Tag 2 – Freitag, 21.08.2026

Unterschiedlicher könnten die musikalischen Stile kaum sein, die uns die beiden Bands an diesem wunderschönen Sommerabend präsentieren. Known Physics, eine Band aus der Nähe der umbrischen Hauptstadt Perugia, gilt als eine der innovativsten jungen Formationen Italiens. Auch wenn ihre Musik meiner Meinung nach wenig mit Progressive Rock zu tun hat, verstehen es die vier Musiker vom ersten Moment an, das Publikum in ihren Bann zu ziehen.

Nur mit Bass, Gitarre und elektronischem Equipment wie Percussion- und Sampling-Pads ausgestattet, erzeugen sie eine explosive Mischung aus kraftvollem Rock, elektronischen Beats und einer gehörigen Portion Pop-Appeal. Dazu kommt jede Menge Action auf der Bühne. Gesungen wird auf Englisch, und Sänger Davide Faralli begeistert mit seiner markanten Stimme und seiner mitreißenden Bühnenpräsenz.


Die Fusion aus Rock und moderner Elektronik begeistert nicht nur mehr als 12.000 Follower auf Instagram. Auch das überwiegend ältere Publikum, das heute vor allem wegen Le Orme gekommen ist, lässt sich zu Standing Ovations hinreißen.


Nach diesem musikalischen Feuerwerk erleben wir eine der ikonischsten Formationen des italienischen Prog. Le Orme, 1966 zunächst als Beatband gegründet, avancierten in den frühen 1970er Jahren zu einer der führenden Progressive-Rock-Bands Italiens.

Schlagzeuger Michi Dei Rossi gehört seit 1967 zur Band und gilt damit nahezu als Urmitglied. Seit 1990 ist Michele Bon dabei: ein fantastischer Keyboarder, der seine Instrumente nicht nur virtuos spielt, sondern auch selbst konstruiert und baut.


Komplettiert wird die aktuelle Besetzung durch Aligi Pasqualetto am Klavier und an den Keyboards sowie durch Sänger, Bassist und Gitarrist Luca Sparagna.


Obwohl Le Orme 2024 mit Il Leone e la Bandiera ein durchaus beachtliches neues Album veröffentlicht haben, befinden sie sich derzeit weiterhin auf ihrer „Trilogy Tour“. Das bedeutet, sie spielen ihre drei erfolgreichsten Alben aus den Jahren 1971 bis 1973 komplett. Die Ankündigung des Konzerts von Le Orme sorgt an diesem Freitag für einen enormen Publikumsandrang – und die Fans werden nicht enttäuscht. Die drei historischen Alben Collage, Uomo di Pezza und Felona e Sorona mit feinstem, italienischen Symphonic-Prog erklingen in einem fantastischen Sound. Hinzu kommt, dass Luca Sparagnas Stimme eine große Ähnlichkeit zu der von Aldo Tagliapietra aufweist, der die Songs in den 70er Jahren eingesungen hat. Die beiden exzellenten Keyboarder erzeugen mit ihrem Spiel einen spannungsgeladenen Dialog, der die Songs erstaunlich modern klingen lässt. Michi Dei Rossi trommelt sich routiniert durch das Set, immer wieder von Luca Sparagna angespornt.

Da Progressive Rock in Italien eine völlig andere Geschichte hat als in Deutschland, sind die Songs der drei Alben den italienischen Fans bestens vertraut. So kann die Band immer wieder auf den Background-Chor des Publikums zählen, wie bei der wunderschönen Ballade Giochi di Bimba. Das einzige Problem an diesem und den anderen Abenden sind die Millionen von Fliegen, die von dem hellen Bühnenlicht angezogen werden. Dass Luca eine davon beim Singen in den Hals bekommt, kommentiert er mit dem Wort „proteine“.

Im letzten Teil des Konzerts tritt Bernardo Lanzetti als Gast der Band auf. Lanzetti, der in Castiglione eine Wohnung besitzt, hat sich schon früh als Sänger von Premiata Forneria Marconi (PFM) und Acqua Fragile einen Namen in der italienischen Prog-Szene gemacht. Seit Längerem ist der 77-Jährige solistisch aktiv und veröffentlicht regelmäßig neue Alben. Zunächst erleben wir ihn in der Rolle des Solisten.

Am Klavier begleitet von Aligi Pasqualetto, dem Keyboarder von Le Orme, präsentiert er mit seiner unverwechselbaren Stimme den Procol Harum-Klassiker A Salty Dog, inklusive Möwengeschrei – i gabbiani –, gefolgt von zwei Songs seiner ehemaligen Bands Acqua Fragile und PFM. Für Leonard Cohens Hallelujah greift er schließlich selbst zur Gitarre. Dabei wächst der Refrain zu einem gewaltigen Chor an. Gemeinsam mit Le Orme performt er anschließend deren Klassiker Vedi Amsterdam in einer ausgesprochen rockigen Version. Lanzetti begeistert auf ganzer Linie. Die Bühne gehört ihm, als wäre es seine Show. Beim PFM-Klassiker Impressioni di Settembre, der vor allem wegen seiner markanten Synthesizer-Passage bekannt ist, steigt die Stimmung ins Unermessliche. Die italienischen Fans sind völlig aus dem Häuschen. Eine der wohl bekanntesten Balladen von Le Orme – Amico di Ieri – ebenfalls von Lanzetti gesungen, bildet den emotionalen Abschluss des zweiten Festivaltages.
Hier lest Ihr was am dritten Tag passierte. 7rasimeno Prog Festival – Castiglione del Lago, 20. – 23. August 2026 – STONE PROG
