Seit Alchemy und King’s Ransom ist einige Zeit vergangen – nicht nur für den Hörer, sondern auch für ihren Schöpfer. Mit The Mortal Light kehrt Clive Nolan nun in jenes viktorianisch angehauchte Steampunk-Universum zurück, das er über Jahre hinweg mit immer größerem erzählerischem und musikalischem Ehrgeiz ausgebaut hat. Es ist der dritte Teil einer Trilogie, die weniger auf abgeschlossene Dramaturgie als auf Kontinuität, Erinnerung und Wiederbegegnung setzt – mit Figuren, Motiven und Themen, die längst zu festen Konstanten dieses Kosmos geworden sind.

Dabei wirkt The Mortal Light weniger wie ein Neubeginn als vielmehr wie eine bewusste Fortführung. Professor Samuel King reist erneut durch dunkle Tunnel, fremde Länder und metaphysische Grenzbereiche, trifft auf alte Verbündete und alte Feinde und wird einmal mehr in einen Konflikt gezogen, der weit über sein eigenes Schicksal hinausreicht. Dass Clive Nolan dabei musikalisch wie erzählerisch immer wieder auf bereits Bekanntes zurückgreift, ist kein Versehen, sondern Methode – und stellt den Hörer vor die Frage, ob er es hier mit einem weiteren Abenteuer oder mit einer selbstreflexiven Rückschau zu tun bekommt.
Musikalisch und dramaturgisch schlägt The Mortal Light von Beginn an große Bögen. Glockengeläut, Orgel und Chor setzen einen bewusst pathetischen Rahmen, der sofort klar macht, dass Clive Nolan hier nicht an ein loses Konzeptalbum denkt, sondern an durchkomponiertes Musiktheater. Gleichzeitig wird der Hörer nicht geschont. Die Handlung ist komplex, verschachtelt und ohne das beiliegende Booklet kaum vollständig zu erfassen – eine viktorianische Erzählung, die er bereits in den beiden Vorgängern angelegt hat und die hier konsequent weitergeführt wird.
Auffällig ist dabei der umfangreiche Einsatz gesprochener Dialoge. Nebenfiguren kommentieren das Geschehen, geben dem Ganzen Bodenhaftung und lassen das viktorianische Steampunk-Universum lebendig wirken. Auch die Hauptfiguren treten immer wieder aus dem Gesang heraus und treiben die Handlung sprechend voran. Dadurch gewinnt das Musical an Tiefe, erhöht aber zugleich die Einstiegshürde. Wer den Texten und Figuren nicht folgt, wird schnell den Überblick verlieren.
Inhaltlich setzt er bewusst auf Kontinuität. Figuren, Motive und musikalische Themen aus Alchemy und King’s Ransom kehren zurück – teils als explizite Rückblende, teils in leicht veränderter Form, eingebettet in neue Zusammenhänge. Das wirkt nicht zufällig, sondern wie ein absichtlicher Rückgriff auf das eigene Universum. Für Kenner der Vorgänger entsteht ein dichtes Netz aus Wiedererkennung und Spiegelung, während Neueinsteiger sich zunächst orientieren müssen.
Dass The Mortal Light dennoch funktioniert, liegt nicht zuletzt an der klaren musikalischen Handschrift seines Schöpfers. Nolan vereint hier die Rollen des Autors, Komponisten, Arrangeurs und Produzenten und behält die Kontrolle über jedes Detail – von den großen orchestralen Bögen bis zu den Übergängen zwischen einzelnen Szenen. Das Ergebnis ist ein stimmiges Werk aus einer Hand, bei dem Musik und Handlung eng miteinander verbunden sind.
The Mortal Light führt Professor Samuel King von der Hochzeitsfeier alter Weggefährten in eine neue Mission, deren Ausgangspunkt eine Prophezeiung und die Warnung vor der Halbgöttin Makaria sind. Die Reise führt Professor Samuel King und sein Gefolge aus den dunklen Tunneln Londons in immer unwirtlichere Regionen – über sturmgepeitschte Meere bis in die kargen, mythisch aufgeladenen Landschaften Nordnorwegens. Diese Ortswechsel sind nicht bloße Kulisse, sondern werden musikalisch präzise in Szene gesetzt. Orchestrale Passagen, chorale Verdichtungen, opernhafte Momente und rockige, teils progressiv gefärbte Sequenzen greifen ineinander und folgen stets der jeweiligen dramatischen Situation. Die Musik illustriert nicht, sie erzählt. Und sie verlangt Aufmerksamkeit.
Der Albumtitel erweist sich dabei als Schlüsselmotiv der Handlung: „The Mortal Light“ ist nicht einfach nur ein mystisches Artefakt, sondern letztlich ein Opfer – die Erkenntnis, dass Sterblichkeit selbst zur einzigen Waffe gegen Unsterblichkeit werden kann. Clive Nolan verbindet diesen Gedanken geschickt mit einer weiteren überraschenden Enthüllung innerhalb der Geschichte, die dem Finale eine tragische, fast mythologische Dimension verleiht. Ohne die Handlung im Detail vorwegzunehmen, wird deutlich, dass der Sieg über Makaria nur durch Selbstaufopferung, Loyalität und die ungewöhnliche Allianz alter Feinde möglich wird.
