Interview: Gazpacho –  Zurück mit einem neuen Meisterwerk

Gazpacho aus Norwegen haben es geschafft, einen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Dem blieben sie auch auf „Magic 8-Ball“, ihrem aktuellen Studioalbum treu. Renald Mienert sprach mit Keyboarder Thomas Anderson

Ihr habt euch nach einem Song von Marillion benannt. Aber warum gerade der Song „Gazpacho“?

Die Band wurde in den Neunzigern gegründet. Erinnerst du dich noch an diese alten Bildschirmschoner? Der Text zu „Gazpacho“ lief auf einem Bildschirmschoner bei uns im Studio. Wir waren damals schon  – und sind es heute immer noch – große Fans von Marillion. Und als Spaß haben wir gesagt, können wir eine Band sein, die die Themen und die Atmosphäre von Marillion mit mexikanischer Mariachi-Musik verbindet. Und da war aus unserer Sicht „Gazpacho“ der richtige Name. Wir haben zunächst auch tatsächlich eine Art atmosphärischen Latino-Prog geschrieben, aber es hat sich dann mehr und mehr in die musikalische Richtung entwickelt, wie man uns heute kennt. Unser Experiment ist also quasi gescheitert, unsere Musik hat einen eigenen Weg gefunden. Wir haben den Bandnamen aber behalten. Es ist natürlich zunächst lustig, und wir sind es auch. Im Prog nehmen sich die Leute oft zu ernst. Humor ist ein wichtiger Teil unseres Lebens.

Aber mit Mexiko hat eure Musik jetzt nichts mehr zu tun!

Nein. Es gibt noch einige sehr alte Demos mit solchen Elementen. Die Musik ist, was sie sein will. Und wir müssen ihr folgen, egal wohin.

Es gibt ja bei Marillion oft diese beiden Fanlager. Die einen mögen Marillion mit Fish, die anderen mit Steve Hogarth. Wie sieht das bei euch aus?

Wir waren 2004 auf Tour mit Marillion und sind eng befreundet. Fish habe ich nie getroffen. Wir lieben alle beide Phasen. Marillion mit Fish waren damals wie eine kleine Insel auf der Prog bis in die späten Achtziger überlebte. Mit Steve Hogarth haben sie die Musik cool gemacht. Mit Fish war es eher Musik für nerdige Kids. Wir waren nerdige Kids und Fish unser Held. Dann wurden wir älter und etwas cooler und machten mit Marillion und Steve Hogarth weiter,  also hat es für uns perfekt funktioniert.

Die acht Songs auf dem Album erzählen jeder eine eigene Geschichte. Gibt es auf „Magic 8-Ball“ dennoch einen roten Faden?

Ja, es ist ein Konzeptalbum und ursprünglich als Nachfolger von „Molok“ gedacht. Wir haben Gott durch den Zufall ersetzt. Wir haben unsere Spiritualität verloren. Und es geht nicht um eine bestimmte Religion. Egal ob Christentum, Buddhismus oder Moslems. Wenn du schwer erkrankst und zum Arzt gehst, dann sagt er, das ist Pech. Es könnte dein Nachbar sein oder dein Freund, aber jetzt hat es dich erwischt. Es ist einfach Schicksal,  das finde ich beängstigend,  in einem Universum ohne Ordnung. Wenn du vor hundert Jahren krank wurdest, dann hieß es, Gott wird seine Gründe haben. Wenn du stirbst, kommst du in den Himmel und alles ist ok. Heute stürzt es dich vermutlich in eine existenzielle Krise. Darum „Magic 8-Ball“. Ein schwarzer Ball mit einem kleinen Fenster. Du fragst, wird dieses Mädchen mit mir ausgehen?  Du schüttelst den Ball und im Fenster erscheint ja oder nein oder wahrscheinlich. Wir haben Gott durch ein Plastikspielzeug ersetzt. Das ist das Konzept des Albums. Jeder Song erzählt eine Geschichte, von solch zufälligen Ereignissen im Leben. Ohne Gott und ohne Spiritualität gibt es keine Moral mehr. Das macht uns ziemlich arm.

Gab es bezüglich der Entstehung der Songs Unterschiede zu den früheren Alben?

