Livereport: Art Rock Festival 2026 – Reichenbach, Neuberinhaus (Samstag, 11.04.)

Bartosz Kusik & Igor Smelkowski

Der Auftakt des zweiten Tages begann mit einer Überraschung. Zwei Namen, mit denen selbst das allwissende Internet zunächst wenig anzufangen wusste: Bartosz Kusik (dr) und Igor Smelkowski (guit). Hinter dieser unscheinbaren Ankündigung verbergen sich zwei außergewöhnlich talentierte Nachwuchsmusiker aus Polen, gerade einmal 14 bzw. 17 Jahre alt, die in ihrer Heimat bereits mehrere Preise in ihren Altersklassen gewonnen haben.

Das Duo präsentiert seine Performance in einer besonderen Form: Gitarre und Schlagzeug werden live zu Video-Backdrops gespielt, die als Bühnenhintergrund dienen. Doch trotz dieses Konzepts wirkt nichts statisch – im Gegenteil. Das Zusammenspiel ist bemerkenswert präzise, Timing und Technik sind beeindruckend, zugleich transportieren beide eine Energie und Spielfreude, die man bei Musikern dieses Alters kaum erwartet. Besonders auffällig ist dabei die musikalische Auswahl: Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit greifen sie auf ein Repertoire zurück, dessen Urheber altersmäßig eher ihre Großväter sein könnten. Vorbilder wie Mike Portnoy oder der bereits verstorbene Neil Peart stehen für eine Generation, deren Vermächtnis hier von zwei Teenagern respektvoll und mit bemerkenswerter Sicherheit neu belebt wird. Kein Wunder: Bartosz stammt aus einer musikalischen Familie, sein Vater Robert Kusik ist selbst Drummer der polnischen Prog-Band Retrospective.

Bartek und Igor gehören zur neuen Generation von Musikern und zeigen, dass Live-Performances im Progressive- und Rock-Bereich nichts von ihrer Kraft verloren haben. Mit Leidenschaft und Dynamik bringen sie Klassiker aus Rock und Prog-Metal auf die Bühne.

Von der ersten Minute an sprang der Funke auf das Publikum über. Die beiden jungen Musiker wurden gefeiert wie etablierte Szenegrößen; die Reaktionen reichten von ungläubigem Staunen bis zu enthusiastischem Jubel. Diese Resonanz gab den beiden sichtbar Aufwind und Selbstvertrauen – und sie zahlten es mit einer Performance zurück, die von Energie, Talent und echter Leidenschaft geprägt war. Gerade das Schlagzeugspiel ganz im Stil von Mike Portnoy war sehenswert und hätte ein besseres In-Szene-Setzen durch ein Spotlight verdient – so agierte der Drummer stellenweise fast im Dunkeln vor der Videowand. Wenn dieser Auftritt ein Hinweis auf das ist, was noch kommen wird, dann ist klar: Das war erst der Anfang. Die Zukunft des Rock und Prog scheint bei Igor und Bartosz in sehr guten Händen zu liegen.

Ape Shifter

Mit Ape Shifter betrat anschließend ein Kontrastprogramm die Bühne. Das deutsch-amerikanische Instrumental-Heavy-Rock-Trio setzt vollständig auf die Wirkung von Sound, Groove und Atmosphäre – ganz ohne Gesang, dafür mit umso mehr Druck. Kopf der Formation ist Gitarrist Jeff Aug, in den USA geboren und seit vielen Jahren in Bayern ansässig, der sich bereits durch zahlreiche internationale Kollaborationen und seine expressive Spielweise einen Namen gemacht hat.

Schon der Auftritt selbst sorgte für Aufmerksamkeit: Zum ersten Stück betrat die Band mit furchterregenden, fast schon brutalen Affenmasken die Bühne. Das wirkte zunächst irritierend, entpuppte sich jedoch schnell als bewusst gesetztes visuelles Statement, das perfekt zur rohen, archaischen Wucht der Musik passte. Tiefergelegte Riffs, treibende Basslinien und ein massives Rhythmusfundament verbanden sich zu einem Klangbild, das irgendwo zwischen Heavy Rock, Stoner, Prog und psychedelischen Momenten pendelte.

