Livereport: Midsummer Prog Festival 2026 – Maastricht, Tag 1

Benthos

Was geschieht, wenn man ein Mentos-Pfefferminzbonbon in eine Flasche Cola wirft? Richtig, explosionsartig schießt die Flüssigkeit aus der Flasche heraus. Ähnlich kam die italienische Band Benthos um Punkt 13.15 Uhr auf die Bühne (ob der Bandname von dem Namen des Pfefferminzbonbons abgeleitet wurde, ist jedoch nicht bekannt). Sie startete mit einer Musik, bei der nach eigener Aussage Präzision mit Unvorhersagbarkeit kollidiert.

Was hier geboten wurde, war experimenteller Prog-Metal der schrägen Sorte, der den Eindruck erweckte, er sei den fünf Musikern soeben erst eingefallen. Insbesondere Sänger Gabriele Landillo mit seiner hohen, mitunter dünnen Stimme und mit seinem extrovertierten Verhalten bildete den akustischen wie optischen Höhepunkt dieses Auftritts. Dabei lieferten Benthos auch melodische Passagen, die aber, kaum dass sie ins Hörzentrum eingedrungen waren, wieder von harten Passagen abgelöst wurden. Ein Auftakt also für Hard-core-Prog-Metaller mit Hang zum Unvorhersehbaren!

Setlist Benthos

Let Me Plunge
As A Cordyceps
Fossil
From Nothing
To Everything
The Giant Child
Pure
Perpetual Drone Monkeys

OK Goodnight

Dass Prog-Metal auch ganz anders klingen kann, bewies im Anschluss das US-amerikanische Quintett OK Goodnight, das vor zwei Jahren bei der Final Night Of The Prog bereits einen positiven Eindruck hinterlassen hatte. Damals wie heute bezauberte insbesondere Sängerin Casey Lee Williams mit ihrer wunderbar klaren Stimme und ihrer großen Bühnenpräsenz.

Die Setlist umfasste eine bunte Mischung aus ihren drei bisher veröffentlichten Alben „Limbo“, „The Fox And The Bird“ sowie dem aktuellen Album „Stop/Go“. Die Musik schwankte zwischen herrlich verträumt („The Fox And The Bird“) und krachend metallisch („The Nightmare“), ohne auch in den metallischen Passagen die rhythmisch-melodische Linie zu verlieren.

Neben der Sängerin sollte hier auch die vorzügliche Arbeit der Gitarristin Eve und des Drummers Augusto Bussio erwähnt werden. Und so heimsten OK Goodnight am Ende ihres Auftritts ein weiteres Mal großen Applaus vom Publikum ein.

Setlist OK Goodnight

No Sound
22
The Fox And The Bird
Day & Night
The Nightmare
Spiral
The Bear
The Game
Free Fall
Top Of The Bottom
Rapture

Blowbeat

In den letzten Jahren ist es zur lieben Gewohnheit geworden, dass die Veranstalter des Festivals am ersten Tag eine Band präsentieren, deren Musik nicht zum engeren Dunstkreis des Progressive Rocks gehört, dafür aber einen geographischen Bezug zum Festivalort haben. War es vor zwei Jahren noch die Belgierin Isolde Lasoen gewesen und im Vorjahr die umjubelte niederländische Band Heath, so stand heuer das Quartett Blowbeat aus dem Limburgischen auf der Bühne.

Die vier schon etwas ergrauten Herren hatten vor sechs Jahren das letzte Mal auf der Bühne gestanden und präsentierten nun einen erfrischenden Mix aus verschiedenen Stilrichtungen, die von Rock mit Beat-Elementen über Rhythm´n´Blues bis hin zu Rap reichten. Mitunter vermeinte man auch Anleihen bei Zappa und King Crimson zu vernehmen. Mit ihrer schnörkellosen Musik dürften sie sich für weitere Auftritte empfohlen haben.

Daniel Cavanagh

Mit der Überschrift „Daniel allein zu Haus“ dürfte der Auftritt von dem ehemaligen Anathema- und aktuellen Weather Systems-Mastermind Daniel Cavanagh hinreichend genau umschrieben sein. Bewaffnet mit Mikro, Gitarre, Keyboard sowie Drum- und Loop-Machine stand der Brite allein auf der Bühne und präsentierte Edelsteine aus seligen Anathema-Zeiten wie „Fragile Dreams“ oder „Untouchable Part 2“. Damit sorgte er bei vielen Besuchern, die diesem elegischen ArtRock andächtig lauschten, für ein Paradoxon: Gänsehaut bei 33 °C … Den Schlussstrich zog Cavanagh auf der Akustikgitarre mit dem Pink Floyd-Klassiker „High Hopes“. Für die einen war dies pures Balsam in den Gehörgängen, für die anderen aber eher langweilig. Und so zeigte sich hier nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Wochenende, dass die Gräben zwischen Neo-Proggern und Prog-Metallern doch recht tief sein können.

