Groß war die Freude unter den Fans, als der Veranstalter am zweiten Festivaltag des vergangenen Jahres ankündigte, dass es eine Fortsetzung des „Klassentreffens der „Ostmusik““ geben werde. Obwohl zeitgleich im niederländischen Maastricht das Midsummer Prog Festival stattfinden sollte, stand für uns schon damals fest: Wir reisen wieder nach Neuruppin – zum Festival auf dem geschichtsträchtigen Hangar-312, um gemeinsam mit Hunderten Fans die Musik unserer Jugend zu feiern. In diesem Jahr sollten jedoch nicht nur die Helden der „Ostmusik“ geehrt werden. Mit den Rainbirds hatte der Veranstalter auch Westbesuch angekündigt.

Unwetterartiger Regen, begleitet von Blitz und Donner, bereitet uns zunächst einige Sorgen, als wir am Freitag in Neuruppin eintreffen. Doch der Wettergott scheint ein Herz für die Fans der Musik aus dem „Osten“ zu haben: Er schiebt die Gewitterwolken beiseite, sodass dem anvisierten Beginn nichts mehr im Wege steht.
Mitorganisator Mario Geyermann und das Moderatorenpaar Petra Schwarz und Michael Ehrenteit können das Festival schließlich um 15:00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein eröffnen.
Die CrazyBirds aus Dresden sorgen für einen gelungenen Festivalbeginn. Die Coverband, zu der mit Keyboarder und Sänger Andreas „Bruno“ Leuschner sowie Gitarrist Ecki Lipske zwei ehemalige Mitglieder der Kultband Electra gehören, überzeugt mit einem Querschnitt an Songs der unvergessenen Kultbands Electra und Reform. Ausschnitte aus dem Mammutwerk „Sixtinische Madonna“, von fantastischem Satzgesang getragen, und das epochale „Tritt ein in den Dom“ kommen ebenso gut an wie die Edelschnulze „Nie zuvor“.

Mit dem gefühlvollen „Wenn die Blätter fallen“ und der rockigen Nummer „Hey Schwester küss mich“ erinnert die Band eindrucksvoll an Reform. Das Quartett mit der quirligen Angela Ullrich am Schlagzeug lockt viele Fans vor die große Festivalbühne.



Auf der kleineren Bühne 2 setzt im Anschluss die Erfurter Blues-Rock-Legende Jürgen Kerth & Band den musikalischen Reigen fort. Nachdem uns Petra Schwarz erläutert hat, wie man in Thüringen den Namen „Kerth“ richtig ausspricht, beweist uns der Meister, dass man auf einer seit 50 Jahren immer wieder modifizierten Gitarre (die Eine) zünftigen Blues spielt.

Trotz seines hohen Alters ist Kerth immer noch gut bei Stimme und zelebriert bekannte Songs wie „Komm herein“ und „Martha“. Neben diesen Liedern spielt er einen feurigen „Red Rooster Blues“, der in eine Reggae-Version von „Hey kleine Mutti“ übergeht. Fast zerbrechlich kommt das Stück „Oma hilf“ daher – „das hier oben wohl keiner kennt“, wie Kerth meint. Das Lied „Helmut“ ist dann doch bekannter, denn viele Fans singen beim Refrain mit. Jürgen Kerth und seine Band, zu der Alexander Bätzel am Schlagzeug und Sohn Stephan gehören, spielen ein mitreißendes Set.


Mit besonderer Spannung erwarte ich den Auftritt von Sandow, jener Band, die sich in den letzten Jahren der DDR als Punk-Formation einen Namen machte. Ihr damals bekanntester Song „Born in the G.D.R.“ entstand nur einen Tag, nachdem Bruce Springsteen 1988 sein legendäres Konzert vor mindestens 160.000 Zuschauern in Ost-Berlin gegeben hatte. Die Band um den Sänger und Mitgründer Kai-Uwe Kohlschmidt und den Gitarristen Chris Hinze, wusste schon zum Ende der 80er Jahre mit ihren Liedern und Texten zu provozieren. Auch heute noch faszinieren ihre druckvollen Songs mit pointiert-provokanten Texten.

Bereits der audiovisuelle Einspieler, unterlegt mit dem russischen Kinderlied „Пусть всегда будет солнце“ („Immer lebe die Sonne“) und verstörenden Bildern, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Für mich ist klar: In Sachen Sandow muss ich nacharbeiten. Die Songs ihres 2022 erschienenen Albums „Kinder des Verbrechens“ sind mir bislang völlig unbekannt, ziehen mich jedoch sofort in ihren Bann.


Hier stehen Musiker auf der Bühne, die gerade in diesen verrückten Zeiten mit ihren Texten Haltung zeigen. Schon der erste Song „Trunken sollst du sein“, unterlegt mit elektronischen Beats, zwingt zum Zuhören. Themen wie Krieg und Frieden oder der Vergleich der Systeme Ost und West münden schließlich in der Frage: „Wohin soll denn die Reise gehen?“ Das einstündige Konzert von Sandow wirkt noch lange in mir nach.


Auf Bühne 2 erleben wir anschließend die Wiedergeburt einer Band, mit der wohl kaum noch jemand gerechnet hätte: Die legendäre Heavy-Metal-Formation MCB galt einst als ostdeutscher Gegenpart zu Motörhead. Ihr Name setzt sich aus den Vornamen der drei Gründungsmitglieder Mike, Charlie und Bernd zusammen.