Trotz der Härte blieb das Spiel jederzeit differenziert. Gerade im instrumentalen Format zeigte sich die Stärke des Trios: Dynamische Wechsel, rhythmische Verschiebungen und fein dosierte Spannungsbögen hielten die Stücke lebendig. Jeff Aug übernahm dabei nicht nur die Rolle des Leadgitarristen, sondern führte die Musik mit melodischen Linien und effektgeladenen Klangflächen durch die verschiedenen Stimmungen. Der Bass sorgte für ein sattes Fundament, während das Schlagzeug mit präzisem, aber nie sterilem Spiel den nötigen Druck erzeugte.

Zwischen schweren Grooves tauchten immer wieder atmosphärische Passagen auf, bevor die Band erneut in riffgetriebene Wucht zurückkehrte. Gerade diese Mischung aus kontrollierter Härte und instrumentaler Freiheit verlieh dem Auftritt eine eigene Handschrift.

Das Publikum nahm diese Energie spürbar auf. Was zunächst als neugieriges Abtasten begann, entwickelte sich schnell zu konzentrierter Aufmerksamkeit und schließlich zu begeistertem Applaus. Ape Shifter lieferten damit einen intensiven, eigenständigen Auftritt, der zeigte, wie wirkungsvoll Instrumental-Heavy-Rock sein kann, wenn er mit Persönlichkeit, Dynamik und einem klaren Konzept präsentiert wird.

Flame Drop

Mit Flame Drop folgte gleich die dritte Instrumentalband in Folge – ein Umstand, der den Spannungsbogen des Programms etwas abflachen ließ. Dabei ist das Projekt selbst durchaus interessant, denn wirklich neu ist das Personal nämlich nicht. Hinter Flame Drop steckt im Kern die Hälfte der Schweizer Formation F.O.R.S., die einige Besucher möglicherweise bereits beim Night of the Prog Festival 2019 kennengelernt haben.

Das Duo besteht aus Schlagzeuger Felix Waldispühl und Multiinstrumentalist Roland Hegi, der neben Gitarre und Bass auch die Keyboardparts übernimmt. Gesang gibt es hingegen keinen – Flame Drop setzen vollständig auf instrumentale Klanglandschaften. Trotz reichlich eingesetzter Tasteninstrumente, die live allerdings aus der Konserve kommen, bleibt die virtuos gespielte Gitarre das prägende Element. Hegi übernimmt regelmäßig die melodische Führung, wobei Einflüsse von Andy Latimer oder David Gilmour durchaus durchscheinen, ohne jedoch in Zitate abzurutschen.

Musikalisch dominieren ruhige, atmosphärische und eher getragen aufgebaute Stücke ihres 2024er Albums „Beyond Cosmic Infinity“. Das erzeugt zwar eine dichte Stimmung, verstärkte in der konkreten Abfolge des Abends jedoch den Eindruck eines etwas zu homogenen instrumentalen Programmblocks. Interessant war rückblickend vor allem der Blick auf Schlagzeuger Waldispühl, während er hier sehr kontrolliert und zurückhaltend agierte, sollte sich später beim Headliner zeigen, dass er auch deutlich kraftvollere Akzente setzen kann.

Rockpommels Band

Nähern wir uns dem Höhepunkt des Abends – ach was sage ich, eigentlich einem der Höhepunkte in der gesamten Historie des Artrock Festivals. Und das muss nicht immer der Headliner des Tages sein. Die deutsche Band Grobschnitt beendete nach mehreren Auflösungen, Pausen und Reinkarnationen ihre Karriere eigentlich 2012 mit der „Last Party“-Tour. Doch ihr musikalisches Erbe aus den 70er-Jahren ließ die Beteiligten nie ganz los. Heute sind wieder drei ehemalige Mitglieder als Akustik-Trio unterwegs und verfügen zudem über die Namensrechte. Gleichzeitig blieb jedoch der Wunsch bestehen, das klassische Repertoire auch wieder elektrisch und in voller Bandbesetzung auf die Bühne zu bringen.

Schließlich fanden sich mehrere Musiker der letzten Grobschnitt-Phase wieder zusammen, ergänzt um neue Mitstreiter, und stellten fest, dass die gemeinsame Chemie nach wie vor stimmte. Hinzu kam der persönliche Bezug zum Material: Teile der Besetzung hatten an den Kompositionen selbst mitgewirkt und wollten diese Musik nicht als bloßes Coverprojekt, sondern als lebendige Weiterführung präsentieren. Der Anspruch war bewusst, vergangene Zeiten nicht zu kopieren, sondern die Stücke mit neuer Besetzung und frischen Arrangements wieder zu beleben.

