Mitte Januar. Die großen Festivals des neuen Jahres liegen noch in der (glücklicherweise nahen) Zukunft, große Neuerscheinungen warten noch darauf, das Licht der CD-Laser zu erblicken – Zeit für einen Rückblick. In diesem Fall reicht der Rückblick ein halbes Jahrhundert weit. Im Januar 1976 erschien das vierte Album der britischen Band 10 cc, zu der man im Netz immer wieder Formulierungen wie „am meisten zu Unrecht übersehene Band“ trifft. Das Album „How Dare You!“ war ihr viertes und gleichzeitig ihr letztes in der Ur-Besetzung Eric Stewart, Graham Gouldman, Lol Creme und Kevin Godley. Vier großartige Sänger, die die gesamte Bandbreite männlicher Stimmlagen abdeckten, Multi-Instrumentalisten waren und Songs für die Ewigkeit komponieren konnten. Ihr wohl berühmtestes Stück „I’m Not In Love“ vom ´75er Album „The Original Soundtrack“ ist für mich bis heute eines der außergewöhnlichsten Lieder der 70er Jahre. Ihr Album „How Dare You!“ halte ich für eines der beeindruckendsten Alben überhaupt und dies gilt nicht nur für die dort zelebrierte Musik.

Tracklist
1. How Dare You (4:13)
2. Lazy Ways (4:17)
3. I Wanna Rule The World (3:56)
4. I’m Mandy Fly Me (5:20)
5. Iceberg (3:42)
6. Art For Art’s Sake (5:57)
7. Rock ´n´ Roll Lullaby (3:57)
8. Head Room (4:12)
9. Don’t Hang Up (6:16)
Allein das Cover, entworfen von Hipgnosis, ist schon eine Offenbarung. Es zeigt auf Vorder- wie Rückseite je zwei Fotos mit telefonierenden Menschen, die kaum flüchtig betrachtet werden können, weil sie sofort das Kopfkino anwerfen. Auf der Vorderseite ein Mann, Manager offensichtlich, der von seinem Büro aus ein Telefonat führt, das für sein Gegenüber nicht erfreulich sein dürfte, der herrischen Mine des Managers nach zu urteilen. Das zweite Foto zeigt eine telefonierende Frau im Morgenmantel mit verheulten Augen, ein Glas mit höchstwahrscheinlich hochprozentigem Inhalt in der Hand. Das Kopfkino sagt, dass es sich hierbei um eine vernachlässigte Ehefrau handelt, die gerade von ihrem Manager-Ehemann am Telefon fertig gemacht wird. Noch intensiver wirkt die Rückseite des Covers. Ein schäbig aussehender Mann mit süffisantem Lächeln im Gesicht telefoniert aus einer Telefonzelle heraus, wobei er die Sprechmuschel mit einem Taschentuch abdeckt. Das zweite Foto zeigt eine junge Frau in Stewardessen-Uniform, auf einem Bett sitzend, die ein Telefonat führt, das sie offenbar zu Tode erschreckt. Ein Droh- oder Erpressungsanruf des schäbig aussehenden Mannes? Oder doch etwas ganz anderes? Die Fotos sind perfekte Vorboten der Musik auf „How Dare You!“, die das Kopfkino auf musikalischer Ebene weiter laufen lässt.

Rhythmisch-instrumental steigen die Vier aus Manchester in das Album ein. Eine Frauenstimme haucht „How Dare You!“ und dann lassen 10 cc die Spannung steigen hin zum musikalischen Höhepunkt. Das Motiv erklingt in verschiedenen Instrumentierungen, das ist ebenso harmonisch wie atemlos komponiert, um am Ende auf ein paar Claviüünetklänge reduziert zu werden. Dem schließt sich „Lazy Ways“ an, mit dem sie den melodischen Faden weiter spinnen und mit Gesang aufwarten. Rhythmus- und Harmoniewechsel geben sich die Klinke in die Hand, mitunter klingt das Stück betulich, um dann jedoch in einer großartigen Fanfare aus Gesang und Keyboards zu enden. Dem schließt sich das unglaubliche, mit so vielen musikalischen Brüchen versehene „I Wanna Rule The World“ mit seinem surrealen Text (der Beherrschung der Welt durch Kleinstkinder) an. Hier toben sich die Stimmbänder der vier Sänger aus, von Kevin Godleys grabestiefer Bassstimme bis hin zu Lol Cremes Kleinkinder-Gesang. Dieses Stück muss man nicht mögen, es reicht völlig aus, davon fasziniert zu sein.