Setlist Daniel Cavanagh

Fragile Dreams
Are You There
Temporary Peace
Untouchable, Part 2
Untouchable, Part 3
Flying
High Hopes

Quidam

Die Neo-Progger kamen anschließend einmal mehr auf ihre Kosten. Die auf diesem Feld wohl bedeutendste polnische Band Quidam betrat als nächstes die Bühne. Eigentlich hatten sie im polnischen Inowroclaw vor einem Jahr ihr Abschlusskonzert gegeben. Glücklicherweise hatten die Polen offenbar den Rücktritt von ihrem Rücktritt zur großen Freude ihrer Anhänger erklärt.

Hier wurde Prog der melodischen Extra-Klasse geboten, wobei jedes Instrument personell erstklassig besetzt war. Aus diesem Ensemble ragte jedoch noch einmal ein Stück Maciej Meller heraus, der seiner Gitarre mit höchster Sensibilität Töne entlockte, die nicht von dieser Welt waren und der damit zeigte, dass Quidam seine eigentliche musikalische Heimat ist und nicht Riverside (was er selbst wohl auch so empfindet).

Zelebriert wurden bei diesem großartigen Auftritt Stücke der beiden bisher letzten Studioalben „Alone Together“ aus dem Jahr 2007 und „Saiko“ aus 2012.  Dass sie ihre zur Verfügung stehenden knappen 60 Minuten um 10 Minuten überziehen durften, war eine Referenz an das begeisterte Publikum. Und dass im abschließenden „They Are There To  Remind Us“ ein Ausschnitt aus „Riders On The Storm“ eingefügt wurde, steigerte den verdienten Applaus noch einmal.

Setlist Quidam

But Strong Together
One Day We Find
Depicting Colours of Emotions
Walec
Spotykanie
Kinds of Solitude at Night
Of Illusions
They Are There to Remind Us

Einar Solberg

Keinar singt wie Einar! Was der groß gewachsene Norweger und an diesem Abend außer-lepröse Einar Solberg hier mit seiner Band auf die Bühne brachte, das war ein Frontalangriff auf Auge, Ohr und Hirn der Festivalbesucher. Zum Auge: die ganze Band gewandet in Schwarz und Weiß, der Meister trotz der Hitze im dunklen Anzug, mit Weste und Fliege ausgestattet, immer wieder mit theatralischen Gesten auf sich aufmerksam machend, der Rest der Band nicht weniger edel ausstaffiert.

Zum Ohr: Solberg mit himmelhoher Stimme und gelegentlichen Growls, das Krachen und Krachenlassen überließ er weitgehend der vorzüglichen Band, die sich in dieser Formation erst wenige Tage vor dem Festival zusammengefunden hatte. Trotz der Lautstärke waren die Instrumente erstklassig ausgesteuert. Allen voran beeindruckte das Cello, faszinierend ebenso feinziseliert wie raumfüllend bespielt von der großartigen Russin Maya Fridman.

Zum Hirn: Selten passte die Redewendung „ganz großes Kino für die Ohren“ besser zu einem Auftritt. Hier wurde nichts weniger präsentiert als ein Gesamtkunstwerk, groß und mächtig, schicksalsträchtig. Den Schwerpunkt bildete Solbergs aktuelles Solo-Album „Vox Occulta“, das fast vollständig gespielt wurde. Aber ganz ohne sein Heimatschiff Leprous ging es denn doch nicht. „The Last Milestone“ passte aber auch zu perfekt auf die Setlist. Und das Publikum dankte es am Ende mit frenetischem Applaus.

Setlist Einar Solberg

Stella Mortua
Liberato
Vita Fragilis
A Beautiful Life
Serenitas
Medula
Vox
The Last Milestone
Over The Top
Grex

Geoff Tate

Den Abschluss des ersten Festivaltages lieferte der US-Amerikaner Geoff Tate. Dieser ehemalige Sänger der Progressive Metal-Band Queensryche gilt als einer der besten Metal-Sänger aller Zeiten und zeigte von Minute Eins an, über welch Riesen-Röhre er verfügt. Gleich drei Gitarristen sorgten für eine bombastische Begleitung eines Sets, das von Druck, Drall und Geschwindigkeit geprägt war.

Das i-Tüpfelchen bildete jedoch die stimmgewaltige Clodagh McCarthy, die nicht nur als Keyboarderin, sondern auch mit mehrfachen Gesangseinsätzen brillierte. Tate präsentierte an diesem Abend das Queensryche-Album „Operation: Mindcrime“ aus dem Jahr 1988 von A bis Z, ergänzt von einigen älteren Queensryche-Stücken sowie dem Stück „The Answer“ von dem im Mai 2026 erschienenen eigenen Album „Operation Mindcrime III“. Der zwischen Metal, Hard und Progressive angesiedelte Rock kam beim Publikum bestens an. Nach 90 Minuten (ohne Zugabe) wurden Tate und seine vorzügliche Band mit großem Applaus verabschiedet.

Setlist Geoff Tate

Intro (I Remember Now)
Anarchy-X
Revolution Calling
Operation: Mindcrime
Speak
Spreading the Disease

The Mission
Suite Sister Mary
The Needle Lies
Electric Requiem
Breaking The Silence
I Don’t Believe in Love

Waiting for 22
My Empty Room
Eyes of a Stranger
The Answer
Empire
Jet City Woman

Hier erfahrt ihr alles über den zweiten Tag.

Livereport: Midsummer Prog Festival 2026 – Maastricht Tag 2 – STONE PROG

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