So nannte man sich kurzerhand Rockpommel’s Band – eine augenzwinkernde Anspielung auf das Kultalbum Rockpommel’s Land, die in der Fangemeinde sofort verstanden wurde und zugleich deutlich macht, dass es sich um ein eigenständiges Projekt handelt. Bereits die Premiere am 3. und 4. Oktober 2025 in Hagen-Hohenlimburg war ein voller Erfolg. Nach weiteren Auftritten in Menden und beim Rockfestival in Paderborn spielten die Musiker – wie Milla Kapolke ausdrücklich betonte – nun erstmals in Sachsen. Insgesamt sieben Musiker standen auf der Bühne: Neben Milla Kapolke und Rolf „Admiral Top Sahne“ Möller stand auch Grobschnitt-Urgestein Toni Moff Mollo auf der Bühne. Seit 1972 dabei, zwar seitdem nicht mehr gewachsen, aber dennoch groß – vor allem stimmlich, wie sich einmal mehr feststellen ließ.

Ergänzt wurde die Besetzung durch Manu Kapolke, Deva Tattva und Demian Hache aus der Phase 2007–2012 sowie Gitarrist Kevin Hollmann, bekannt von der Grobschnitt-Coverband Nebelreise.

In vorderster Front schließlich der fantastische neue Sänger Armin Krull, ein Urgestein der Hagener Musikszene und früher unter anderem bei Marrakesh Express aktiv. Der Band wurde eigens eine Spielzeit von zweieinhalb Stunden eingeräumt, um die epischen Kompositionen in angemessener Länge präsentieren zu können. Im Mittelpunkt stand dabei natürlich der Namensgeber: das 1978 erschienene Album Rockpommel’s Land, das vollständig und mit 45 Minuten Spielzeit aufgeführt wurde. Begleitet wurde die Suite von stimmungsvollen visuellen Projektionen, die die Geschichte lebendig werden ließen – vom Tanz der Stone Men bis hin zum bunten Vogel Maraboo, der klein Ernie auf seiner Reise begleitet und damit auch optisch den klassischen Grobschnitt-Kosmos wieder auferstehen ließ. Auch die beiden 80er-Jahre-Stücke Vater Schmidt’s Wandertag und Könige der Welt wurden vom damals typischen, etwas sterilen Plastiksound ihrer Entstehungszeit regelrecht befreit und in ein deutlich wärmeres, organischeres Klangbild überführt. Gerade bei Letzterem wurde es zudem inhaltlich nachdenklich: Milla Kapolke erinnerte daran, dass man seinerzeit Texte geschrieben habe, mit denen man glaubte, die Welt ein Stück verbessern zu können – leider sei man heute von einer besseren Welt eher weiter entfernt als damals.

Ein kurzer Blick auf die Uhr – oh, schon kurz nach neun. „Wir spielen jetzt noch ein Lied“ – womit eigentlich jeder im Saal wusste, was nun folgen würde: das Signaturstück der Band, Solar Music in der „Sonnentanz“-Version. Musikalisch das Überstück im Grobschnitt-Kosmos, dessen Wirkung sich kaum in Worte fassen lässt. Atmosphäre, Gänsehaut, Freudentränen – hier kommt alles zusammen, was diese Musik seit Jahrzehnten so besonders macht.

Und da im Neuberinhaus traditionell gefühlt die halbe Feuerwehr-Hundertschaft von Reichenbach bereitsteht, durfte auch ordentlich mit Pyrotechnik gezündelt werden – und nicht nur mit ein paar Funken aus der Flex, wie man es anderswo ersatzweise macht, weil man es anders nicht mehr darf. Flammen, Effekte und skurrile Gestalten unterstrichen den epischen Charakter der Komposition zusätzlich.

Als ob das noch nicht gereicht hätte, lief auch der Hazer permanent auf vollen Touren. Viel, viel Nebel und tiefblaues LED-Licht mögen zwar auf der Bühne spektakulär aussehen, sind allerdings nicht unbedingt der Freund von Fotografen und Videofilmern. Zahlreiche Details der überaus sehenswerten Show verschwanden dadurch in einer dichten Waschküche, und was das Auge vor Ort noch erahnen konnte, löste sich auf Bildern und Videos nur noch als geisterhafte Silhouette in einem Meer aus dicker blauer Tinte auf.

Das Publikum zeigte sich nach diesem knapp 48-minütigen Spektakel restlos begeistert. Spätestens mit den letzten, langsam verklingenden Passagen von Solar Conclusion verwandelte sich der Saal in eine einzige jubelnde Menge. Minutenlange Standing Ovations waren die logische Folge – nicht nur höflicher Applaus, sondern echte Begeisterung für eine Show, die viele so wohl nicht mehr erwartet hatten.

