Interview: Solstice – Nach 45 Jahren endlich der verdiente Erfolg?

Spricht man von den führenden britischen Bands der Neo-Prog-Bewegung der achtziger Jahre, fallen üblicherweise Namen wie Marillion, IQ, Pendragon oder Pallas. Solstice haben diesbezüglich hierzulande die meisten nicht auf dem Radar, was sich jetzt aber hoffentlich ändert. Im April erschien mit “Clann” ein neues Studioalbum der Band, welches den Abschluss der “The Sia Trilogie” bildet, die mit “Sia” 2020 begann und mit “Light Up” 2023 fortgesetzt wurde. Renald sprach mit dem Bandleader Andy Glass.

Euch gibt es seit über vierzig Jahren, habt ihr jetzt das perfekte Line Up gefunden?

Ja, das glaube ich tatsächlich. Das macht den Unterschied. Es ist ja 45 Jahre her. Wir begannen zu viert, ohne Sänger. So 1982 hatten wir dann die erste Sängerin, Susan Robinson, sie war etwa ein Jahr bei uns und stieg dann bei  Quasar ein.  Für kurze Zeit folgte 1983 Shelly Patt und dann kam Sandy Leigh bis 1985. Sie war die bekannteste Sängerin aus dieser Phase und auch die richtige.  Als wir uns 1985 auflösten, war  Barbara Deason am Mikro. Wir hatten also ziemlich viele  Sängerinnen in dieser Phase. Kennst du eigentlich diese Bücher?  Gerade erschien ist  „A Playground Of Broken Hearts” von Andrew Wild. Es ist Teil zwei, der  erste war “A Mirror Of Dreams“.  Wie haben zur Veröffentlichung eine Akustik-Show gespielt. Verlegt wurden sie bei Kingmakers Publishing, die von Greg Spawton und dem Big Big Train Manager Nick Shilton geführt werden. Die Bücher erzählen die Geschichte des Neo-Prog in den Achtzigern. Dort spricht man von sechs führenden Bands des Neo-Progs in England, Pendragon, Pallas, IQ, It Bites aber auch  Solstice und natürlich Marillion. In den Neunzigern kam dann Emma Brown bis 2019. Wir waren aber an einem Punkt, wo es nicht mehr weiterging und wir einen Wechsel brauchten.  Jenny, unsere Geigerin, die ja auch meine Frau ist, schlug dann Jess Holland vor.  Jenny und ich haben mit ihr schon vor einigen Jahren gearbeitet und ich kenne sie, seit sie dreizehn oder vierzehn ist. In dieser anderen Band war sie Bassistin, aber ich wusste, dass sie auch eine gute Sängerin ist. Wir haben es dann also 2020 mit ihr versucht und es war fantastisch.

Jenny und du seid also verheiratet?

Mark Elton, unser ursprünglicher Geiger, hat uns um 1985 verlassen, abgesehen von einer Re-Union  1996. Er erkrankte an Tinnitus und es war ihm nicht mehr möglich, in einer Band zu spielen, die mit elektrischen Instrumenten arbeitete.  Er spielte nur noch akustische Musik. Als wir 1996 „Circles“ veröffentlichten, mit Clive Bunker von Jethro Tull an den Drums und Emma Brown als Sängerin, begann ich , nach einem Ersatz zu suchen. Jenny kommt von Folk, und ich begann mit ihr zu arbeiten, wenn auch oft um primär um Geld zu verdienen.

“Solstice” besteht aktuell aus acht Personen. Das muss doch schwer zu handeln sein…

Es sind nicht nur viele Künstler, es ist auch ein großer Altersunterschied, es sind  verschiedene Generationen. Aber es funktioniert besser als man glaubt. Die jungen Leute bringen diese frische Energie. Und es ist auch mehr wie eine Familie, man hat nicht diese Spannungen, die man hätte, wenn da vier Männer oder Frauen wären, die alle gleichaltrig sind – nimm zum Beispiel Fleetwood Mac.  Einer der Gründe für diese Anzahl ist einfach der Gesang von Jess. Als wir mit den Arbeiten zu “Sia” begannen, da kreierte sie diese wunderbaren Harmonie-Arrangements.  Als es dann darum ging, live zu spielen, hatten wir zwei Optionen. Entweder arbeiten wir mit Tracks, wie es so viele andere machen. Aber daran war ich nicht interessiert. Oder wir holten mehr Sänger in die Band. Finanziell ist das natürlich ein Desaster. Aber eine Band wie Big Big Train hat das gleiche Problem. Jenny und ich bezahlen uns nicht selbst, aber alle anderen bekommen natürlich ihr Geld  für einen Gig oder Proben. Und dazu kommt dann noch der Sound Engineer. Aber wir wollen auf der Bühne den Studioversionen gerecht werden. 

Du bist für das Songwriting verantwortlich?

Ich schreibe alle Songs. Das Schöne an der Zusammenarbeit mit Jess ist, sie versteht die Musik auf eine Weise, wie es die anderen Sängerinnen seit Sandy Leigh nicht taten. Sie bringt Ideen ein. Ich gebe ihr das Grundgerüst eines Songs und die Texte und sie interpretiert das dann auf ihre eigene Weise, und das bringt zusätzliche Qualität in unsere Musik.

