Aerostation
Auf den Opener des dritten Tages freuen wir uns schon länger. Aerostation ist eines der vielen Projekte des italienischen Tausendsassas Alex Carpani. Schon öfter gastierte er hier in Reichenbach, zuletzt gar als Headliner beim Festival vor zwei Jahren in einer Art All-Star-Projekt, gemeinsam unter anderem mit Theo Travis und David Jackson auf der Bühne. Mit Aerostation backt Alex deutlich kleinere Brötchen, denn er präsentiert hier gemeinsam mit Jacopo Rosso am Bass und Gigi Cavalli Cocchi am Schlagzeug ein schlankes Power-Trio, bei dem er selbst ausschließlich an der Keytar steht. Das aktuelle 2025er Album „Rethink“ (das zweite nach dem 2018er Debüt) ist uns schon im Herbst letzten Jahres aufgefallen. Leider klappt es im Herbst mit einem Konzert im Reichenbacher Bergkeller nicht, dafür spielt Aerostation heute beim Festival, und zwar als erste Band am Sonntag.

Die Band kreiert in dieser Besetzung einen eigenen Sound, der anspricht. Das liegt an der ungewöhnlichen Fokussierung des Keyboard-Sounds auf die Keytar, mit welcher Alex weniger klassische Keyboard-Teppiche spielt; stattdessen geht der Sound schon rockiger nach vorne. Die Musik von Aerostation sind kurz und einem eher leichteren Prog zuzuordnen. Es wird mit vier kurzen Stücken vom Debüt eröffnet, wonach das gesamte neue Album „Rethink“ präsentiert wird. Zum Schluss ist sogar noch Platz für eine Zugabe, wieder vom ersten Album. Die Lichtshow ist zart, nur ein paar Standard-Effekte unterstützen die Band optisch. Eine große Show aus der Band heraus bleibt aus, obwohl die Keytar jedem Bediener doch ordentlich Bewegungsfreiheit auf der Bühne gibt.


Keyboarder etlicher Bands nutzen dieses Instrument gerade, um sich hinter der Burg der Manuale mal hervor zu begeben und sich direkt dem Publikum zu präsentieren. Nun ist Alex Carpani aber eben eher der Musiker als der Showman auf der Bühne. Zudem hat er sich mit der gesamten Technik vor sich verkabelt, was natürlich seine Moves deutlich einschränken. Trotzdem gehen wir mit einem angenehmen Konzerteindruck und dem Wissen in die Pause, dass wir mit diesem Projekt etwas Besonderes beim Festival gesehen haben, was wir so sehr wahrscheinlich nicht gleich wieder auf der Bühne erleben werden.


Le Orme
Nach einem Auftritt 2013 im Bergkeller kommt Le Orme nun zum zweiten Mal in ihrer Historie nach Reichenbach. Es ist gleich die zweite italienische Band heute. Vergleiche zur Vorband sind nicht nur aufgrund der Nationalität spannend. Eine Gitarre ist hier zwar vorhanden, spielt aber eine untergeordnete Rolle; Keyboards bestimmen klar die Szenerie. Die Geburtsstunde von Le Orme schlägt bereits im Jahr 1966 in Venedig. Damit gehören sie zu den absoluten Pionieren der italienischen Rockmusik.

Es ist der Energie des Drummers Michi Dei Rossi als einzigem Mitglied aus den Gründerzeiten zu verdanken, dass Le Orme auch heute noch auf den Konzertbühnen (zumeist natürlich in Italien) zu finden sind. Eine Besonderheit ist aktuell, dass Le Orme im Rahmen ihrer „Trilogy“- und „Una Storia Unica“-Tournee in ihrem heutigen Konzert den klassischen Sound der Band vom Anfang der 70er-Jahre mit Schwerpunkt auf den Alben „Collage“, „Uomo Di Pezza“ und „Felona E Sorona“ live umsetzen.

Neben Michi am Schlagzeug und dem seit 1990 in der Band befindlichen Michele Bon (der seine Keyboards auch gerne mal selbst baut) stehen heute Aligi Pasqualetto an Keyboard und Piano sowie Luca Sparagna an Stimme, Bass und Gitarre mit auf der Bühne. Die beiden Letztgenannten sind in bei Le Orme klar die Jungspunde und senken den Altersdurchschnitt der Mitglieder entscheidend.


