Obwohl der Name Alessio Trapella unter deutschen Prog-Fans bislang eher ein Geheimtipp ist, genießt er in seiner italienischen Heimat einen ganz anderen Stellenwert. Dort hat sich der akademisch ausgebildete Musiker und Produzent – bekannt durch seine Mitwirkung bei renommierten Bands wie Le Orme, UT New Trolls und der Aldo Tagliapietra Band – in den vergangenen zwölf Jahren einen beeindruckenden Ruf in der heimischen Prog-Szene erarbeitet. Doch erst durch sein solistisches Schaffen wird sein Talent und seine künstlerische Ausrichtung deutlich. Vor zwei Jahren durfte ich Alessio Trapellas Debütalbum La Ricerca Dell’Imperfezione rezensieren – ein Werk, das durch seine musikalische Vielfalt besticht und das ich auch heute jedem Prog-Liebhaber wärmstens ans Herz lege.

Tracklist
1. Icaro – Il bisogno di fuggire, di andare oltre i confini
2. L’uomo delle stelle – L’incontro con chi promette l’evasione
3. Il gesto – Il momento in cui si compie il salto, fisico o simbolico
4. Anapneo – Un respiro sospeso, fluttuante tra coscienza e incoscienza
5. Giù il sipario – Il distacco dalla realtà e dagli affetti
6. Oltre il manifesto blu – Il punto di rottura, il viaggio senza ritorno
Mit seinem zweiten Soloalbum Icaro (Ikarus) präsentiert Trapella ein faszinierendes Konzeptwerk, das die klassische Ikarus-Sage aufgreift und in eine moderne Reflexion über Entfremdung, Sehnsucht und Selbstfindung verwandelt. Statt mit Flügeln aus Federn und Wachs steigt sein Ikarus in eine Rakete, um der trostlosen Realität zu entfliehen und nach den Sternen zu greifen. Die Songs erzählen eindringlich von Einsamkeit, Entfremdung und Selbstzerstörung. Musikalisch vereint Trapella Progressive Rock, Jazz und die Tradition der italienischen Cantautori zu einem vielschichtigen Hörerlebnis. Mit eingängigen Melodien und poetischen Texten setzt Trapella sein Konzept konsequent um. Im Vergleich zum Vorgänger präsentiert sich dieses Album deutlich tiefgründiger.
Der Titelsong Icaro eröffnet das Album mit warmen, analogen Synthesizerklängen und charakteristischen Fender-Piano-Sounds, die die eingängige Melodie bereits anklingen lassen. Alessios markanter Gesang, teils kunstvoll gedoppelt, bewegt sich über ein spannendes harmonisches Fundament. Das Lied mündet schließlich in eine sanft jazzige Keyboardimprovisation, die es atmosphärisch ausklingen lässt. Bereits dieses Stück unterstreicht die musikalische Eigenständigkeit von Trapellas Kompositionen. L‘Uomo Delle Stelle (Der Mann der Sterne) entfaltet sich als ein Singer/Songwriter-Stück, das mit seinen raffinierten Synkopen einen Hauch von Reggae versprüht. Die rhythmische Leichtigkeit verleiht dem Song eine besondere Note. Er gipfelt in einer mitreißenden Orgelimprovisation, die dem Stück einen spannenden und atmosphärischen Abschluss schenkt. Der dritte Song Il gesto (Die Geste) bewegt sich über eine treibende Bassfigur. Bläsersätze und ein Saxophon-Solo, gespielt von Nicola Cechetto, verleihen dem Stück eine jazzige Note. Mit Anapneo folgt eine ruhige schwelgerische, instrumentale Rocknummer mit fetten Orgelsounds und harten Gitarrenklängen.
Giù Il Sipario (Vorhang zu) symbolisiert in einer kraftvollen Ballade die Loslösung des Protagonisten von der Realität, gefasst in poetischen Versen. Mit dem letzten Stück Oltre Il Manifesto Blu (Jenseits des blauen Manifests) endet die Reise zu den Sternen ohne Wiederkehr. Dieser Song bildet nicht nur inhaltlich den Höhepunkt des Albums. Auch musikalisch zeigen Trapella und seine Mitstreiter hier nochmal ihr ganzes Können. Die sanft gesungenen Strophen, der hymnische Refrain mit seinen kraftvollen Chören und die leidenschaftlichen Gitarrensoli lassen diesen Song zum emotionalen Höhepunkt und zum würdigen Abschluss eines Albums werden, das durchaus etwas länger sein dürfte.
Alessio Trapella (Gesang, Bass, Keyboards) hat das vorliegende Werk mit zwei engen Freunden eingespielt, die seine musikalischen Intensionen mit eigenen Ideen kompetent umzusetzen vermochten. Luca Chiari (Gitarre, Piano) und Filippo Dallamagnana (Schlagzeug) leisteten einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Albums.
Alessio Trapellas kurzes Konzeptalbum Icaro ist kein Werk, das man sich mit nur einem Hördurchlauf erschließt. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, wird man mit einem vielschichtigem Klangerlebnis zwischen musikalischer Tiefe und mediterraner Leichtigkeit belohnt.
Musiker
Alessio Trapella – Gesang, Bassgitarre, Keyboards
Luca Chiari – Gitarren, Klavier bei Titel 3
Filippo Dallamagnana – Schlagzeug
Nicola Cecchetto – Saxofon bei Titel 3
Label: Pick Up Records, CD, LP, Digital, 2025
