Auch ein Prog-Fan braucht mal Abwechslung. Dies und die Vorfreude, einen schönen Musiktag mit Freunden zu haben und sich einfach mal die Ohren freiblasen zu lassen, lässt uns heute völlig unvoreingenommen zum zweiten Tag des „Till-Festes“ nach Leipzig reisen. Es steht viel darüber geschrieben. Zumeist nicht positiv. Dieses Geschriebene aktuell ist sogar zu einem großen Teil inhaltlich recht skurril. Immer wieder werden alte Kamellen neu aufgewärmt, was uns alles nicht wirklich interessiert. Wir wollen uns ein eigenes Bild machen. Fakt ist: Ein „Till-Fest“, also ein Festival mit einem Till-Lindemann-Headliner-Konzert an zwei Tagen, hat es bisher so nirgendwo gegeben.

Zuerst staunen wir über das Festivalgelände. Wir kennen die Parkplätze am Völkerschlachtdenkmal, weil wir hier oftmals parken, um von hier mit der Straßenbahn zu den Events in die Innenstadt zu gelangen. Inklusive der gesperrten zweispurigen Hauptstraße „An der Tabaksmühle“ werden die Parkplätze auf beiden Seiten zum großen Konzertgelände für knapp 20.000 Fans. Für Leipzig ist das nicht neu; dieses Areal wurde in der Vergangenheit bereits für Konzerte beispielsweise von Neil Young oder Elton John hergerichtet. Vom ersten Moment an fühlen wir uns wohl. Bierstände gibt es reichlich, unter anderem mitten auf der Straße aufgebaut. Die Gastronomie ist abwechslungsreich. Es gibt hinreichend Rückzugsbereiche, insbesondere in den Wilhelm-Külz-Park hinein. Auch hier bekommt man die Musik laut genug mit, und die riesigen, durch die Bäume sichtbaren Videowände sorgen dafür, dass man die Konzerte sogar aus diesen Rückzugsbereichen heraus sehen kann.

Als Zweites staunen wir über die Bühnengestaltung. Ein eng getaktetes Vorprogramm mit zwei Bühnen und fünf Bands vor dem Konzert mit Till Lindemann ist angekündigt, bei einem Showstart erst um 17 Uhr. Und Ende des Abends um 22 Uhr gemäß behördlicher Auflagen. Neben der beschriebenen „Main Stage“ können wir aber keine „Golden Stage“ finden. Wirklich überrascht sind wir dann, als unmittelbar nach dem ersten Konzert eine kleine, vielleicht 5×5 m große Hebebühne mit der zweiten Band darauf hochgefahren wird und dort direkt die Mugge weitergeht. Was für eine perfekte Organisation!
Die Musik der fünf „Vorbands“ ist eigentlich schnell erzählt. Jeweils eine halbe Stunde Thrash Metal, so könnte man es kurz zusammenfassen. In dieser halben Stunde pro Band beobachtet man als Freund anspruchsvoller Rockmusik belustigt die Szenerie, die sich abwechselnd und ohne Unterbrechung nacheinander auf den beiden Bühnen abspielt. Der Beginn um 17 Uhr mit Hemlock aus den USA wirkt sehr authentisch, als der Sänger erzählt, dass die Band seit 1993 von Gig zu Gig reist, ohne Management und ohne Plattendeal.

Für Hemlock und jede weitere Band ist der Auftritt heute hier vor diesem großen Publikum in Leipzig sicher ein Höhepunkt in der jeweiligen Bandhistorie. Das 2023 gegründete Trio Cober Mouth aus Bristol weiht die kleine „Golden Stage“ heute ein. Hocico aus Mexiko folgen auf der Hauptbühne. Ihre aztekisch geschminkten Mitglieder, die permanent aufs Tambourin hauen oder in eine Totenkopf-Flöte blasen, wirken beinahe schon albern und beginnen zum Schluss mit ihrer wenig abwechslungsreichen Musik zu nerven.

Es folgen Erdling aus dem sächsischen Schwarzenberg. Die gibt es auch schon 12 Jahre. Sie beschreiben ihren Auftritt als „größte Show auf der kleinsten Bühne, die wir je gespielt haben“. Inmitten ihres Rammstein-nahen Sounds ballern sie mit der T-Shirt-Pistole ihren Merch ins Auditorium. Für uns der beste und authentischste der sechs Acts vor Lindemann.

