Livereport: Zappanale # 35 – Bad Doberan, Trabrennbahn, 16. – 19.07.2026

Unser diesjähriger Besuch auf der Zappanale gerät eher zur Stippvisite. Das Wetter spielt nicht so recht mit, und am letzten Tag zieht es mich zu einem anderen Event in den Rostocker Klostergarten. Entsprechend fällt mein Bericht über das Festival, das sich zum 35. Mal dem Ausnahmemusiker Frank Zappa widmet, diesmal etwas kürzer aus.

Mit großer Freude stelle ich am Donnerstagmittag fest, dass auf dem Festivalgelände wieder zwei Bühnen stehen. Auf der Main Stage arbeiten die Techniker noch fleißig, während auf der deutlich kleineren Arf Stage der Soundcheck der ersten Band gerade beendet ist. Genau wegen dieser Band bin ich so früh angereist: Das Trio Superthousand aus Gummersbach, das am 1. Mai dieses Jahres das Empire of Prog Festival in Ramstein fulminant eröffnet hat, darf nun auch die Zappanale musikalisch eröffnen. Es ist gerade 14:00 Uhr, und auf dem weitläufigen Gelände tut sich noch nicht viel. Umso gespannter bin ich, ob die Band zu dieser frühen Stunde an ihren Erfolg in Ramstein anknüpfen kann. Es dauert nicht lange, bis sich der Platz vor der Bühne füllt.

Gut für die drei Musiker, die sich von Beginn an voll ins Zeug legen. Ihr sympathisches Auftreten und ihre spannungsgeladene Musik, die stetig zwischen elektronischen Grooves, melancholischen Momenten und harten Ausbrüchen wechselt, finden bei den Zappa-Fans schnell Anklang. Neben Material von ihren vier bisher veröffentlichten Alben präsentiert das Trio auch einen neuen Song. Und wenn die Fans das eingängige „Oh-ho – oh-ho“ des letzten Stücks end nach dem Konzert noch allein weitersingen, hat die Band wohl alles richtig gemacht.

Nach kurzer Umbaupause steht smalltape auf der Bühne. Unter diesem Namen verwirklicht der Berliner Multiinstrumentalist Philipp Nespital seit über 15 Jahren seine musikalischen Ideen, zunächst als Soloprojekt. Mit seinen ersten Alben avancierte er rasch zum Geheimtipp der deutschen Prog-Szene. Entsprechend naheliegend war es, diese Musik auch live erlebbar zu machen. Ich selbst habe ihn und seine Band 2018 zum ersten Mal in Italien gesehen.

Seitdem waren Philipp Nespital und seine Musiker auf zahlreichen Festivals zu erleben. Auch heute vermag die Band mit den teils sehr komplexen Kompositionen von Philipp Nespital zu überzeugen. Die Band spielt Stücke aus mittlerweile vier Alben, während Philipp selbst zwischen Gesang, Keyboards, Gitarre und Trommeln wechselt. In seinen Moderationen weist er immer wieder darauf hin, dass er ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern stammt und sich freut, in seiner alten Heimat auftreten zu dürfen.

Außerdem gibt er ein klares Statement für den Erhalt der Demokratie und gegen Fremdenfeindlichkeit ab. Mit einer von Zappa inspirierten Version seines Songs Kaventsmann vom zweiten Album verabschiedet sich die Band schließlich von den begeisterten Fans. Meiner Meinung nach wirkt die Musik von smalltape, wenn sie live von einer kompletten Band gespielt wird, deutlich authentischer als auf den Studioalben. Philipp Nespital wird an diesem Wochenende noch zweimal solistisch zu erleben sein.

Auf dem Programm steht nun eigentlich die Band Blanck Zappath, die gefühlt jedes Jahr auf diesem Festival zu erleben ist. Da einige ihrer Musiker seit Stunden auf der Autobahn im Stau stehen, wird kurzerhand umdisponiert. Das Quartett Icarus Burns mit Musikern aus Deutschland, Großbritannien und Chile ist als Nächstes zu hören.

Während die vier Herren mit harten Riffs ein Feuerwerk zwischen Stoner, Prog und Metal zu zünden versuchen, setzt langsam der Regen ein und erstickt das Feuer zunehmend. Ich komme noch dazu, schnell einige Fotos zu machen, bevor sich der Regen zu einem Wolkenbruch entwickelt. Wir ziehen uns ins Auto zurück, und als der Regen immer heftiger wird, entschließen wir uns, den Heimweg anzutreten.

Zwei Tage später sind wir wieder auf dem Festivalgelände. Auf der Main Stage bereitet sich gerade das Hilo Jazz Orchestra aus den USA auf seinen Auftritt vor. Kurz nach 15:00 Uhr beginnt das Orchester mit einem Set hawaiianischer Reggae-Musik. Das ist Musik zum Wohlfühlen und Mitschunkeln, was an diesem lauen Nachmittag vom Publikum gern angenommen wird.

Die neunköpfige Band wechselt immer wieder die Instrumente, auch die Gesangsparts übernehmen verschiedene Sänger. Mit dem Song Hawai’i Aloha, der bekanntesten Hymne der hawaiianischen Bevölkerung, beendet das Orchester den ersten Teil des Konzerts. Der zweite Teil ist eine Hommage an die Musik von Frank Zappa. Bandleader Trever Veilleux wechselt vom Bass an die Gitarre und zeigt auch dort sein virtuoses Können. Immer wieder verbindet das Orchester Zappas komplexe Kompositionen geschickt mit Elementen hawaiianischer Raggea-Musik. Eine interessante Herangehensweise an Zappas Werk, die richtig Spaß macht.

