Livereport: Zweites Klassentreffen der „Ostmusik“ – Tag 2, Neuruppin – Hangar 312, Samstag, 20.06.2026

Wir gehen davon aus, dass uns ein rechtzeitiges Erscheinen an diesem Samstagmittag schattige Plätze sichern wird. Doch diesen Gedanken hatten offensichtlich viele andere Gäste ebenfalls. Mit etwas Glück finden wir schließlich doch noch Plätze unter der überdachten Fläche – etwas beengt zwar, aber immerhin geschützt vor der sengenden Sonne. Ich nutze die Zeit, um das Festivalgelände zu erkunden. Erfreulich finde ich, dass in diesem Jahr nirgends eine DDR-Fahne flattert. Auch den „Ossi-Laden“ gibt es nicht mehr. Gut so, denn hier geht es um Musik und nicht um Ostalgie.

Für das Merchandising stehen in diesem Jahr mehrere Zelte bereit. Dort präsentieren sich u.a. der Verein PopKultur Ost e.V. und das auf Pop- und Rockmusik aus der ehemaligen DDR spezialisierte Label ROKKfilm. Auch der westdeutsche Musikmanager und „Ostrock-Importeur“ Peter Schimmelpfennig ist gemeinsam mit seinem Autor Gunnar Leue vertreten, um das Buch „Der Doppelagent“ einem musikinteressierten Publikum vorzustellen. Einige Bands und Künstler nutzen die Zelte zudem für den Verkauf von Merchandise und für den direkten Austausch mit den Fans.

Um 13:00 Uhr startet das Programm – und das hat es heute mit sage und schreibe neun Acts in sich. Der erste Auftritt überrascht mich ein wenig: Der Unterhaltungskünstler Frank Hardy Wedler hat zahlreiche Titel von Ostrockklassikern zu einer Geschichte verknüpft und damit tatsächlich einen Hit gelandet. „Im Osten geboren“ heißt das Stück im strammen 4/4-Takt, das innerhalb kürzester Zeit zum Kulthit und zur Osthymne avancierte. Dieser Erfolg ermutigte Hardy, in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Inzwischen sind bereits zwei Alben mit seiner Musik erschienen. Gemeinsam mit der Sängerin Kerstin Bunge erinnerte er an unsterbliche Hits wie „Jugendliebe“ von Ute Freudenberg, „Blumen aus Eis“ von Karat und „Zeit, die nie vergeht“ von Perl. Ob dieser verklärte, schlagerhafte Rückblick wirklich auf dieses Festival gehört, muss jeder für sich selbst entscheiden. Die Publikumsresonanz ist jedenfalls positiv.

Die für mich spannenderen Acts stehen noch bevor. Dazu zählt das Projekt „Machandeltal – Eine Graphic Novel“ des Sängers Dirk Zöllner und des Malers und Musikers Jörg Menge. Im ersten Band ihres Comics erzählen Zöllner und Menge die fiktive Geschichte einer Gruppe junger Menschen, die in den 70er-Jahren in Ost-Berlin eine Band gründet. In Wort und Bild zeigen das Buch, wie junge Menschen in der ehemaligen DDR lebten – und wie sie sich weigerten, sich dem System unterzuordnen. Dirk Zöllner und Jörg Menge sind derzeit mit dem Bassisten Frank „Brandy“ Brennecke im Land unterwegs, um ihr Werk in Form einer musikalischen Lesung vorzustellen. Auszüge daraus präsentieren die drei heute auch in Neuruppin. Neben gelesenen Textpassagen und den dazugehörigen Grafiken auf der großen Videowand erklingen mehrere Songs, die in der Geschichte eine Rolle spielen. Stücke wie „Bock auf Berlin“, eine Coverversion von Otis Reddings „Sitting on the Dock of the Bay“, oder „Ein Wigwam steht in Babelsberg“ – in den 70er-Jahren ein Hit der Berliner Band Express – sollen Lust auf das Buch machen. Musikalisch werden die drei heute von Maike Virk an der Violine, Ilir Mulai am Cajon und Norman Dassler an der Gitarre unterstützt. Offenbar kommt das gut an: Trotz der Hitze ist der Platz vor der Bühne prall gefüllt.

