Livereport: Empire Of Prog Festival – Ramstein, Samstag (02.05.2026)

Waren am Vortag noch Klagen zu hören wegen zu großer Lautstärke und teilweise schlechter Aussteuerung (bei Sammary), so waren diese Probleme nun behoben. Zu verdanken war dies Thomas Burlefinger, seines Zeichens Keyboarder der Münchener Formation The Ancestry Program und Mit-Veranstalter des ersten Ancestry Prog Festivals zwei Wochen später in München. Eigentlich nur als Fan angereist, übernahm er die Sound-Technik ab diesem zweiten Tag (außer beim Auftritt von Dawnation) und sorgte zur Freude des Publikums für kristallklaren Klang. 

Elleven

Die Eröffnung des zweiten Tages bestritt die Formation Elleven aus Schwaben und dem niederrheinischen Neuss. Im Mittelpunkt stand von Beginn an Frontfrau, Sängerin und Gitarristin Julia Graff, die keinen Hehl daraus machte, wie begeistert sie und ihre Bandkollegen waren, vor solch einer großen Kulisse spielen zu dürfen.

Und auch das Publikum war sofort begeistert, war die Lautstärke der Musik doch perfekt eingestellt und jedes einzelne Instrument jederzeit zu identifizieren. Präsentiert wurde Neoprog der höchsten Stufe. Die Stücke waren melodisch, komplex komponiert und ließen den exzellenten Musikern genug Raum, ihre Fähigkeiten auf den Instrumenten zu präsentieren. Die wiederholt von Gitarrist Carsten Hütter eingefügten Soli, die ausbrechenden Drum-Gewitter von Michael Hahn – dies alles war vom Allerfeinsten.

Das Sahnehäubchen jedoch war die erdige Stimme von Julia Graff, die auch für die Kommunikation mit dem Publikum zuständig war und schnell erahnen ließ, warum sich der Bandname mit Doppel-l schreibt (vom französischen „elle“ = „sie“). Präsentiert wurden an diesem Tag Stücke von allen drei Alben „Insight“, „Transfiction“ und „8030“ der Band. Mit dem traumhaften „Conciliation“ vom Album „8030“ endete dieser Auftritt viel zu früh nach nur einer Stunde.

Chandelier

Gleich zu Beginn gab es ein Novum bei Konzerten: die Band wartete auf das Publikum und begann ihr Konzert erst, als der Saal anständig gefüllt war. Im Jahr 2019 war es, dass Chandelier völlig überraschend nach über 20-jähriger Pause beim Night Of The Prog-Festival aufgetreten waren, was ursprünglich der einzige Auftritt bleiben sollte.

Seither sind sie jedoch nicht aus dem Tour-Kalender wegzudenken. Nun allerdings hat Sänger Martin Eden angekündigt, die Band zu verlassen. Sein Auftritt in Ramstein sollte sein letzter mit Chandelier auf deutschem Boden sein (ein allerletzter gemeinsamer Aufritt steht im Juni im polnischen Toruń an). Dass Eden den Text mittlerweile von einem Prompter ablesen muss, mag ein Grund für seinen Ausstieg sein. An diesem Tag zog er noch einmal alle Register seiner ausdrucksstarken Stimme und vollführte auf der Bühne die von ihm bekannte Gestik, die an Flugversuche erinnerte.

Zwei Stücke vom 2023er Album „We Can Fly“ eröffneten das Konzert, dann präsentierten die fünf Musiker die erste von drei „Weltpremieren“ (Martin Eden wäre nicht Martin Eden, wenn er sich nicht verbessert hätte in „Universumspremieren“), das schnelle, von exzellenten Bassläufen und Gitarrensoli begleitete „Dr. Oz“. Neben den beiden weiteren neuen Stücken „Like A Chandelier“ (bei dem passenderweise die Saalbeleuchtung ein- und ausgeschaltet wurde) und „Howling At The Moon“ wurden Highlights aus sämtlichen Alben der Band gespielt, was immer wieder zu Begeisterungsstürmen im Publikum führte. Der Wechsel von Balladen und rockigen Gassenhauern (allen voran „Start It“) klappte vorzüglich, das Zusammenspiel von Gitarre und Keyboard war vorbildlich und die Arbeit an den Drums schlicht großartig. Und so wurden Chandelier mit verdient großem Applaus von der Bühne gelassen. 

Galahad

Der Schriftzug „Est. MCMLXXXV fourtysomething together“ prangte zu Beginn auf der Bühnenleinwand und tatsächlich: 41 Jahre lang besteht die englische Formation Galahad nun schon. Und auch wenn Sänger Stuart Nicholson das einzig verbliebene Gründungsmitglied der Band ist – ein roter Faden zieht sich durch das gesamte Werk der fünf Briten und der wurde an diesem Abend sicht- und hörbar. Die Setlist bestand aus Liedern aus nicht weniger als acht verschiedenen Alben. Ihr komplexer, kraftvoller Artrock in Verbindung mit passenden Videoeinspielungen auf der Leinwand am hinteren Ende der Bühne begeisterten das Publikum restlos.

Mehrere Ausflüge von Sänger Nicholson, Bassist Mark Spencer und Gitarrist Lee Abraham ins Publikum taten ein Übriges. Überhaupt Mark Spencer: gewandet in einen Kilt, mit seinem kahlen Kopf erinnernd an Shrek und ausgestattet mit einer sehr langen Zunge, legte er eine Bühnenshow hin, die mit dem Wort „extrovertiert“ nur unzureichend beschrieben ist. Aber auch Mastermind Stuart Nicholson zeigte eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Er trug ein Hemd mit „Rammstein“-Aufschrift und zeigte auch am Ende seine Sympathie für diese Band, indem er „Mein Herz brennt“ intonierte.

Sogar Freddie Mercury zitierte er mit einem ausgedehnten „Eeeeyo!“, das vom Publikum begeistert mitgesungen wurde. Seine auf Deutsch gestellte Frage ans Publikum „Seid Ihr glücklich?“ mit der Nachfrage „Wirklich?“ zeugte von seinem Humor, und die Gegenfrage „Du auch?“ beantwortete er mit einem „Na ja …“ und dem Klassiker „This Life Could Be My Last“. Emotionaler Höhepunkt des Abends war eindeutig der Longtrack „The Long Good-Bye“, in der Nicholson Demenzerkrankungen thematisiert. Unterstützt von Familienbildern auf der Leinwand dürften so manchem Anwesenden angesichts des Themas und dessen großartige musikalische Umsetzung Tränen in die Augen gestiegen sein. Doch Galahad wären an diesem Abend nicht Galahad gewesen, wenn sie ihren zweistündigen Auftritt nicht mit dem Kracher „Seize The Day“ beendet hätten. Damit war jedem klar, dass Galahad völlig zu recht der Headliner dieses großartigen Festivals waren.

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