Wir folgen immer dem gleichen Schema. Die Musik kommt immer zuerst und dann hören wir sie uns an und überlegen, welcher Text dazu passen würde. Was den Gesang angeht, so verwenden wir zunächst alte Texte von uns oder auch rein zufällige Wörter oder Gedichte. Das Wunderbare in der Musik ist immer die Melodie. Eine wunderschöne Melodie sagt immer mehr, als man mit Worten dazu beitragen kann. Yes in der guten alten Zeit sind der beste Beweis dazu. Ich weiß nicht, ob du dir mal die Texte zu „Close To The Edge“ oder „Heart Of The Sunrise“ angeschaut hast. Ich muss dir ehrlich, ich habe keine Ahnung, worum es da geht. Aber ich weiß, dass etwas in mir diesen Song versteht, auch wenn ich die Bedeutung der Worte nicht verstehe. Wir haben verschiedene Leben und verschiedene Erinnerungen. Ich habe einmal über einen Dichter geschrieben, dessen Gedichte nur aus einem Wort bestanden. Eines war „Bruder“. Bei diesem Wort haben wir beide vollkommen andere Erinnerungen und Geschichten. Aber es ist für uns beide ein gutes Gedicht, trotz dieser unterschiedlichen Interpretationen. Und so ist es auch bei “Close To The Edge”  oder “Heart Of The Sunrise”. Für mich, ist das ein Mehrwert.

Und was bedeutet das für eure Texte?

Wir möchten in unseren Texte so frei interpretierbar sein wie möglich, so dass der Hörer daraus machen kann, was seinem Leben entspricht.

Was denkst du über Musik? Und gerade in der heutigen Zeit?

Für mich muss Musik immer für etwas gut sein, zum Tanzen, zum Relaxen. Wenn du dein Bier trinkst, dann hörst du vielleicht langsamen Jazz. Progressive Rock ist für mich Musik zum Hören. Wenn ich auf YouTube ein Video schaue, dann spule ich fast immer vor. Wir machen Musik mit einem Intro von zwei Minuten. Also macht  bitte nicht das bei unserer Musik, was ich auf Youtube mache. Es ist die Ära der sofortigen Befriedigung.  Ich arbeite in der Werbung. Wenn Werbung für Social Media gemacht wird, ist die geschätzte Zeit, die man hat, um zu erreichen, dass man sich den Clip anschaut 0,6 Sekunden. Und in dieser Zeit machen wir ein Album, das etwa einigen Hundert Tik Tok Filmchen entspricht.

Und wie wird  sich das weiter entwickeln?

Rock hat sich verändert. Ich sehe heute viele Kids mit Ramones oder Iron Maiden T-Shirts, aber ich glaube, das hat mehr mit Mode als Musik zu tun. Ich glaube Rock ist unsere Generation und dabei wird es auch bleiben. Und in etwa zehn Jahren ist es damit fast vorbei und die Musik ist nur noch AI.  

Aber gerade diese Entwicklung sehen viele sehr kritisch…

Niemand kann Technologie aufhalten. Als die Autos erfunden wurden, verschwanden die Pferdekutschen. Ich experimentiere etwas mit Suno. Man kann damit sicher Country und Western Musik machen, Pop – und Funtracks, oder auch Math – Prog. Ich meine, das wird besser gespielt, als es ein Mensch kann. Aber ich habe nichts bei Suno gehört, was mehr Tiefe oder Komplexität bezüglich der Arrangements hätte. Aber es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit. Kannst du ein Progalbum machen, dass besser ist als Kate Bushs „Hounds Of Love“?  Wenn ja, auch wenn mit AI, bin ich dafür. Das wird ein neuer Weg, Kunst zu erschaffen. Entweder am Ende entsteht Kunst, oder nicht. Wie es gemacht wurde, ist für mich irrelevant.

Aber noch sind wir nicht so weit. Noch gehen die Leute auf Konzerte.

Prog Fans sind eben eine besondere Gruppe, und es hat auch etwas von einer Familie. Wenn du auf der Cruise bist, und auf Festivals ist es das gleiche – selbst wenn du alleine da bist, du kannst jeden ansprechen, bist sofort in einem Gespräch und alle sind freundlich. Eine Community mit einer Art Feuer in ihrer Seele. Ich habe auf diesen Events auch nie Streit oder Gewalt erlebt, auch wenn die Leute ihr Bier trinken.

Danke für das Gespräch!

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