Ministry, bereits 1981 in Chicago gegründet, sind mit ihren schweren, düsteren Klängen einfach nur infernalisch laut; nur hinter einem Bierstand als Schallschutz ist es akustisch auszuhalten. Wird mit dieser Lautstärke die durchaus wechselvolle Bandgeschichte mit mehreren Todesfällen von Bandmitgliedern überspielt? Wir werden es wohl nie erfahren.

Danach wird die Hauptbühne für den Umbau für Till Lindemann abgehängt, und Aesthetic Perfection beenden das Vorprogramm. Der von einem Sänger und einem Keyboarder präsentierte Electronic-Act passt eigentlich überhaupt nicht ins Programm, ist aber ein besonderer Wunsch von Lindemann, der diese Art von Musik liebt und mehr in seine eigene Musik einfließen lässt als bei seiner Hauptband.
Die Shows von Till Lindemann gestern und heute sind die einzigen im Jahr 2026 in ganz Europa. Wir recherchieren völlig unterschiedliche Sets an beiden Tagen. Seine Konzerte sind ja nun grundsätzlich anders als andere Konzerte. Der optisch-technische Aufwand ist mit anderen Großkonzerten zu vergleichen. Aber dann enden Vergleiche mit Standard-Events bereits. Die Bühnenaufbauten sind heute in Rot gehalten, der Protagonist selbst wie auch die hauptsächlich weiblichen Akteure auf der Bühne (Bandmitglieder und Tänzerinnen) ebenfalls in Rot. Dass sich ein Teil der „Damen“, die sich heute im Konzert präsentieren und räkeln, zum Schluss als männlich outet, führt aktuell den Vorwurf des Sexismus, dem er sich seit den gerichtlichen Auseinandersetzungen 2023 immer wieder stellen muss, ins Leere. Die schweren Anschuldigungen führten damals ins Nichts, haben ihn aber verwundbar gemacht. In dem Stück „Übers Meer“ verarbeitet er dies; der Song wird heute im Zugabenteil präsentiert.

Lindemann provoziert wie immer. Und das mit Begeisterung. Beispielsweise beginnt die Show mit einem Video, welches ihn im Stummfilmstil nackt, nur mit einer Windel bekleidet, scheinbar ziellos über den Leipziger Marktplatz irrend zeigt. Tänzerinnen räkeln sich an der Pool-Stange. Die schlagzeugende Person trägt Gummibrüste und eine goldene Knebelmaske. Aus einer gläsernen Badewanne wird von der beschriebenen kleinen Bühne in der Mitte eine Blut simulierende Flüssigkeit verspritzt. Beeindruckend sind die auf mindestens 5 m hochgefahrenen Podeste, wo zuerst Musiker drauf sind, später Tänzerinnen.
Seine Musik hat sich in den letzten Jahren dem Stil seiner Heimatband Rammstein wieder angenähert, auch der Anteil auf Deutsch gesungener Stücke hat zugenommen. Und die deutschen Texte, das ist das, was er wirklich kann – solo und bei Rammstein gleichermaßen. Seine Gegner reiben sich an seinen lyrischen Provokationen, seine Fans lieben das. Wem es aber gelingt, seinen Texten wirklich zuzuhören, stellt fest, dass hinter der Provokation zumeist ganz andere Inhalte stehen als die, die man in den vordergründigen Provokationen hört. Lindemann veröffentlicht Gedichtbände! Ich gehe so weit, ihn als beeindruckenden Poeten zu bezeichnen. Lindemann zeigt auch Publikumsnähe, als er mit „Yukon“ und „Ladyboy“ zwei Stücke inmitten des Publikums auf der kleinen Hebebühne präsentiert. Und er zeigt sich sehr dankbar gegenüber seinem Publikum, besonders zum Konzertende. Viele seiner Gegner können und wollen sich nicht vorstellen, dass der Till Lindemann auf der Bühne eine reine Kunstfigur ist, der unter uns wahrscheinlich ein völlig normales und eher unauffälliges Leben führt, sich engagiert, echte Freunde hat, Familie und Kinder,.

Wie auch immer: Seine Fans erleben ein tolles, großartiges und insgesamt sehr angenehmes Festival. Alle, die da waren, gehen zufrieden nach Hause mit dem Gefühl, einen oder zwei besondere Konzerttage hier in Leipzig erlebt zu haben. Und das ist das, was bleibt.
Setlist Till Lindemann
Zunge
Schweiss
Altes Fleisch
Golden Shower
Nass
Steh Auf
Gummi
Tanzlehrerin
Yukon
Ladyboy
Prostitution
Meine Welt
Du hast kein Herz
Ich hasse Kinder
Zugaben
Es brennt …
Übers Meer
Entre Dos Tierras
Und die Engel singen
