Livereport: Marillion – Pompeji 26. Juli 2026

Ein Marillion-Konzert in Pompeji ist selbst für treue Fans etwas Besonderes – und zunächst vor allem eine Herausforderung. Die Tickets für den angekündigten Auftritt am 25. Juli sind innerhalb weniger Minuten vergriffen. Entsprechend groß ist die Enttäuschung, leer ausgegangen zu sein. Einige Tage später keimt neue Hoffnung auf. Das Management kündigt für den Sonntag ein Zusatzkonzert an, diesmal mit einer Begrenzung auf maximal zwei Tickets pro Bestellung. Doch auch bei diesem Versuch will der Kauf nicht sofort gelingen. Das befreundete Pärchen, mit dem wir nach Italien reisen wollten, hat Glück. Ich übe mich in Geduld – und nach zweieinhalb Stunden bin dann auch ich glücklicher Besitzer von zwei Tickets.

Wir verbinden das Konzert mit einigen Urlaubstagen in Pompeji und Umgebung. Bei Temperaturen um die 35 Grad erkunden wir Neapel, besteigen den Vesuv, kühlen uns an den Steilküsten von Sorrent im Meer ab und besuchen natürlich auch die Ausgrabungsstätte von Pompeji mit dem berühmten Amphitheater. Das Betreten dieses Ortes fühlt sich wie ein doppelter Schritt in die Geschichte an: in die antike Geschichte einer Stadt, die 79 n. Chr. vom Ausbruch des Vesuvs verschüttet wurde, und in die Musikgeschichte, die Pink Floyd hier 1971 mit ihrem gefilmten Konzert vor leeren Rängen geschrieben haben. Ein wenig Ernüchterung bleibt dennoch, als wir feststellen, wie überschaubar dieser geschichtsträchtige Ort in Wirklichkeit ist.

Am Sonntag ist es dann so weit: Wir erleben Marillion an diesem besonderen Ort. Die unterschiedlichen Berichte derjenigen, die bereits am Samstag dabei waren, blenden wir bewusst aus – wir wollen unsere eigenen Eindrücke sammeln. Der Einlass verläuft spürbar reibungsloser als am Vortag, sodass einem pünktlichen Konzertbeginn nichts im Wege steht.

Kurz nach 21:00 Uhr steigen Nebelschwaden an der Bühne auf, während Scheinwerfer den Abendhimmel durchschneiden. Synthesizer-Sequenzen und Schlagzeug lassen bereits im Intro von Splintering Heart eine besondere Atmosphäre entstehen. Als wirkungsvoll gewählter Opener baut der Song enorme Spannung auf, die sich in Hogarths eindringlichem Gesang und Rotherys unverwechselbaren Soli entlädt. Bei You’re Gone fällt mein Blick auf Andy Gangadeen, der die einleitenden Beats hinter seinem riesigen, futuristisch wirkenden Rack spielt. Als Perkussionist begleitet er Marillion auf der aktuellen Tour. Das folgende Fantastic Place wirkt beinahe, als sei es eigens für diesen Ort geschrieben worden. Zwar werden während des Songs die Schallschutzwände am Schlagzeug von Ian Mosley vom Wind erfasst und umgeweht, doch Steve Hogarth nimmt den Vorfall mit Humor und bezeichnet Pompeji dennoch als einen wahrhaft fantastischen Ort.

Fans aus nahezu 50 Ländern sind nach Hogarths Angaben in Pompeji zusammengekommen, um mit ihrer Lieblingsband einen unvergesslichen Abend zu erleben. Selbst die ersten Regentropfen können die Stimmung nicht trüben. Im Gegenteil: In den Laserstrahlen verwandeln sie sich in glitzernde Lichteffekte und verleihen der besonderen Atmosphäre einen zusätzlichen Zauber. Ganz ohne Sorge bleibt der Regen dennoch nicht. Verstärkertechnik und Keyboards müssen zwischendurch immer wieder abgedeckt werden. Hogarth scherzt, falls das Konzert abgebrochen werden müsse, gebe es kein Geld zurück. Doch der Wettergott zeigt sich gnädig und belässt es bei kurzen Schauern. Mit Hotel Hobbies und Sugar Mice richtet die Band den Blick zurück auf ihre frühen Jahre – sehr zur Freude der Fans. Besonders erhebend ist der Moment, in dem Steve Hogarth singt: „I was flicking through the channels on the TV, on a Sunday in Pompeii in the rain“, und Tausende den Text von Sugar Mice mitsingen. Rotherys Solo sorgt dabei einmal mehr für Gänsehaut.

