Ein neues Festival, ein neuer Veranstalter, ein neuer Ort, eine neue Location – mit diesen Aussichten machten sich voller Neugier die Freunde anspruchsvoller Rock-Musik auf ins rheinland-pfälzische Ramstein (mit einem ,m’, man kann nicht genug darauf hinweisen). Ramstein-Miesenbach, so die volle Ortsbezeichnung, ist eine Gemeinde mit ca. 7.500 Einwohnern und, touristisch betrachtet, eher reizfrei. Würden die nahe US Air-Base, das schreckliche Unglück vor 38 Jahren bei der Flugschau und die Band Rammstein (mit zwei ,m’) nicht existieren, wäre dies ein verschlafener Ort im Landkreis Kaiserslautern. Geprägt wird der Ort durch die Anwesenheit der Amerikaner, die vor allen Dingen der Grund für die XXL-Portionen in diversen lokalen Restaurants sein dürften.
Am Freitag, den 1. Mai öffneten pünktlich um 15 Uhr die Türen des mitten im Ort gelegenen Congress Centers Ramstein. So mancher Festival-Besucher wird sich die Frage gestellt haben, ob er angesichts strahlend blauen Himmels und 20° C das Gebäude betreten oder nicht besser einen wunderschönen Frühlingstag im Freien genießen sollte. Aber es nützte ja nichts, wir waren schließlich nicht zum Spaß hier und betraten das Congress Center, das sich sofort als ebenso vorzüglich ausgestattete als auch reibungslos betriebene Einrichtung herausstellte. Das Personal freundlich, die Bedienung hinter dem Tresen auf Zack, der bestuhlt ca. 500 Besucher fassende Saal akustisch einwandfrei – das hinterließ sogleich einen exzellenten Eindruck. Und dass die beiden Veranstalter Joachim und Michael Bäcker vom Empire-Magazin (die während des Festivals als „Bäcker-Brothers“ bezeichnet wurden, was ihnen noch lange anhängen dürfte) um- und für alle zugänglich waren, ließ angenehme Rahmenbedingungen für dieses Festival erwarten.
Superthousand
Pünktlich um 16 Uhr betraten die drei Musiker von Superthousand die Bühne. Bevor dies geschah, schwirrten Fragen wie „Kennst Du die?“ und „Was für Musik machen die?“ durch den komplett bestuhlten Saal, die regelmäßig mit „Nö.“, „Nie gehört.“ bzw. „Keine Ahnung.“ beantwortet wurden. 90 Minuten und viele offene Münder später schwirrten ebenfalls Fragen durch den Saal, die aber immer nur Variationen der einen Frage waren: „Wie konnte es passieren, dass ich von denen noch nie etwas gehört habe???“ Die Begeisterung, die diese Band aus Gummersbach unter den Zuschauern mit ihrem Auftritt auslöste, ist mit Worten kaum zu beschreiben.

Ihr mit Metal-Splittern durchsetzter New Artrock, ihr mehr als nur sympathisches Auftreten waren immer wieder Anlass für frenetischen Applaus. Ihr Drummer Markus Missbrandt, der einen Großteil der Kommunikation mit dem Publikum bestritt, vorzüglich, ihr Gitarrist und Sänger Dominik Mertens mit seiner angenehmen, sich im Konzertverlauf noch steigernden Stimme und Bassist Lars Dreier, der auch das Master-Keyboard bediente – mehr brauchte es nicht, um großartige Musik zu präsentieren.



Dass die drei keinen Hehl daraus machten, wie überwältigt sie von den Publikumsreaktionen waren, machte sie nur umso sympathischer. Und bei der abschließenden, passend benannten Ballade „End“ standen alle im Saal und sangen und klatschten mit. Solch einen fulminanten Festival-Auftakt hat man selten erlebt! Dies schlug sich auch am Merch-Stand nieder, denn von ihren zum Festival mitgebrachten CD’s (vier Alben hat die Band bereits produziert) dürften Superthousand nur wenige mit nach Hause genommen haben …
Sammary
Der zweite Act dieses Festivals bildete die Band Sammary aus dem Frankfurter Raum unter Leitung ihres Masterminds Sammy Wahlandt, der erst 22 Lenze zählt und auf der Bühne das Schlagwerk bedient. Sechs Personen waren angetreten, darunter auch Sammys Vater Jörg an der Gitarre.