Von der Urbesetzung ist heute nur noch Bassist und Sänger Mike Demnitz dabei. An seiner Seite spielen Basti Pfund am Schlagzeug (seit 2002 dabei) sowie Knorkator-Gitarrist Sebastian „Buzz Dee“ Baur, der bereits von 1985 bis 1989 und erneut von 2000 bis 2002 Teil des Trios war. Mit harten Riffs und überwiegend deutschsprachigen Songs wie „Lied des Galgenbruders an Sophie das Henkermädel“ oder „Eisenmann“ begeistert die Band ihre Fans. Natürlich gehört auch ein Motörhead-Song ins Programm: „Ace of Spades“. Es rockt, es groovt – und Buzz Dee glänzt mit druckvollen Riffs und wilden Soli. Das ungewöhnliche Bassspiel von Mike Demnitz ist dabei schlicht beeindruckend.



Ralf Schmidt, alias IC Falkenberg, steht ebenfalls mit einem Trio auf der Hauptbühne. In den 80er Jahren machte er zunächst als Sänger von Stern Meißen auf sich aufmerksam. Unter neuem Namen und mit veränderter Besetzung gelang es der Band damals, sich zeitgemäß neu zu präsentieren. Parallel dazu avancierte Ralf Schmidt unter dem Pseudonym IC zum Teenie-Idol. Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Der Mann ist reifer geworden – seine Musik ebenso.

Mit seiner Band präsentiert IC Falkenberg heute ausschließlich eigene Lieder, worauf er ausdrücklich hinweist und selbstbewusst betont: „… denn die sind gut.“ Neben neuen Songs spielt Falkenberg mit seiner Band natürlich auch alte Hits wie „Mann im Mond“, „Nicht allein“ oder „Eine Nacht“. Als Zugabe folgt schließlich noch „Dein Herz“, verbunden mit dem Spruch: „Ist doch schön, auch mal wieder das Original zu hören!“ Ich denke mir meinen Teil zu dieser Äußerung. Fazit: Den Fans gefällt’s! Warum auch nicht? ICs Lieder sind und bleiben ein fester Bestandteil der „Ostmusik“.


Mit Engerling folgt ein erstes Highlight des Abends. Die Blues-Rock-Legende, die im vergangenen Jahr anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens auf Jubiläumstour war, gehört zweifellos zu Deutschlands besten Bluesbands, die zu bieten hat. Insbesondere die Zusammenarbeit mit der in den USA lebenden Rocklegende Mitch Ryder bescherte der Band internationale Anerkennung.

Längst hat die Formation um die beiden Gründungsmitglieder Wolfram „Boddi“ Bodag (Keyboards und Gesang) und Gitarrist Heiner Witte ihren eigenen Stil gefunden und zahlreiche Klassiker hervorgebracht, von denen sie in ihrem einstündigen Konzert viele präsentiert. Schon das Eröffnungsstück „Es kommen bessere Zeiten“, eine Coverversion des Bob-Dylan-Songs „The Times They Are a-Changin’“, ist längst zu einem Bandklassiker geworden – ebenso wie der „Moll Blues“ oder das „Muschellied“.


Bei der Ballade „So oder so“ gesellt sich spontan Ferry Grott mit auf die Bühne und veredelt den Song mit einem wunderschönen Trompetensolo. Der eindringliche „Narkose Blues“ gerät schließlich zu einer ausgedehnten Version mit langen Improvisationen und musikalischen Zitaten aus Renfts „Apfeltraum“ und Johnny Cashs „Ring of Fire“. Mit dem Klassiker „Mama Wilson“ verabschieden sich die vier Mannen von Engerling von den begeisterten Fans.


Zum Abschluss des ersten Festivaltages ist schließlich Party angesagt. Die Berliner Modern Soul Band schafft es auch in diesem Jahr wieder, das Publikum in Scharen vor die große Bühne zu locken. Mit Hits wie „Himmel und Hölle“, „Damals war’s“ oder „Mister Wonder“ zündet die Band von Beginn an ein mitreißendes musikalisches Feuerwerk.

Die Musik der bereits 1968 gegründeten Formation wird vor allem durch ihren markanten Bläsersatz geprägt. So verwundert es nicht, dass der Song „Chicago“ diverse Bläser-Zitate der gleichnamigen US-amerikanischen Band enthält. Die aktuelle Besetzung lebt aber ebenso von ihrem charismatischen Sänger Dirk Lorenz. Er hat nicht nur Stimme, sondern versteht es spielend, das Publikum mitzureißen.



Die Musiker agieren mit viel Spaß, Energie und Bewegung. Kein Wunder, dass dies Bandgründer Gerhard „Hugo“ Laartz immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Erwähnenswert ist auch die instrumentale, mit Rap-Elementen unterlegte Version des CITY-Klassikers „Casablanca“, bei der Ferry Grott erneut sein Können an der Trompete unter Beweis stellen darf. Alles in allem ein würdiger Abschluss des ersten Tages.

Was der Samstag in Neuruppin bereithielt, lest ihr in Kürze. Nur so viel: Es bleibt abwechslungsreich.