Um die vorgelegte Schlagzahl zurückzunehmen, erklingt das damals auch in den Charts erfolgreiche „I’m Mandy Fly Me“. Dieses bietet teils zuckersüße Keyboard-Teppiche, die von spannenden Gitarreneinsätzen im Mittelteil abgelöst werden. Nach dem hektischen „I Wanna Rule The World“ klingt „I’m Mandy Fly Me“ wie zwei Wochen Urlaub auf dem Bauernhof für die Ohren. Den Abspann der ersten Seite der damaligen LP liefert mit „Iceberg“ Satzgesang satt in allen möglichen Stimmlagen, mal harmonisch, mal disharmonisch, versehen mit einer Vielzahl von Rhythmuswechseln und einem einschüchternden Finale.
Die zweite Seite der LP eröffnet mit „Art For Art’s Sake“, einer plakativen Kapitalismus-Kritik („Art for art’s sake, money for God’s sake“). Musikalisch dominieren repetitive Gitarren- und Schlagzeugeinsätze, versehen mit einer Vielzahl von Klangschnipseln. Der Gesamteindruck ist düster, textlich wie musikalisch. Dass das nächste Stück „Rock’n’Roll Lullaby“ gänzlich anders komponiert ist, sollte niemanden überraschen, der 10 cc kennt. Fast schon klebrig süßer Gesang und ebensolche Rhythmen sorgen dafür, dass dieses Lied tatsächlich als lullaby (Einschlaflied) durchgehen kann. Das nachfolgende „Head Room“ zelebriert eine Art in Watte verpackten stampfenden Rhythmus und verfügt über einen Refrain, der Country-Musik pur liefert. Und das unglaubliche daran: es funktioniert! Dass auch die teilweise als Chor eingesetzten Stimmen komplett überzeugen – muss das noch erwähnt werden?
Gänzlich anderes liefert das finale „Don’t Hang Up“. Gänzlich anders als alles auf diesem Album, aber auch gänzlich anders als alles, was ich von anderen Bands der Kategorie Rock kenne. Dieses Stück beginnt im Stil einer Herz-Schmerz-Ballade über eine Beziehung, die in die Brüche geht, um zur Mitte hin in Rumba-Salsa-Rhythmen zu wechseln. Auf dem Weg zum Finale erklingt wieder die Ballade („lousy violins begin to play“) – um den Hörer, der sich mittlerweile auf das Schweben auf einem harmonisch-langflorigen Teppich eingelassen hat, mit einem unvermittelt erklingenden schnarrenden Telefon-Aufgelegt-Ton ebenso wie die Beziehung jäh abstürzen zu lassen. „How Dare You!“ – nie war ein Album-Titel so treffend wie an dieser Stelle!
Auf die Frage, welche Musik 10 cc denn mache, Pop, Rock, Prog oder etwas anderes, antwortete Graham Gouldmann treffend „10 cc-Musik“. Das Magazin Rolling Stone befand 1975, dass in einem 10 cc-Song mehr passiere als in den letzten 10 Alben von Yes. Und so erklärt sich die Frage, warum 10 cc häufig übersehen wurden, damit, dass deren Musik nicht unter, sondern über dem Radar flog.
Nach „How Dare You!“ trennten sich Lol Creme und Kevin Godley von der Band und gründeten die Band Godley & Creme, die musikalisch mit wechselndem Erfolg unterwegs war, und wurden erfolgreiche Produzenten von Musik-Videoclips (sie produzierten u.a. die Clips zu „Don’t Give Up“ von Peter Gabriel und „Heat Of The Moment“ von Asia). Eric Stewart und Graham Gouldman machten unter dem Namen 10 cc weiter. Heute ist aus der Ur-Besetzung nur noch Graham Gouldman übrig geblieben, der fast 80-jährig mit neuer Band unter dem alten Namen auch 2026 noch tourt und 10 cc-Musik auf die Bühne bringt.
Musiker
Eric Stewart: Lead Vocals, Backup Vocals, Lead Guitars, Steel Guitar, Slide Guitar, 6-String Bass, Fuzz Bass, Piano, Whistle
Graham Gouldman: Lead Vocals, Backup Vocals, Bass, Double Bass, 6-String Bass, Zithers, Acoustic Guitars, Electric Guitar, Slide Steel Guitar, Spanish Guitar, Tambourine, Cow Bell, Glockenspiel
Lol Creme: Lead Vocals, Backup Vocals, Lead Guitar, Rhythm Guitar, 12-String Guitar, Clavinet, Moog, Tambourine, Organ, Piano, Electric Piano, Vibes, Gizmo
Kevin Godley: Lead Vocals, Backup Vocals, Drums, Percussion
Gast
Mair Jones: Harp
Cover: Hipgnosis | Label: Mercury Records