Wenn du ihr deine Ideen präsentierst, singst du dann auch?

Ja, ich singe dann in einer weiblichen Stimmlage. Es klingt schrecklich, aber es reicht, dass Jess weiß, was sie tun muss.

Und sagt dann zum Beispiel deine Frau dann auch mal, diese Idee gefällt mir nicht? Oder ein anderer aus der Band?

Ich schätze, da bin ich nicht sehr demokratisch. Manchmal  höre ich ein kleines Stück Musik und es berührt mein Herz und ich beginne etwas zu schreiben. Was dabei herauskommt, hat dann nichts mehr mit diesem kleinen Stück Musik zu tun, aber es hat mich getriggert. Ich arbeite ja als Musiklehrer, eine Lektion dauert zwanzig Minuten. Ab und zu kommt es vor, dass ein Schüler nicht kommt, warum auch immer. Dann nutze ich die Zeit und spiele einfach vor mich hin, und manchmal entsteht dabei  etwas Schönes. Am Ende des Tages habe ich eine Unmenge an Ideen auf meinem Handy oder Computer. Mit den meisten davon passiert nichts, aber einige werden weiterentwickelt zu einem Demo. Die ist in der Regel schon gut ausgearbeitet und wird dann der Band präsentiert. Und dann kommt Jess mit ihren Ideen dazu, ändert manchmal auch etwas an den Texten. Und die anderen Bandmitglieder interpretieren das Material dann natürlich so, dass es für sie funktioniert, aber im Großen und Ganzen bleibt es bei der Demoversion, die ich erstellt habe. Ich mache so ziemlich alles. Ich schreibe die Songs, mache das Engineering, den Mix und das Mastering. Ich kommuniziere mit den Medien, kümmere mich um die Gigs. Ich buche den Van und die Hotels und kümmere mich um den Merchandise. In jeder Band braucht man einen, der die Dinge vorantreibt. Wenn ich nichts mache um Geld zu verdienen, kümmere ich mich um die Band. Ich habe drei Kinder, aber die sind groß und brauchen mich nicht mehr, so kann  ich die Zeit in die Band stecken. Ich arbeite hart dafür, aber es stört mich nicht, ich bin sehr motiviert, denn ich liebe, was wir machen.

Eure Musik wirkt optimistisch und positiv, obwohl die Zeiten aktuell eher nicht so sind…

Ich finde es sehr schwer, Texte zu schreiben. Das passiert immer erst am Schluss. Es geht mir nicht so sehr darum, was die Texte für mich bedeuten, es geht mehr darum, dass die Leute sich ein eigenes Bild machen.  Einige der Songs empfinde ich durchaus als für meine Verhältnisse ziemlich dunkel. Aber generell bin ich positiv und voller Hoffnung. Und das merkt man wohl auch in der Musik. Wenn du als Musiker versuchst, eine Fanbasis aufzubauen und dich politisch äüßerst, dann ist das gefährlich. Es gibt immer Leute, die anderer Meinung sind. Ich mache in einigen  meiner Songs politische Aussagen, aber ich mache sie so, dass die Leute sie interpretieren können, wie sie wollen. So habe ich gesagt, was ich sagen wollte, aber ohne jemanden zu verärgern. Schon in den Achtzigern ging es viel darum, Respekt für unseren Planeten zu haben, was wir als Rasse leider nicht tun. Es ging gegen Krieg, oder darum aufzuhören, andere Menschen schlecht zu behandeln. Aber am Ende des Tages muss man positiv bleiben, was bleibt dir sonst übrig?

Manche Bands spielen live die Versionen exakt wie im Studio, andere improvisieren viel. Wie ist das bei euch?

Da sind schon Unterschiede zwischen den Studio – und den Live Versionen, auch wenn ich nicht sagen würde, dass wir viel improvisieren. Auf der Bühne bekommen die Songs ein neues Leben, und darum will ich auch nicht mit Tracks arbeiten.  Man ist an ein bestimmtes Tempo gebunden, und oft klingt das dann auf der Bühne exakt wie auf dem Album. Auf der Bühne passieren Dinge einfach. Wir kommen gerade von einer Tour und am Ende einer Tour fühlen sich die Songs etwas anders an, als zu Beginn.  Man erlaubt den Songs zu wachsen, und auf der Bühne haben die Lieder viel mehr Energie. Darum liebe ich es auch, Live-Alben zu veröffentlichen, das nächste kommt schon im August, allerdings nicht physisch sondern nur digital. Die Bühne  ist der Ort, wo die Band wirklich stattfindet.