Ein völlig anderes Genre erwartet uns auf der zweiten Bühne. Vier Gitarrenvirtuosen aus der Jazz- und Fusion-Szene – Gerhard „Charlie“ Eitner, Helmut „Joe“ Sachse, Uwe Kropinski und Jürgen Heckel – zeigen als German Masters of Guitar ihr beeindruckendes handwerkliches Können.

Gerade weil jeder der vier Musiker einen anderen stilistischen Hintergrund hat, bedienen sie ein breites musikalisches Spektrum – von Jazz über Blues und Rock bis hin zu flamencoartigen Elementen. Ob im Zusammenspiel oder bei den ausladenden solistischen Improvisationen: Ihr Spiel ist schlicht atemberaubend. Entsprechend verdient ist die Zugabe, die die begeisterten Fans lautstark einfordern. Mehr ist aus Zeitgründen leider nicht möglich, denn auf der Hauptbühne steht bereits der nächste Act in den Startlöchern.

Ein kurzer Regenschauer kann die Fans der Stern-Combo Meißen nicht davon abhalten, sich vor der Bühne zu versammeln und den Klängen von Deutschlands dienstältester Artrock-Legende zu lauschen. In ihrer aktuellen Besetzung ist die Band längst kein Geheimtipp mehr.

Seit 2012 steht Manuel Schmid als Sänger am Mikrofon. Seit dem viel zu frühen Tod von Thomas Kurzhals bedient er zudem die Keyboards – gemeinsam mit Sebastian „Sebi“ Düwelt. Mit Michael Lehrmann hat die Band außerdem wieder einen versierten Gitarristen an Bord, der einst bereits zur Formation gehörte.

Gründungsmitglied Martin Schreier moderiert das Konzert, spielt Percussion und sitzt bei „Der Kampf um den Südpol“ am Schlagzeug. Neben eingängigen Klassikern aus allen Schaffensphasen präsentieren die sechs Sterne mit „Die Himmelsscheibe von Nebra“ und „In der kalten Nacht“ auch zwei aktuelle Songs. Band und Fans haben Spaß dabei. Leider vergeht die eine Stunde Spielzeit viel zu schnell und der Zeitplan ist inzwischen ohnehin schon aus den Fugen geraten. Also gibt es leider keine Zugabe.

Und wieder erwartet uns ein musikalischer Stilbruch: Vom kunstvollen Rock wechseln wir zum deftigen Punk der Berliner Band Die Skeptiker, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Eingerahmt vom Klassiker „Ein Lied geht um die Welt“, der zunächst als Einspieler erklingt und am Ende des Konzerts in einer Punk-Version wieder aufgegriffen wird, zeigt die Band um Sänger Eugen Balanskat eindringlich, wie sich politische Botschaften in einfache Akkorde packen lassen.

Zu Songs wie „Verraten und verkauft“, „DaDa in Berlin“ oder „Deutschland, halt’s Maul“ sollten die Fans Pogo tanzen – doch so richtig will das in diesem Jahr nicht gelingen. Dafür geht auf der Bühne umso mehr die Post ab. Es lohnt sich, auf die Texte der Band zu achten: In ihnen beziehen Die Skeptiker klar Haltung und prangern an, was in unserer Gesellschaft falsch läuft. „Kultur ist besser als Rüstung und Waffen!“, sagt Eugen Balanskat in einer seiner Ansagen. Wie recht er damit hat!

Eine weitere Reunion steht auf dem Programm: Amor & die Kids wollen es noch einmal wissen. Die Band wurde 1985 von Schlagzeuger Tobias Künzel – dem späteren Prinzen – sowie Gitarrist Mario Rostenbeck, Bassist Dirk Posner und Sänger Frank „Amor“ Schüller gegründet. Mit eingängigen Melodien und humorvollen, bisweilen anzüglichen Texten, die voller Sarkasmus und versteckter Kritik den Alltag in der DDR spiegelten, kamen ihre Lieder damals bei den meist jugendlichen Fans bestens an.