Auch musikalisch bleibt Clive Nolan seinem Konzept treu, vertraute Stimmen und Figuren wieder zusammenzuführen. Besonders hervorzuheben ist Gemma Ashley als Eva, deren klarer und emotionaler Gesang erneut zu den stärksten Momenten des Albums gehört. Chris Lewis verleiht Edwin Deeks mit seiner charakteristisch entrückten, beinahe „übernatürlich“ wirkenden Stimme eine besondere Präsenz.
Bei den Instrumentalisten sorgen Arfinn Isaaksen am Bass sowie der bereits von den beiden Vorgängerproduktionen bekannte Schlagzeuger Scott „Scotty“ Higham für das stabile rhythmische Fundament, während der Komponist selbst wie gewohnt die perfekte ‚Orchestration‘ in der Hand hält.
Besonders deutlich wird sein Hang zur Rückbindung an die eigene Mythologie in der Wiederverwendung zentraler Motive aus Alchemy. Am prägnantesten zeigt sich dies in der Rückkehr von Lord Henry Jagman – einer Figur, die bereits im ersten Teil der Trilogie als zwielichtiger Antagonist etabliert wurde und dort am Ende sprichwörtlich zur Hölle fuhr. In The Mortal Light wird Jagman aus dem ‚Wartezimmer der Hölle‘ zurückgeholt und erhält eine neue, überraschend zentrale Funktion innerhalb der Handlung.
Diese Wiederkehr ist mehr als ein erzählerischer Kunstgriff. Er greift damit bewusst auf die ursprüngliche Dynamik zwischen Jagman und Professor King zurück, die bereits in Alchemy angelegt war, als beide zeitweise Partner bei der Suche nach dem Anzaray Journal waren. In The Mortal Light wird diese Verbindung neu bewertet und weiterentwickelt. Aus ehemaligen Gegenspielern werden widerwillige Verbündete, aus ehemaliger Konkurrenz entsteht Zweckgemeinschaft – und schließlich etwas, das man am Ende fast sogar als Brüderschaft bezeichnen könnte.
Gerade darin liegt eine der stärksten dramaturgischen Entscheidungen des Musicals. Jagman bleibt eine widersprüchliche Figur, frei von plötzlichem Sinneswandel oder moralischer Reinwaschung. Dass er sich am Ende für King und seine Leute opfert und damit entscheidend zum Sturz Makarias beiträgt, wirkt nicht wie ein einfacher Erlösungsakt, sondern wie die logische Konsequenz einer Figur, deren Schuld nie aufgehoben, sondern lediglich in eine andere Richtung gelenkt wird.
Musikalisch spiegelt sich diese Entwicklung in der bewussten Wiederaufnahme früherer Themen wider, die nun in veränderter Form und neuen Kontexten erscheinen. Für Hörer, die mit den Vorgängern vertraut sind, entfalten sich dadurch zusätzliche Ebenen, in der Vergangenheit und Gegenwart permanent ineinandergreifen.
Besonders deutlich wird dies beim Motiv von „Never Ending Tide of Wealth“, das im Kontext der Befreiung Jagmans als „Never Ending Tide of Death“ zurückkehrt. Aus dem einstigen Sinnbild für Macht und Gier wird ein düsteres Gegenstück, das Verlust, Schuld und Endlichkeit greifbar werden lässt. Die musikalische Wiedererkennbarkeit bleibt erhalten, doch die emotionale Aussage wird grundlegend verändert.
Später greift Clive Nolan im Dialog von King mit Eva auf „Share This Dream“ zurück – doch auch hier nicht in seiner ursprünglichen Gestalt. Während das Stück in Alchemy als perfekte Opernarie angelegt war, erscheint es in The Mortal Light deutlich reduzierter und intimer, gesungen von Clive selbst. Vertraute musikalische Themen sind hier keine Nostalgie, sondern die Kommentierung des eigenen Schaffens, somit setzt er auf Wiedererkennen – und zwingt den Hörer gleichzeitig zur Neubewertung.
The Mortal Light ist kein Werk zum nebenbei Hören. Wie schon bei Alchemy und King’s Ransom setzt Clive Nolan voraus, dass sich der Hörer auf Geschichte, Dialoge und Texte einlässt – idealerweise unter Kopfhörer und mit dem Booklet zur Hand. Erst dann erschließt sich die innere Logik dieses viktorianisch geprägten Steampunk-Universums. Eine deutsche Übersetzung ist bereits fertiggestellt und wenn die Webseite des Albums steht, wird sie dort nachzulesen sein.
Im direkten Vergleich mit den Vorgängern verzichtet Clive Nolan diesmal auf den ganz großen Showdown. Professor Samuel King scheitert nicht in seiner Mission, aber der Sieg über Makaria bleibt teuer erkauft. Statt eines abgeschlossenen Finales setzt The Mortal Light auf Weiterführung – erzählerisch wie musikalisch – und bestätigt damit den Eindruck, dass Clive sein eigenes Universum nicht verlassen, sondern weiter vertiefen will. Bezeichnend ist der selbstironische Schlusspunkt, an dem die überlebenden Figuren darüber nachdenken, ob nicht eines Tages vielleicht jemand ihre Abenteuer niederschreiben oder gar vertonen könnte – nur um dies von King sofort wieder augenzwinkernd als ‚völlig irre Idee‘ abzutun. Nolan nimmt sich hier selbst auf die Schippe und deutet zugleich an, dass die Reise von Professor King noch lange nicht zu Ende sein wird.
Wer den kompletten deutschen Text des Stückes nachlesen will:
Clive Nolan – The Mortal Light (Deutscher Text) – STONE PROG