Richtig Spaß macht auch die Show von Tante Tofu, die im Anschluss auf der Arf Stage zu erleben ist. Ich schreibe bewusst „Show“, denn geboten wird ein buntes Spektakel mit Kostümen und allerlei Firlefanz. Die Band präsentiert ihre neue Rockoper SchieLa mit eigenen Songs, aber auch mit Stücken aus der Feder von Frank Zappa. Musikalisch bewegt sich das Ganze zwischen Rock, Blues, Prog und Pop.

Aus Zappas Dancing Fool wird da auch schon einmal Daddy Cool von Boney M. Garniert wird diese Mixtur mit zahlreichen Showelementen: Neben diversen Kostümwechseln fliegen goldene Taler und bunte Luftballons ins Publikum, außerdem werden Zettel mit Informationen zu den Protagonisten der Rockoper sowie bunte Sterne verteilt. Als Gast der Band erleben wir Pamela Des Barres. Ende der 1960er Jahre galt sie unter dem Namen Miss Pamela als das wohl bekannteste Groupie verschiedener Rockmusiker wie Jim Morrison, Jimmy Page, Mick Jagger, Keith Moon oder Frank Zappa.

Inzwischen ist sie eine bekannte Autorin und Journalistin, die ihre Erfahrungen als Groupie während der Classic Rock-Ära in zwei Büchern veröffentlicht hat. Der Höhepunkt der schrillen Rockoper ist die gemeinsame Live-Aufführung des Klassikers I’m in Love with the Ooo-Ooo Man der ehemaligen Groupie-Band GTO (Girls Together Outrageously), deren Mitglied Pamela Des Barres einst war.

Die für mich beeindruckendste Band dieses Samstags kommt aus Frankreich und nennt sich Mentat Routage. Sie präsentiert ihre Show Brothers of Dimension mit dem unglaublichen Stimmakrobaten und Cornet-Virtuosen Médéric Collignon als Gast. Schon sein rund fünfminütiger Opener, in dem er allein mit seiner Stimme schier unglaubliche Töne erzeugt, ist so beeindruckend, dass der tosende Beifall des Publikums mehr als gerechtfertigt ist.

Es folgt eine Performance mit eigenen Songs zwischen Jazz und Progressive Rock, ergänzt durch Musik von Frank Zappa. Das große, rote Sofa in der Bühnenmitte und der Name der Show stellen dabei den Bezug zu Zappa her. Virtuos aufspielende Musiker, der Gesang und das Cornet-Spiel von Médéric Collignon sowie diverse Showeinlagen sorgen für ein großartiges audiovisuelles Erlebnis. So werden schon mal Gäste aus dem Publikum auf die Bühne gebeten, um eine Zigarre zu rauchen oder um Champagner zu trinken.

Und wenn der Bassist im weißen Kapitänsoutfit über die Bühne tobt oder beim Bassspiel auf dem Einrad fährt, gibt es nicht nur etwas auf die Ohren, sondern auch etwas fürs Auge. Mit dem zeitlosen Instrumentalklassiker Peaches en Regalia verabschiedet sich die Band von ihrem begeisterten Publikum, das gern noch eine Zugabe erlebt hätte. Doch leider winkt der Veranstalter ab. Der Zeitplan ist offensichtlich aus dem Ruder gelaufen.

Auf der kleineren Arf Stage sind die Filthy Brillos schon voll zugange. Mit zahlreichen Zappa-Stücken und ebenso vielen Showeinlagen liefern sie ein energiegeladenes Set voller Klassiker und überraschender Momente. Zwei Keyboarder, zwei Bläser, eine fantastisch gespielte Gitarre sowie ein groovendes Fundament aus Bass und Schlagzeug sorgen für einen satten Sound. Dazu kommen immer wieder Gäste auf die Bühne, sodass sich der Spaß der Musiker schnell auf das Publikum überträgt. Für uns ist es Zeit, einen kleinen Imbiss einzunehmen und anschließend rechtzeitig wieder zur Main Stage zurückzukehren.

Mit The Mahavishnu Project steht eine Band auf dem Programm, die sich dem musikalischen Erbe des britischen Bandleaders und Gitarristen John McLaughlin verschrieben hat. Die aktuelle Besetzung wurde von John McLaughlin persönlich autorisiert, seine Musik zu spielen. In den USA feiert die Band längst Erfolge und ist derzeit auf Europatournee. Entsprechend gespannt erwarte ich ihren Auftritt. Allerdings verzögert sich der Konzertbeginn aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen. Als es endlich losgeht, zelebrieren Keyboarder Steve Hunt, Gitarrist Pete McCann, Bassist Stephan Crump, Violinist Rob Thomas und Schlagzeuger Gregg Bendian eine fantastische Hommage an das Mahavishnu Orchestra, das in den 1970er Jahren zu den weltbesten Jazz-Rock-Formationen gehörte.

Dessen damalige Mitglieder John McLaughlin, Jerry Goodman, Jan Hammer, Rick Laird und Billy Cobham waren nicht nur einzigartige Virtuosen, sondern schrieben mit ihrem Orchester Musikgeschichte. Diese Geschichte lässt The Mahavishnu Project an diesem Abend eindrucksvoll wieder aufleben: Die Band widmet sich dem alten Material mit spürbarer Hingabe und fügt ihm durch teils ausufernde Improvisationen zugleich Eigenes hinzu. Für uns ist es der krönende Abschluss unserer kurzen Stippvisite auf der Zappanale #35.

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