Review: Nektar – A Tab In The Ocean (2025)

Schon unzählige Male ist sie in unterschiedlichen Farbnuancen erschienen: jene giftgrüne, sich  gerade in Auflösung befindliche menschliche Gestalt, die auf ihrer sechseckigen Plattform einen Riss durch den Ozean pflügt, umgeben von grünen Volvox-Kugeln, ausgespuckt von einer chemischen Apparatur, der soeben der Stecker gezogen wurde. Ein ikonisches Bild – und von allen bisherigen Veröffentlichungen des zweiten Nektar-Albums von 1972 ist diese Box die ultimative; mehr bedarf es nicht. Denn die Gestalt auf dem Cover erscheint nicht als Opfer, sondern als handelndes Wesen, das durch das Ziehen des Steckers den Kreislauf aus instrumentalisierter Natur, Wissenschaft, Technik und Fortschritt im permanenten Fluss bewusst unterbricht und sich freiwillig entkoppelt.

Genau wie bei der im Vorjahr erschienenen Journey to the Centre of the Eye bildet auch hier die Blu-ray mit dem Surround-Mix das Herzstück der Box, doch während Journey noch stark psychedelisch geprägt ist und viel Raum für technische Spielereien lässt, präsentiert sich A Tab in the Ocean in einem soliden, zurückhaltenden 5.1-Mix ohne große Überraschungen oder demonstrative Aha-Effekte. Gerade darin liegt seine Stärke: Die Mehrkanalversion vermittelt dieses seltene Gefühl, ein vertrautes Album noch einmal neu zu hören – nicht, weil es verfremdet oder neu arrangiert wurde, sondern weil sich seine innere Architektur plötzlich offenbart. Klänge stehen nicht mehr übereinander, sondern nebeneinander, hinter und vor dem Hörer, als hätte man das Album all die Jahre nur durch eine Glasscheibe betrachtet und beträte nun erstmals den Raum selbst.

Die Blu-ray verzahnt visuell frühe Bandfotos mit dem surrealen Backcover-Motiv: viktorianische Apparate, anatomisch verfremdete Körper, Fische, Maschinen und Menschen in absurder Koexistenz, für das einst Helmut Wenske verantwortlich zeichnete, jener Grafiker, der mit dem Bee-Man zugleich das Logo entwarf, das später zum Markenzeichen von Nektar werden sollte. Das informative 26-seitige Booklet zeichnet die Situation der Band in den Jahren 1972/73 nach und liefert unter anderem auch die Entstehungsgeschichte des Albumtitels, dessen Ursprung ein großes Aquarium war, das im Haus stand, in dessen Keller Nektar ihren Proberaum eingerichtet hatten. Während man die Bewegungen der Fische beobachtete und über einen Namen für das nächste Album diskutierte, entstand das Gedankenspiel, was wohl geschehen würde, wenn man einen riesigen „Tab of Acid“ ins Meer fallen ließe, einen Einschnitt in ein scheinbar grenzenloses System. Und damit schließt sich der Kreis zum Frontcover.

Was enthält die opulente Box nun konkret? Auf CD 1 gibt es den 2025er Mix des Originalalbums, interessant ist hier besonders der bisher unveröffentlichte Bonustrack ‚We Are The Ocean‘, ebenfalls ganz im Stil des Albums gehalten. Das Cover zur Abwechslung hier komplett als Negativ. CD 2 enthält den Original-Album-Mix von 1972 in remasterter Form sowie einen erst 1976 für den amerikanischen Markt angefertigten alternativen Mix, der mehr grundlegende Unterschiede offenbart, als es auf den ersten Blick scheint. Neben einer veränderten Instrumentenbalance und Kanalverteilung wurden Intros und Outros modifiziert, was zu unterschiedlichen Titellängen führt; während der Originalmix voluminöser und basslastiger wirkt, wurde im US-Mix offenbar auch die Tonhöhe insgesamt verändert, wodurch die ansonsten praktisch identischen Vocals hier schneller und hektischer erscheinen. Diese Unterschiede treten allerdings erst dann deutlich zutage, wenn man beide Versionen als WAV visuell sichtbar macht und partiell gegeneinander abhört – aber wer tut das schon, außer vielleicht Harry Horch?

Die CDs 3 und 4 dokumentieren ein vollständiges Konzert vom 22. April 1973 in Erbach, aufgenommen direkt vom Soundboard in für damalige Verhältnisse akzeptabler, wenngleich hörbar kassettenbasierter Qualität. Die bislang unveröffentlichte Aufnahme besitzt bereits dadurch Seltenheitswert, zumal der Set neben Stücken von A Tab in the Ocean auch bereits fertiges Material des kurz darauf erschienenen Nachfolgealbums Sounds Like This sowie ausgedehnte, vom Hardrock und Blues beeinflusste instrumentale Jams enthält, die den improvisatorischen Charakter der damaligen Live-Shows offenlegen. Roye Albrightons Gesang erweist sich dabei phasenweise als deutlicher Schwachpunkt, ohne jedoch den dokumentarischen Wert des authentischen Live-Mitschnittes zu schmälern.

Damit beantwortet sich die Frage nach dem Mehrwert dieser Box letztlich mit einem vorsichtigen Jein: Wer in erster Linie an der klanglichen Neuerschließung von A Tab in the Ocean interessiert ist, findet im Surround-Mix auf der Blu-ray bereits das eigentliche Herzstück der Veröffentlichung. Die zusätzlichen Stereo-Varianten liefern zwar vor allem Vergleichsmaterial, vertiefen das Hörerlebnis jedoch nur begrenzt. Für Sammler und Komplettisten hingegen, die das Album im historischen Kontext erleben möchten, von alternativen Mix-Varianten über das ausführliche Booklet bis hin zum bislang unveröffentlichten Live-Konzert als unverfälschtem Zeitdokument, erweist sich die Box dennoch als schlüssige und lohnende Archivierung einer entscheidenden Phase der Bandgeschichte.

Track Listing

Disc 1 2025 Mix

1. A Tab in the Ocean
2. Desolation Valley / Waves
3. Crying in the Dark
4. King of Twilight
Bonus track
5. We Are the Ocean

Disc 2 The 1972 Album Mix

1. A Tab in the Ocean
2. Desolation Valley / Waves
3. Crying in the Dark
4. King of Twilight


The 1976 US Album Mix


5. A Tab in the Ocean
6. Desolation Valley / Waves
7. Crying in the Dark
8. King of Twilight

Disc 3 Live in Erbach, Germany 22nd April 1973

1. Look Around
2. Cast Your Fate
3. A Day in the Life of a Preacher
4. Desolation Valley / Waves
5. Crying in the Dark / King of Twilight

Disc 4 Live in Erbach, Germany 22nd April 1973

1. Good Day
2. Let it Grow
3. Wings
4. Oddysee / Ron’s On / Never Never Never
5. 1-2-3-4
6. Do You Believe in Magic?
7. What You Gonna Do

Disc 5 Blu Ray

5.1 Surround Sound & Stereo Mixes & Original Stereo Mix

1. A Tab in the Ocean
2. Desolation Valley / Waves
3. Crying in the Dark
4. King of Twilight

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