Ein neues Album von Yes wird immer mit besonderer Spannung erwartet. Mit „Aurora“ gehen Yes konsequent den Weg weiter, den sie mit „The Quest“ und „Mirror To The Sky“ eingeschlagen haben. Renald Mienert sprach mit Sänger Jon Davison
Es gibt sehr viele positive Stimmen zum neuen Album, aber auch Gegenwind.
Ja, ich bekomme das natürlich mit, aber da kann ich nicht helfen. Alles was ich machen kann ist mein Herz in diese Musik zu stecken, die ich so sehr liebe. Und mein Bestmögliches zu geben, um das Vermächtnis einer solchen Band zu ehren. Ich wurde für diese Rolle in der Band ausgewählt und ich nehme das sehr ernst. Darauf liegt mein Fokus.

Vor deiner Zeit mit Yes warst du bei Glass Hammer…
Der Manager von Yes kannte Glass Hammer und ihre Musik. Und er war ziemlich beeindruckt, er spielte sie Steve vor, als Yes dringend einen neuen Sänger suchten, als Benoit David zurücktrat. Steve war neugierig mich zu treffen – und das lag an der Musik von Glass Hammer, wofür ich sehr dankbar bin.
Warst du damals sehr nervös?
Vor Glass Hammer war ich ja in einer Yes – Tribute Band und habe die Yes Musik hin wieder sozusagen als Hobby gespielt. Die Grundlage, um diese Musik zu spielen, war also bereits gelegt. Aber natürlich musste ich auch viel lernen, viele Songs hatte ich ja vorher nie gespielt, das betraf auch etwa die Hälfte des „Fly From Here“ – Albums. Es war also schon ziemlich herausfordernd. Aber es ist wichtig, wenn man nervös ist, das nicht als etwas Negatives zu sehen. Es ist keine Angst, es ist Vorfreude. Es motiviert mich und gibt mir Inspiration.
Du stehst ja auch in engem Kontakt mit den Foo Fighters und warst eng mit dem leider verstorbenen Taylor Hawkins befreundet.
2015 wurde ich eingeladen, mit ihnen auf der Bühne zu stehen. Es war gar nicht großartig geplant, ich war einfach nur Backstage vor dem Konzert. Dave Grohl sagte, komm auf die Bühne und singe Tom Sawyer. Ich sagte, ist das dein Ernst? Todernst, sagte er, du singst es heute Nacht. Aber natürlich kannte ich den Song, wie wir ihn alle kennen. Und ich habe noch zwei weitere Male mit ihnen gespielt. 2019 als sie in Dublin spielten. Ich lebe ja in England, meine Frau kommt dort her, und so war es relativ einfach, dorthin zu fahren. Ich stand am Rand der Bühne und Dave sah mich, als er seine Gitarre wechselte. „Was machst du denn hier?“, fragte er. Er umarmte mich und winkte mich auf die Bühne. Wir spielen Under Pressure, ich war überhaupt nicht vorbereitet. Taylor meinte, ich singe David Bowie und du Freddy Mercury. Und das vor 45 Tausend Leuten. Und das letzte Mal dann natürlich bei der Taylors Tribute Show 2022. Und ich sang „Every little thing she does is magic“, mit Stewart Copeland an den Drums und den restlichen Foo Fighters Mitgliedern. Stewart war einer von Taylors Helden, er liebte Police und Dave war der Meinung, meine Stimme würde zu dem Song passen. Diese Mal hatte ich etwas mehr Zeit mich vorzubereiten.

Du bist also nicht auf Progressive Rock festgelegt…
Ich liebe einfach Musik, alles mögliche aus allen Dekaden. Mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen, wenn es gut ist, habe ich Spaß. Und ich glaube, das hilft meinem Songwriting sehr. Wenn ich nur darauf fokussiert wäre, Yes Musik zu schreiben, die klingt wie Yes Musik, dann wäre der Druck viel zu groß. Das würde Parameter definieren, die meine Kreativität einschränken. Meine kompositorische Inspiration kommt aus allen Arten von Musik. Und bei Steve ist es so ähnlich. Er ist so vielseitig mit seinem Gitarrenspiel – Jazz, Folk, Fusion, Klassik, was immer du willst. Es ist so gut für einen Künstler, die Inspiration von allen Aspekten des Lebens zu gewinnen, und das gilt nicht nur für Musik.
Wie so oft und ist für das Cover eures neuen Albums wieder Roger Dean verantwortlich….
Ich bin sehr zufrieden mit dem Cover, ich denke, es ist eines der besten, die Roger gemacht hat. Er hat mit seiner Tochter zusammen gearbeitet, was ich sehr schön finde.

Zum Titeltrack von „Aurora“ habt ihr auch ein animiertes Video veröffentlicht. Es geht um den Verlust eines geliebten Menschen.
Textlich werden viele metaphysische Themen angesprochen, es geht um mehr, als das Video zeigt, aber es gibt einen gemeinsamen Nenner. Physisch mag man jemanden, den man liebt verlieren, aber die Liebe ist immer bei dir.
Auch für die zweite Single gibt es einen Visualizer, in dem dieselbe Person erscheint wie bei der ersten. Geht die Geschichte weiter oder ist das Zufall?
Das ist eher Zufall. Wir haben den gleichen Grafiker von Insider Out genommen, sein Name ist Matt Hutchings. Seine Arbeit hat uns sehr gefallen.
Du bist ja mit anderen Yes Musikern auch noch mit „Arc Of Life“ aktiv, macht ihr weiter?
Vermutlich ja. Sollten Yes kreativ etwas kürzer treten und es ergibt sich ein Zeitfenster, dann könnten wir mit Arc Of Life weitermachen. Aber es läuft bei Yes gerade alles so wunderbar, dass ich denke, wir werden zunächst mit Yes neue Musik machen.