Dass sich Sänger und Frontmann Frank „Amor“ Schüller im Rollstuhl auf die Bühne schieben lässt, ist vermutlich augenzwinkernd gemeint. Doch der Zauber von damals stellt sich für mich nicht mehr ein. Den kräftigen „Amor“ mit Bart und dominanter Stimme, der einst seine jungen „Kids“ um sich scharte und von ihnen an Gitarren und Schlagzeug sowie mit mehrstimmigem Satzgesang getragen wurde, gibt es so nicht mehr.

Heute sitzt „Amor“ an einem Tisch und singt noch immer vom „Blauen Würger“ oder fragt: „Wer hat mir mein Bier geklaut?“ Über Titel wie „Wir machen es im Wald“ oder „Komm doch mit zu ’nem Ritt auf dem Sofa“ mag ich in diesem Zusammenhang gar nicht weiter nachdenken. Spielerisch gibt es allerdings nichts auszusetzen. Falk Kindermann bringt mit Klarinette, Saxofon und Keyboards neue Klangfarben in den Sound der Kids. Und auch neue Songs finden sich im Programm. Das lässt hoffen, dass die Reunion mehr sein kann als ein nostalgischer Rückblick. Wer möchte, kann am Stand von ROKKfilm zudem gleich das aktuelle Album „The Bockwurst Returns“ mitnehmen.

Die zweite Reunion des Tages steht auf dem Programm: Die Berliner Band Jessica will es noch einmal wissen. Erinnern wir uns: Ein junger Sänger mit markanter roter Kappe singt sich mit „Ich beobachte dich“ in die Herzen vieler junger Menschen in der DDR. Die Band um Gitarrist André Drechsler und Sänger Tino Eisbrenner landet damit einen Hit und wird 1985 und 1986 zur beliebtesten Newcomer-Band gewählt.

Daraufhin darf Jessica bei Amiga sogar eine LP einspielen. Ihr Album „Spieler“ präsentieren die Musiker auf einer rund 100 Konzerte umfassenden Tour durch das ganze Land. Sogar einen kompletten Bläsersatz hat die Band mit auf Tour. Heute, 40 Jahre später, erleben wir Jessicas Wiedergeburt. Der damalige Schlagzeuger Olaf „Olli“ Becker sitzt wieder am Schlagzeug, Oliver Siegmann spielt den Bass.

Die Bläsersektion der Modern Soul Band bereichert den Sound zusätzlich. Mit Songs wie „Mein Mut“, „Bring mir die Sonne“ oder „Mama“ lässt Jessica die Magie von damals wieder aufleben. Es macht Freude, das zu erleben. Und die Geschichte soll weitergehen, verspricht Tino Eisbrenner: Ein neues Album ist bereits in Planung.

Nun ist endlich auch der angekündigte Westbesuch angekommen: Die Rainbirds um ihre Gründungsmitglieder, Sängerin Katharina Franck und Bassist Michael Beckmann, stehen auf der Hauptbühne. Mit ihrem Hit „Blueprint“ feierte die Band Ende der 80er-Jahre europaweit Erfolge.

Heute präsentiert sie im Rahmen ihrer Tour zum 40-jährigen Bestehen einen umfangreichen Querschnitt durch ihr Schaffen. Midtempo-Nummern wie „Apparently“, das eingängige „Not Exactly“ oder das chansonhafte, auf Französisch gesungene „Jamais Jamais“ zeugen von der musikalischen Vielseitigkeit der Rainbirds. Über allem schwebt die unverkennbare Stimme von Katharina Franck. Ihr Hit „Blueprint“ krönt das Programm. Als die Rainbirds dann mit dem Beatles-Cover „A Hard Day’s Night“ zu einer Zugabe ansetzen, wird es unter der überdachten Fläche hörbar unruhig.

Vor der kleinen Bühne 2 drängen sich inzwischen bereits die Fans der Berliner Blues-Band Monokel. Oder muss man sie aus rechtlichen Gründen M.O.N.O.K.E.L. nennen (Möchten Ohne Not Oder Kummer Ewig Leben)? Wer es genau wissen will, sollte das Buch „Das Leben ist ’ne Session“ lesen, das Sänger Frank „Gala“ Gahler vor Kurzem veröffentlicht hat.