Zeit für eine lautstark geforderte Zugabe war am Ende dann doch noch. Mit Mary Green vom Album Illegal – damals noch wörtlich zu nehmen, mittlerweile legal, den meisten jedoch… nun ja, eher sch ..egal – setzte die Band einen augenzwinkernden Schlusspunkt. „Mary“ erschien standesgemäß mit einer überdimensionierten Tüte und sorgte damit nicht nur für Heiterkeit, sondern blies gleich noch zusätzliche Nebelschwaden über die ohnehin bereits großzügig vernebelte Bühne.

Die Musiker selbst wirkten sichtlich begeistert von dem, was sie in den vorangegangenen zweieinhalb Stunden angerichtet hatten, und verabschiedeten sich vom Publikum, nicht ohne zuvor noch die nächsten Stationen bekannt zu geben: Zoetermeer, Burg Herzberg, Aschaffenburg – irgendwo dort werde man sich sicher wiedersehen. Nach diesem Auftritt dürfte daran kaum jemand im Saal gezweifelt haben.

Digital Life Project

Für die ersten Europa-Konzerte stellte Projektkopf Roby Deaton eigens eine internationale Liveband zusammen: Er als US-Keyboarder, mit Hasse Fröberg von den FloKi’s ein schwedischer Sänger, mit Felix Waldispühl, eben noch mit Flame Drop auf der Bühne, ein Schweizer Schlagzeuger, und eine mit Frank Jung und Karsten Gehrke deutsche Wertarbeit an Gitarre und Bass – ein transatlantisches Projekt also, das in Reichenbach seine europäische Live Premiere feierte. Über den Musikern thronte ein riesiges, drachenähnliches Flugwesen mit ausladenden mechanischen Schwingen, in dessen Brust das bereits vom Vorgängerprojekt bekannte Logo des Deaton-Lemay-Projects eingebettet war.

Von jener Vorgängerband stammten dann auch die meisten Songs des Abends, an denen – mit Ausnahme von Deaton – keiner der heute auf der Bühne stehenden Musiker beteiligt war. Frank Jung, der meinte, irgendwie in dieses Projekt „reingerutscht“ zu sein, erzählte, man habe zuvor lediglich drei Tage intensiv geprobt. Aufgrund dieser kurzen Vorbereitungszeit verzeiht man dann auch augenzwinkernd, wenn es im Zusammenspiel an einigen Stellen noch ein kleines bisschen hakte.

Die größtenteils keyboardlastigen Kompositionen mit Anleihen bei Emerson, Lake & Palmer, Styx und Kansas lagen ohnehin in der Verantwortung des Meisters – und der lieferte souverän ab. Ein Großteil des Auftritts ruhte damit auf den Schultern von Roby Deaton, der ein international zusammengestelltes Line-up durch ein komplexes Programm führte – mutig, aber erstaunlich sicher.

Das aktuelle Konzeptalbum Digital Life erzählt eine futuristische Geschichte rund um künstliche Intelligenz und die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Stilistisch bewegt sich das Material zwischen symphonischem Retro-Prog und moderneren Prog-Metal-Elementen, wobei eingängige Melodien immer wieder komplexe Arrangements aufbrechen und die Gitarren bewusst eher ergänzende Akzente setzen.

Stücke wie „Out of the Ashes“ verbinden klassische Synth-Flächen mit lebhaften Fusion-Passagen. Als besonderer Gast tritt ab dem Song „The Beginning“ der Saga-Schlagzeuger Mike Thorne in Erscheinung, der dem hochkarätigen Line-up zusätzliche Strahlkraft verleiht. Im Titelstück „Digital Life“ setzt er zudem mit einem markanten Drum-Solo einen weiteren Höhepunkt, bevor in „A.I. Masters (Fall of Man)“ Vintage-Synths und progressive Metal-Elemente erneut eindrucksvoll miteinander verschmelzen. Mit „Exordium“ und „Fight the good Fight“ erreicht das Material schließlich einen deutlich härteren, epischen Kulminationspunkt.

Zwischen Nachwuchstalenten, Szene-Veteranen und internationalen Projekten zeigte der zweite Festivaltag eindrucksvoll, wie breit und generationenübergreifend Progressive Rock heute aufgestellt ist.

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