Nach diesem Blick zurück erlaubt Marillion einen kurzen Ausblick nach vorn – auf ein neues Album. Ribbons and Lace ist ein typisch ruhiger Song, bei dem mir vor allem Rotherys Solo im Gedächtnis bleibt.

Steve Hogarth präsentiert sich an diesem Abend in hervorragender stimmlicher Verfassung. Mit seiner Bühnenpräsenz und der ihm eigenen Theatralik nimmt er die gesamte Bühne für sich ein. Die Band unterstützt ihn dabei souverän. Der Sound ist fantastisch, und die Lichtshow aus Lasern, Leuchtröhren und Spots entfaltet eine geradezu magische Wirkung.

Mit Seasons End, dem Titeltrack des ersten Albums, das die Band mit Steve Hogarth eingespielt hat, rückt Marillion das Umweltthema in den Mittelpunkt. Bereits 1989 setzte sich die Band mit dem Klimawandel auseinander – einem Thema, das heute aktueller denn je wirkt. Gerade an diesem Ort, der selbst so eindrücklich von der zerstörerischen Kraft der Natur erzählt, erhält der Song eine besondere Bedeutung.

Kernstück des ersten Teils der Show ist jedoch das vierteilige, beeindruckende Care vom letzten Album An Hour Before It’s Dark. Das Epos, das während der Corona-Pandemie entstand, zählt für mich zu den stärksten Werken, die Marillion in den vergangenen Jahren geschaffen haben. Dieser Song über das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit, über Krankheit und Heilung sowie über die „Engel auf Erden“, die in dieser Zeit bis zur Erschöpfung gearbeitet haben, bewegt mich immer wieder aufs Neue.

Nach einer kurzen Unterbrechung eröffnet der achtköpfige Chor Flowing Chords aus Rom den zweiten Teil des Konzerts. The Space gewinnt durch den Chor enorm an Tiefe. Das Zusammenspiel von Hogarths intensiver Interpretation und den harmonischen Chorstimmen lässt das Stück eindringlicher und zugleich bombastischer wirken.

Zu The Crow and the Nightingale tänzelt Hogarth in seinem schwarzen Krähenkostüm über die Bühne, während der Chor dem Song neue Klangfarben verleiht. Selbst Easter, ohnehin ein starker Song mit einem fantastischen Gitarrensolo, gewinnt durch die zusätzlichen Stimmen noch einmal an Tiefe. Ein weiterer Höhepunkt ist Out of This World. Das Lied über Donald Campbell, der Geschwindigkeitsrekorde auf dem Wasser aufstellte und dabei tragisch ums Leben kam, entfaltet eine Intensität, die die ganze Tragik förmlich greifbar macht.

Living in F E A R und Go! runden den Konzertteil mit Chor ab, dessen erste Generalprobe wir zwei Wochen zuvor bereits in Berlin erleben durften. Man of a Thousand Faces wird schließlich zum Höhepunkt des Abends. Band, Chor und Publikum finden zusammen. Während sich die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne verteilen und die Menschen in den Reihen und Gängen klatschen und mitsingen, entsteht vielleicht der emotionalste Moment des gesamten Konzerts.

Nachdem die Publikums-Chöre verklungen sind, überraschen Band und Chor mit zwei weiteren Zugaben. Ein mitreißendes Mad und das emotionale The Great Escape machen endgültig spürbar, dass wir einem außergewöhnlichen Ereignis beigewohnt haben.

Setlist

Set 1

Splintering Heart

You’re Gone

Fantastic Place

Hotel Hobbies

Sugar Mice

Ribbons and Lace

Seasons End Care (I-IV)

Set 2

The Space…

The Crow and the Nightingale

Easter

Lucky Man

Out of This World

Living in F E A R

Go!

Zugabe 1

Man of a Thousand Faces

Zugabe 2

Mad

The Great Escape

Alle Bilder: (C) Anne-Marie Forker

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