Auf jeden Fall wird das Bühnencomeback der Band von den Fans heiß ersehnt. Mit Gala, den Gitarristen Bernd „Kuhle“ Kühnert und Buzz Dee sowie Schlagzeuger Olaf „Olli“ Becker erleben wir langjährige Mitglieder dieser Kultband, die auf eine 50-jährige Geschichte zurückblicken kann. Ebenfalls dabei sind Manne Pockran von Engerling am Bass und Tobias Hilling an der Gitarre. Nicht zu vergessen: die drei Bläser der Modern Soul Band.

Man spürt sofort, wie eng die Berliner Szene zusammenhält und wie selbstverständlich sich die Musiker gegenseitig unterstützen. Zeitlose Klassiker wie „Das Monster vom Schilkinsee“, „Schwarze Marie“ oder „Bye Bye Lübben City“ interpretiert Gala mit gewohnt souveräner Bühnenpräsenz. Auch Buzz Dee erleben wir zwischendurch am Mikrofon. Dazu gibt es jede Menge Gitarrenpower, satte Bläsersätze und immer wieder Galas „Mundi“. Das sorgt für ausgelassene Stimmung – und wird von den Fans frenetisch gefeiert.

Der Headliner des Abends lässt aufgrund technischer Probleme noch etwas auf sich warten. Angesagt ist Chicorée, die Band um Frontmann Dirk Zöllner, Bassist Frank „Brandy“ Brennecke und Keyboarder André Kuntze, die bereits im vergangenen Jahr beim Klassentreffen ihr Comeback feierte. Als das Konzert beginnt, ist die Bühne in violettes Licht getaucht. Auch beim Outfit der drei genannten Musiker dominiert diese Farbe – bis hin zu den Schuhen des Frontmanns.

Den ersten Teil des Konzerts bestreitet Chicorée mit funkigen Klassikern aus der Anfangszeit. Stücke wie „Hör mich, hör mich“, „Halt die Zeit für mich an“ oder „Was du von mir verlangst“ haben auch nach fast 30 Jahren nichts von ihrer Frische verloren. Auch das ruhige „Freunde“, bei dem sich André Kuntze und Dirk Zöllner den Gesang teilen, überzeugt. Ergänzt wird das Trio durch Norman Dassler an der Gitarre, Ilir Mulai am Schlagzeug und Jörg Menge am Saxofon.

Damit schließt sich für mich ein Kreis, denn diese Musiker hatten wir bereits am Mittag bei der Lesung aus dem Comic „Machandeltal“ erlebt. Im zweiten Teil des Konzerts begibt sich die Band als Chicorée 2.0 tatsächlich ins „Machandeltal“ – jenen fiktiven, friedlichen Sehnsuchtsort. Bei den folgenden Songs kommen die fantastische Sängerin Steffi Breiting und Sänger Holly Loose – gekleidet im Schottenrock – als Gäste hinzu.

Nach dem Duett „Bock auf Berlin“ und dem kraftvollen „Back to the GDR“ lässt Chicorée bei „Barum Blitz“, einer Coverversion des Sweet-Klassikers „Ballroom Blitz“, die Fetzen fliegen. Akustikgitarrenklänge leiten schließlich eine wunderschöne Version des Chicorée-Klassikers „Käfer auf’m Blatt“ ein – inklusive Basssolo und Backgroundchor. Ein stimmungsvoller Abschluss des zweiten Klassentreffens der Ostmusik.

Die Frage, wie es weitergeht, erübrigt sich: Bei der Verabschiedung lüftet Veranstalter Mario Geyermann gemeinsam mit Petra Schwarz und Michael Ehrenteit das Geheimnis. 2027 wird es ein drittes „Klassentreffen der Ostmusik“ geben. Zudem gibt es Überlegungen, das Konzept anzupassen – aus meiner Sicht ein sinnvoller Schritt. Schließlich hat sich Musik mit Wurzeln im Osten seit 1990 kontinuierlich weiterentwickelt. Man darf also gespannt sein, was uns am 25. und 26. Juni 2027 am Hangar-312 erwartet.

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