Gesungen wird auf Italienisch; wir hören klassisch verspielten Prog. Es geht auch mal ruhig und balladesk zu, selbst vor A-cappella-Parts wird nicht zurückgeschreckt. Vielen Anwesenden ist das Le-Orme-Universum weitgehend unbekannt, doch nach einem sehr schönen Konzert lässt sich feststellen, dass es sich wohl lohnt, auch noch spät in dieses Universum einzusteigen.
Krissy Matthews & Kim Jennett
Der 1992 geborene britisch-norwegische Blues-Gitarrist ist hier in Reichenbach ebenfalls kein Unbekannter. Seit er mit zarten zwölf Jahren gemeinsam mit John Mayall auftreten durfte, geht sein Weg steil nach oben. Er veröffentlicht seitdem kontinuierlich Alben und tritt bereits mit vielen maßgeblichen Größen des Bluesrock auf, wie zum Beispiel Inga Rumpf, Chris Farlowe oder Arthur Brown. All diese umspielen ihn auf seinem 2024er-Album „Krissy Matthews and Friends“, wohl dem Höhepunkt seines bisherigen Schaffens.

Auch heute im Neuberinhaus liefert Krissy Matthews ab – und zwar die wohl dreckigste Rock-Show des Festivals. Das liegt vor allem an seinem wilden, emotionalen und herausragenden Gitarrenspiel. Technische Probleme beim ersten Stück bringen den Profi nicht wirklich aus dem Konzept. Nicht weniger gut sind seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf der Bühne. Hier ist zunächst das Fundament der Band mit Slawek Semenuik am Bass und Gerry Reynders am Schlagzeug zu nennen, mit denen Krissy ein eingespieltes Stamm-Trio bildet. Die drei haben einen großen Instrumentalanteil im Konzert, während Krissy oft am Mikrofon steht. Für die besonderen Akzente im Klang sorgt Stephanie Doherty am Saxofon, die aus dem Grinsen beim Spiel kaum herauskommt, ob der Party, die hier an den Instrumenten abgeht.

Trotzdem ist der wirkliche Star der Show Kim Jennet am Mikrofon, die etwa nach einem Drittel des Konzerts die Bühne entert. Die Augenbrauen im Publikum heben sich, wenn sie in Lack und Leder gekleidet am Mikro alles gibt. Kim Jennett schreit sich die Seele aus dem Leib und fegt über die Bühne, was das Zeug hält. Die Songs und das Konzert sind voll auf ihr Auftreten zugeschnitten. Ihr Outfit bringt darüber hinaus sogar ein Stück verruchte Erotik auf die Bühne. Die Show ist also ein wahres Schmäckerchen für Augen und Ohren, ganz ohne Schnickschnack auf der Leinwand oder spezielle Sound-Tüfteleien. Das Publikum braucht danach erst nochmal eine richtige Pause vor dem Headliner des heutigen Abends, um sich wieder zu beruhigen.

Lazuli
Das Fazit dieses Konzerts möchten wir heute mal vorwegnehmen: Lazuli gelingt es jedes Mal, auch heute, ihr Publikum zu faszinieren und zu überraschen. Das gemeine Prog-Publikum sollte die Südfranzosen schon oft bzw. regelmäßig in den Clubs Europas und/oder auf diversen Festivals gesehen haben. Oft gefordert, selten erreicht – heute ist Lazuli endlich einmal Festival-Headliner, und das völlig zu Recht. Ihre schönen Melodien, ihr spannendes Instrumentarium und ihre begeisternde Ausstrahlung kann man nur lieb haben, auch wenn die meisten wohl kein Wort des konsequent auf Französisch vorgetragenen Gesangs ihres kreativen Kopfes Dominique Leonetti verstehen.