Ihr habt ja auch einmal auf der Loreley gespielt…

Das war vor über zehn Jahren, noch mit Emma Brown. Ja, es war fantastisch. Aber zwischen 1995 und 2020 haben wir wirklich nur ein paar Konzerte jedes Jahr gespielt. Alle paar Jahre gab es ein Album und ein paar Gigs, wir waren nicht sehr präsent. Jetzt, wo wir uns etwas stärker profiliert haben, erinnern sich auch wieder viele an uns aus unserer Zeit vor vierzig Jahren. Greg Spawton von Big Big Train zum Beispiel oder Steven Wilson. Sie haben uns gehört, als sie Teenager waren und wir waren eine der Bands, die sie inspiriert haben, Musik zu machen. Viele Fans, die damals in den Zwanzigern waren oder jünger, entdecken uns heute wieder. Aber wir haben auch Fans, die bis dato noch nie etwas von uns gehört haben. Es wächst langsam, aber es vergeht kaum ein Tag, an dem ich keine Nachrichten sehe: Hey,  ich habe euch gerade gefunden.

Beim Prog Readers Poll  in England wurdet ihr zur besten Band des Jahres 2024 gewählt, du wurdest als bester Gitarrist geehrt und auch in weiteren  Kategorien waren eure Bandmitglieder in den Top 10. Es scheint, ihr seid jetzt so erfolgreich wie nie zuvor.

Das ist ja auch so eine wunderbare Sache. In meinem Alter weiß ich solche Dinge viel mehr zu schätzen, als mit dreiundzwanzig oder wie alt auch immer. Wenn du von Erfolg sprichst, wir sind keine Band die so viele Fans haben wie zum Beispiel IQ, Pendragon oder natürlich Marillion, oder auch Big Big Train, auch wenn sie aus einer anderen Ära stammen. Diese Bands haben sehr viele Fans, in ganz Europa, aber auch hier im UK. Unsere Fans sind sehr engagiert und loyal. Wenn es um diese Polls geht,  wenn nur jeder zehnte Marillion Fan seine Stimme abgegeben hätte, hätte Marillion gewonnen. Aber bei uns hat vermutlich jeder Fan abgestimmt. Es bedeutet mir und der Band sehr viel, auch wenn es nicht gleichzeitig etwas über die Anzahl der Fans oder die Albenverkäufe aussagt.

Ist es für euch sehr hilfreich, wenn Künstler wie Steven Wilson oder Greg Spawton sich als Fans von euch bekennen?

Wir haben das Cropredy Festival 2023 gespielt. Da waren mehr als zwanzigtausend Leute, es war also ein großes Festival. Wir haben das Konzert gefilmt und auch als Blu-Ray veröffentlicht. Neben dem eigentlichen Konzert ist auch eine Dokumentation über uns enthalten, mit der wir vor allem neuen Fans etwas über unsere Geschichte erzählen wollen. Sowohl Greg Spawton als auch Steven Wilson gaben Interviews, die Teil dieser Dokumentation sind. Und natürlich hilft es, wenn Steven Wilson sagt, diese Band hat mich mit geprägt, ich habe sie damals geliebt und ich liebe sie heute immer noch. Und wenn Leute das Lesen, dann ist die Chance natürlich groß, dass sie uns mal checken. Und mit Greg ist es genauso. Wenn wir ein neues Album veröffentlichen, postet er, wie sehr es ihm gefällt und wie sehr er uns mag. Und das macht uns bei den Big Big Train Fans bekannt.

Musikalisch lauft ihr zwar unter Progressive Rock, allerdings klingt ihr ziemlich eigenständig. Das liegt sicher auch daran, dass es auch immer mal wieder Funkelemente gibt.

Funk Music hab ich schon immer geliebt. 1988 hatte ich die Gelegenheit, gemeinsam mit Bill Withers, dem berühmten amerikanischen Soulsänger, zu touren. Wir haben in UK und in Europa gespielt. Wenn du Unterricht brauchst, wie man einen funky Groove spielt, wusste Bill Withers es. Aber auch Künstler wie Steve Hillage haben auf einem Album wie „Live Herald“ viele Funk-Einflüsse. Ich liebe auch James Brown. Aber die Musik kommt einfach aus meinem Inneren. Ich habe keine Ahnung, wie. Es gibt nie einen Plan dafür.

“Clann” ist ja das abschließende Album einer Trilogie. Spiegelt sich das in den Texten wieder?

„Shea“ entstand während des Lockdowns. Die Band hat sich erst getroffen, als das Album fertig war. Für mich ist das nicht die beste Art, ein Album zu machen. Und was Jess angeht, war es das erste Mal, dass sie für eine Band die Lead Vocals gesungen hat. Und sie hatte sich bis dahin überhaupt nicht für Prog interessiert, das war alles völlig neu für sie. Die Arbeit war sehr inspirierend und ich wusste, da kommt noch mehr. Also sagten wir, es braucht drei Alben, bis wir in dieser Konstellation als Band zusammengewachsen sind, bis jeder seine Rolle gefunden hat. Thematisch gehören die Alben nicht zusammen, man könnte sagen, es gibt eine Verbindung beim  Artwork. Wir brauchten drei Alben, um die Band in eine Position zu bringen, von der aus wir starten können, um etwas besonders Gutes zu machen.

Dann können wir also noch einiges von euch erwarten!

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