Jedoch fehlte der Stamm-Bassist der Band wegen einer Sehnenscheidenentzündung. Er wurde ersetzt durch sich selbst, denn sein Part wurde per Band eingespielt. Geboten wurde komplexer Artrock der Güteklasse A. Musikalisch im Mittelpunkt steht üblicherweise Sängerin Stella Inderwiesen, deren klare, helle Stimme immer wieder verzückt.


An diesem Abend konnte sie dies jedoch nur eingeschränkt, da ihr Gesang insbesondere im Mittelteil des Auftritts von einer viel zu lauten Gitarre und einer viel zu lauten Bass-Einspielung allzu oft übertönt wurde. Kompensiert wurde dies durch das exzellente Schlagzeugspiel von Sammy Wahlandt und die Qualität seiner Kompositionen, die immer wieder zwischen Melodik und Härte wechselten. Die Setlist bestand aus Songs aller drei bisher von Sammary veröffentlichter Alben, von denen der Erstling „Monochrome“ den Auftakt und das Finale dieses Auftritts beisteuerte.


Digital Life Project
Diese Band, die derzeit auf Europa-Tournee ist, war aus der US-amerikanischen Band Deaton LeMay Project hervorgegangen. Nach dem Ausstieg von Drummer Craig LeMay stellte Namensgeber Roby Deaton unter dem Namen Digital Life Project und damit unter Beibehaltung der Abkürzung DLP eine neue Band zusammen, mit der er das Album „Digital Life“ produzierte, das im vergangenen Jahr in vier Kategorien mit dem Deutschen Rock & Roll Preis ausgezeichnet worden war.

Gegenüber der Studio-Aufnahme hatte Roby Deaton, der selbst am Keyboard stand, die Besetzung der Band für die Tour auf wesentlichen Positionen geändert. So war ihm mit Sänger Hasse Fröberg ein großer Fang gelungen, der mit seiner großartigen Stimme und seiner großen Bühnenpräsenz diesen Auftritt dominierte. So souverän agierte er auf der Bühne, dass er sich den nicht ganz unberechtigten Ausspruch „The keyboards are so loud that I fear for my life!“ erlauben konnte.


Und noch aus einem anderen Grund war Fröberg eine Idealbesetzung: die dargebotene Musik, die sich auch über die Stücke der beiden ersten Deaton LeMay Project-Alben erstreckte, erinnerte an den Artrock der schwedischen Flower Kings, das Mutterschiff von Hasse Fröberg. Erwähnenswert war auch die Besetzung am Schlagzeug: hier verrichtete anfangs der eben noch mit eigener Band aufgetretene Sammy Wahlandt seinen Dienst und wechselte sich im Laufe des Konzerts mehrfach mit Saga-Drummer Mike Thorne ab. Mal hymnisch, mal rockig, immer komplex, so wurde das Publikum auch mit Videoeinspielungen im Hintergrund in Atem gehalten. Und so waren sich die zahlreichen Festival-Gänger im Saal einig: dieser Auftritt war deutlich besser als der zwei Wochen zuvor beim Artrock Festival in Reichenbach. Was nicht überraschen sollte, waren DLP in Reichenbach doch zum ersten Mal in dieser Besetzung aufgetreten.


Somit endete dieser Auftakttag pünktlich um 22 Uhr. Die Dauer von 16 bis 22 Uhr wurde gemeinhin als sehr angenehm empfunden ebenso wie die Anzahl von drei Bands pro Tag, da die Zuhörer nicht überfordert wurden. Ein großes Lob, das ganz klar an die Veranstalter ging!