Lazuli haben mit „Être et ne plus être“ ein nagelneues Album im Gepäck; fast alle Stücke davon werden heute Abend gespielt. Diesmal aber nicht am Stück, sondern „durcheinander“ und gezielt mit älteren Stücken durchsetzt. Trotz der Vertrautheit mit den Lazuli-Klängen ist heute einiges anders: Wir sehen und hören erstmals alle Bandmitglieder im Satzgesang. Ein Waldhorn und eine Ukulele gleichzeitig in einem Prog-Song habe ich vorher noch nirgends gesehen. Überhaupt nimmt das Waldhorn von Romain Thorel heute eine zentrale Rolle ein – bis hin zu einem Solo auf diesem Instrument, welches wir auf einem Lazuli-Konzert erstmals rein und unverfremdet hören.

Romains Bass-Sound, den er zumeist mit der linken Hand am Keyboard erzeugt, wird heute auffällig oft von einer Bassgitarre des angestammten Gitarristen Arnaud Beyney übernommen. Dies führt wiederum dazu, dass der Léode von Claude Leonetti im Sound eine größere Bedeutung zukommt, indem er mit seinem besonderen Instrument mehr als sonst den E-Gitarren-Sound imitiert.

Vincent Barnavol dirigiert das Unternehmen entspannt, perfekt und wuchtig an Fellen und Becken. Dies alles sorgt für einen irgendwie anderen Sound, der Lazuli auch nach all den Jahren neu und spannend macht. Das Konzert wird durch eigene Videos unterstützt. Aber eigentlich haben sie das gar nicht nötig, denn Lazuli begeistern durch ihr Spiel, ihre Freude am Musizieren und dadurch, dieses Gefühl mit ihrem Publikum zu teilen. Natürlich springt der Funke über, das Publikum jubelt und ist begeistert. Und nachdem sie die Mallets nach ihrer immer wieder herrlichen Zugabe ihres Spiels zu fünft an der Marimba abgelegt haben, verlassen die Leute den großen Saal des Neuberinhauses mit einem breiten Lächeln. Der letzte Ton eines wieder tollen Festivals in Reichenbach ist verklungen.

Fazit
Das Publikum erlebte ein super organisiertes Festival. Der Sound im Saal ist bei allen Bands sehr gut, und die Zeitpläne werden im Wesentlichen eingehalten. Unerwartete kurzfristige Band-Ausfälle gibt es diesmal keine. Manchmal haben wir unterstützende Videoshows, manchmal nicht. Als übertrieben empfinden viele in diesem Jahr den überbordenden Nebel, der viele Konzerte umwabert. Nicht nur den Fotografen treibt er den Schweiß auf die Stirn, sondern auch das beobachtende Publikum findet die Musiker in den Nebelwänden manchmal kaum wieder. Eine dezentere Benebelung wäre sicher auch für die eine oder andere Band selbst angenehmer.
Klassentreffen oder Rockfestival? Das mag sich so mancher Neuankömmling fragen, wenn er die Verbrüderungsszenen zwischen den Fans im Foyer beobachtet. Die Vorfreude auf Prog-Musikfestivals allgemein ist bei vielen Anwesenden nicht nur auf die Musik bezogen, sondern explizit auch auf die Pflege von Bekanntschaften in der Szene; man trifft sich aus ganz Europa, hört gemeinsam Musik und kann über Prog fachsimpeln. Ganz besonders hier in Reichenbach ist dies der Fall. In Zeiten großer Veränderungen in der Prog-Festivallandschaft in Deutschland genießen viele hier diese Momente ganz bewusst. Wem die Basis-Gastronomie im und vor dem Saal nicht ausreicht, der trifft sich in den Pausen im urigen und beinahe schon legendären „Hackepeter“, 200 Meter vom Neuberinhaus entfernt.
Für 2027 ist in Reichenbach das letzte Festival angekündigt. Die Organisation und Durchführung kosten den Bergkeller-Wirt Uwe Treitinger jedes Jahr viel Kraft – körperlich, mental und finanziell. Viele verstehen das. Andererseits kostet es auch Kraft loszulassen und wirklich „Schluss!“ zu sagen, wenn man über Jahre alle Liebe und Kraft in ein Festival-Wochenende alljährlich nach Ostern legt. Wir werden sehen, welche Kraft Uwe in den nächsten Monaten aufbringen wird: die Kraft weiterzumachen oder die Kraft, wirklich aufzuhören.
