoli in Inca Roads zelebrieren die Band und Robert Martin eine elektrisierende Hommage an einen der kreativsten Köpfe der Musikgeschichte.

Dabei fällt mir erneut auf, wie beeindruckend stimmgewaltig Robert „Bobby“ Martin ist. Neben den Zappa-Klassikern kommt bei diesem Konzert auch der Spaß nicht zu kurz: So fliegt schließlich eine nackte Gummipuppe mit Elon Musks Konterfei durch das Publikum – ein skurriles Highlight, das die Atmosphäre perfekt abrundet.






Ein weiteres musikalisches Highlight ist das Bandprojekt Zappalot. Sechs virtuose Musiker haben sich zusammengefunden, um Frank Zappa auf ganz eigene Weise Tribut zu zollen. Der Gitarrist Sandro Giampietro, der sich im Heavy Metal ebenso zuhause fühlt wie im Jazz, hat das Projekt Zappalot gemeinsam mit dem Posaunisten und John-Cage-Preisträger Antonio Jiménez Marín ins Leben gerufen.

Mit ihrer Band vereinen sie Elemente aus Rock, Jazz und Klassik zu einem mitreißenden, zappaesken Musikmix. Dieser umfasst sowohl Peaches En Regalia als auch die Musette in D-Dur aus Bachs Klavierbuch für Anna Magdalena Bach, gespielt im Stil von Frank Zappa. Zappas Sofa Part 1 klingt bei Zappalot ebenso eigen wie Bachs Air on G String in einer Reggae-Version. Wenn dann noch Elemente aus Händels Messias mit Soundscapes aus Zappa-Stücken vermischt werden, oder eine Komposition für Fahrrad und Saxophon gespielt wird, entsteht ein einmaliges Erlebnis, das mir an diesem späten Abend besonders viel Freude bereitet.


Sonntag, 19. Juli
Und schon ist der letzte Festivaltag angebrochen. Heute entsprechen zwei Acts eher meinen sonstigen Hörgewohnheiten als die zahlreichen Zappa-Tribute-Bands, die bisher zu hören waren. Die japanische Band Tō Yō begeistert mich sofort mit ihren meist instrumentalen Psychedelic-Rock-Klängen, die genau meinen Geschmack treffen. In klassischer Rockbesetzung mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug präsentieren die vier talentierten Musiker mit ihrem progressiven Postrock ein intensives, beinah ekstatisches Erlebnis. Besonders ihre laut und intensiv gespielten Instrumentalstücke malen lebendige Bilder im Kopf und erinnern mich an die Münsteraner Band Long Distance Calling.




The Dorf heißt das riesige Ensemble aus dem Ruhrgebiet, dessen zwanzig Musikerinnen und Musiker im Anschluss irgendwie Platz auf der Bühne finden. Die Besetzung des Ensembles ist recht ungewöhnlich. Jede Menge Bläser, zwei Schlagzeuger, Theremin, Violine, zwei Musiker, die Keyboards und andere elektronische Geräte zur Klangerzeugung bedienen, Bass, Gitarren sowie eine Sängerin im Bühnenhintergrund. Bandleader Jan Klare leitet das Ensemble durch seine eigenwilligen Kompositionen. Die Musik von The Dorf lässt sich kaum in eine Schublade stecken. Stücke mit Namen wie Ouvertüre, ANC oder JCO bewegen sich zwischen Bigband-Sound, Jazz, Krautrock und Noise. Für mich ist die meist sehr disharmonische Musik an diesem heißen Sonntagnachmittag etwas zu anstrengend, um dem Konzert bis zum Ende zu folgen.

Bei der finnischen Band Jukka Iisakkila & The Breed ist alles ein bisschen gefälliger, ein bisschen smoother. In der skandinavischen Jazz-Szene hat sich die Truppe längst einen Namen gemacht. Mit Kompositionen von Pekka Pohjola, der finnischen Progressive-Rock-Legende, und Frank Zappa begeistern sie das Publikum in Bad Doberan. Gitarrist und Bandleader Jukka Iisakkila hat schon mit Größen wie Steve Vai, Devin Townsend und anderen zusammengearbeitet. Sein Spiel auf der Gitarre ist virtuos, fast schon hypnotisch. Hinter ihm steht eine fantastische Band, die sich gekonnt durch Jazz, Progressive-Rock bis hin zum Tango bewegt – eine Mischung, die einfach Spaß macht und trotzdem tief geht.




Zu The Scott Thunes Institute for Musical Excellence muss ich wohl nicht mehr viel schreiben. Die Jugendlichen zeigen noch einmal, wie viel Spaß ihnen die Musik von Frank Zappa bereitet. Heute spielen sie gemeinsam mit Zappas Wegbegleitern Robert „Bobby“ Martin und Ray White. Dabei geht es quer durch Zappas Gesamtwerk.

Fast nahtlos schließt sich die Good Bye Session an, wobei Session heute nur bedeutet, dass Don Preston und Gitarrist Sandro Giampietro mit auf die Bühne kommen. Das Wort „Session“ ist an diesem frühen Abend eher irreführend, denn außer, dass einige der Musiker bei einem eher bemühten Zusammenspiel etwas Raum für Improvisationen erhalten, passiert nicht viel. Ich habe auf anderen Zappanalen schon deutlich bessere Good Bye Sessions erlebt.

Wir nutzen die Zeit für einen Imbiss. Bedauerlicherweise verlassen viele Fans das Festivalgelände nach der Session und verpassen dadurch das Konzert des Yuval Ron Trios. Der Gitarrist Yuval Ron ist ein versierter Virtuose, der mit seinem Trio mühelos die Grenzen verschiedener musikalischer Stilrichtungen überschreitet.

Die Musiker betreten die Bühne in voller Astronautenmontur, während spacige Soundfiles eine Atmosphäre schaffen, die an eine intergalaktische Reise erinnert. Das Power-Trio entführt das Publikum auf eine musikalische Odyssee durch unterschiedlichste Welten. Instrumentaler Progressive Rock verschmilzt mit Elementen aus Jazz und Klassik, während Yuval Rons Finger in atemberaubendem Tempo über die Saiten seiner Gitarre fliegen. Viele seiner Kompositionen zeichnen sich durch komplexe Taktarten und eine Vielzahl an Soundeffekten aus. Es ist großes Kino, das uns das Yuval Ron Trio zum Abschluss der diesjährigen Zappanale bietet. Schade, dass so viele Fans diese faszinierende Reise versäumen.



Text und Bilder: Bodo Kubatzki