Woher kommt diese Kreativität?
Das liegt vor allem am konstanten Line Up und wie gut wir uns menschlich verstehen. Diese Kreativität war immer da, aber wir hatten eine wirklich schwere Zeit mit dem „Heaven & Earth“ – Album 2014. Roy Thomas Baker, den ich sehr bewundere, hatte persönlich damals mit vielen persönlichen Herausforderungen zu kämpfen, was uns sehr Leid tat. Yes waren wir die Crew eines Schiffes, das den Kapitän verloren hat. Es war sehr stressig, es standen viele Konzerte an, Chris und Alan waren ja auch noch in der Band. Wir mussten das Album unter großem Zeitdruck abliefern, aber ich betrachte es als nie richtig fertiggestellt. Es ist wie eine Sammlung von aufpolierten Demos. Aber wir genossen die Tour, Steve war dann mit seinem eigenen Material kreativ, Chris arbeitet mit Steve Hackett an Squackett und Geoff arbeitete an der Wiederbelebung von Asia. Als Billy dann in die Band kam nachdem Chris leider verstorben war, wollten wir beide Musik in der Tradition von Yes schreiben und so entstand Arc Of Life. Aber schließlich war Steve – nachdem er seine kreativen Bedürfnisse mit Soloalben befriedigt hatte – offen dafür, wieder ein richtiges Yes-Album zu machen, aber er wollte auch selbst der Produzent sein. Wir hätten dann nicht mehr so viele Einschränkungen und wären freier. Er hatte auch den Support von Inside Out, die das Album veröffentlichten ohne die typischen Restriktionen eines Labels. Wir konnten uns so viel Zeit nehmen, wie wir wollten. Wir waren alle sehr zuversichtlich, aber dann doch überrascht, wie gut es lief, es war ein reibungsloser Prozess, es gab keine persönlichen Probleme, wir alle akzeptierten Steves Rolle als Bandleader und er erlaubte jedem seinen kreativen Input, es war ein sehr gesunder Prozess. Wir machten dann mit dem nächsten Album weiter, und waren noch zuversichtlicher, wir kannten uns ja mittlerweile. Und so war es auch mit Aurora. Es hat etwas gedauert, bis es sich eingespielt hat, aber ich hoffe es bleibt so.
Es mag ja auch daran liegen, dass bei Yes mittlerweile so unterschiedliche Generationen von Musikern agieren…
Die jüngeren Bandmitglieder, also Billy, Jay und ich, wir lachen manchmal und sagen, es ist wie bei Startrek, wir sind die Next Generation.


Jon Anderson ist ja auch wieder sehr aktiv und war im letzten Jahr mit „True“ sehr erfolgreich….
Ja, ein sehr schönes Album. Ich habe es nicht allzu oft gehört, aber es ist mir sehr bewusst. Chris Clarke, sein Keyboarder ist ein sehr guter Freund von mir. Ich würde gerne zu einem seiner Konzerte gehen und einen Sitz in der ersten Reihe buchen und winken, He Jon, he Chris! Nicht wirklich…
Oft entstehen die Songs von Jon Anderson ja so, dass er auf der Akustikgitarre erste Ideen hat, aus denen dann schließlich mit Hilfe der anderen Musiker dieser typische Yes-Sound entsteht…
Er schrieb „Soundchaser“ zum Beispiel an einer akustischen Gitarre, es war wie ein liebliches Stück Folkmusik. Als ich mit Steve Zeit in seinem Haus in verbrachte, wo Yes auch „The Yes Album“ geschrieben haben, spielte er mir einige Kassetten vor. Yes waren auf Tour, es war aus der Zeit von „Tales From Topographic Ocean“. Nach den Shows hingen Jon und Steve im Hotelzimmer ab und schrieben zusammen Musik. Da waren die ersten Klänge von „Soundchaser“ zu hören. Ich glaube die meisten Songs von Jon hat er so geschrieben, irgendwo im Schneidersitz auf dem Boden oder in der Natur mit einer Gitarre. Aber es braucht eine Band wie Yes, mit einem prominenten Bassisten wie Chris, der ein Statement setzt, gilt dasselbe für einen Drummer wie Bill Bruford und Alan White. Und natürlich Genies wie Steve Howe und Rick Wakeman – es braucht so ein Line Up, mit all diesen Skills, um die Ideen von Jon aufzugreifen und daraus einen vollständig entwickelten Song zu machen.
Ihr musstet ja die geplante Tour absagen, weil Steve erkrankt war. Aber mittlerweile ist er zum Glück wieder fit.
Es geht ihm gut. Er lebt sehr gesund. Er ist sehr ausgeglichen, sehr methodisch, meditiert und ernährt sich vegetarisch. Er ist sehr positiv, und das alles hat den Genesungsprozess beschleunigt. Wir mussten zwar die UK Tour und die Konzerte in Europa absagen. Aber das Gute ist, wir können jetzt neu planen und die Tour 2027 sogar noch ausdehnen, hoffentlich mit mehr Shows in Europa.
Das hoffen wir auch!
