In Bella Italia, um genau zu sein im Piemont in Norditalien, fand an diesem ersten Wochenende im September das traditionsreiche „2 Days Prog +1“-Festival statt und dies unter strahlend blauem Himmel und Spitzentemperaturen um die 30°C. Zum 18. Mal hatte der Veranstalter, die italienische Kulturvereinigung Ver1Musica, hierhin geladen und mit einer Neuigkeit aufgewartet: erstmals gab es Sitztribünen am Campo Sportivo, dem Ort des Hauptgeschehens. Anstatt fester Sitze war das Prinzip „Wer zuerst kommt, sitzt am längsten“ eingeführt worden und so konnten All-inclusive-Urlaub-erprobte Besucher ihre bewährten Pool-Strategien auch hier anwenden. Die Folge: die Sprache der Reservierungsrucksäcke, -jacken und -schals war Deutsch …

Der Zeitplan des Festivals sah für die Nachmittage ein paar wenige indoor-Auftritte im Forum 19 in Veruno vor und ab 18 Uhr jeweils vier outdoor-Auftritte pro Tag auf der großen Bühne im nahe gelegenen Revislate. Und um es gleich vorweg zu nehmen: das Festival war prächtig organisiert, brachte abwechslungsreichen Progressive Rock nicht nur italienischer Bauart und hielt so manche musikalische Überraschung bereit.
[Anmerkung: der nachfolgende Bericht enthält keine Aussagen zu den Auftritten der drei italienischen Bands Sintesi Di Viaggio Di Es, Fungus Family und Efemeral am ersten bzw. dritten Tag im Forum 19 in Veruno.]
Freitag, 4. September, 1. Tag
Zum Auftakt begrüßte am Campo Sportivo die langjährige Moderatorin Octavia Brown die Anwesenden in italienischer und englischer Sprache. Auch wenn viele deutsche Progger die doch recht weite Anfahrt nicht gescheut hatten, war das einheimische Publikum doch in der Mehrzahl.

Natürlich hofft der Festival-Besucher immer, unter den angekündigten Bands DIE Entdeckung zu machen, also eine Band, von der er noch nie zuvor etwas gehört hat und die ihn von den Socken haut. Und genau diese Band war dann auch gleich die erste auf der Hauptbühne: Black Pie. Dieses Quartett (eigentlich ein Trio, das auf der Bühne um einen Keyboarder aufgestockt wurde) aus der Region Ligurien im Nordwesten Italiens legte gleich los wie die Feuerwehr, tummelte sich musikalisch zwischen Prog, Funk und Blues und legte ein Gespür für Rhythmus und Melodie an den Tag, dass der Zuhörer aus dem Staunen nicht mehr heraus kam.

Besonders beeindruckend war die Performance von Bassistin und Sängerin Elena Villa, die mit weitem roten Umhang sowohl akustisch wie optisch die Bühne dominierte und mit ihrem Bass-Spiel den Sound von Black Pie prägte.

Ob Wall of Sound, getragene Ballade oder ProgMetal-Anklänge – hier wurde jede Geschmacksrichtung von den vier exzellenten Musikern vorzüglich bedient. Nach viel zu kurzen 50 Minuten wurde die Band mit großem Applaus von der Bühne verabschiedet. Mangels Material (die Band hat erst ein Album mit dem Titel „Angels“ eingespielt) wäre ein längerer Auftritt ohnehin nicht möglich gewesen. Mehr davon bitte!


Französiisch ging es weiter mit Anaïd, die die eher düstere Seite des Prog bedienten. Was sofort ins Auge und Ohr fiel, war der Einsatz zweier Bass-Gitarren, einer vier- und einer fünfsaitigen. Auch der Einsatz eines Xylophons deutete darauf hin, dass hier nicht 08/15-Prog geboten wurde.

Diese Band aus Frankreich, die schon seit 1981 besteht, brachte Musik zu Gehör, die an die Zheul-Musik ihrer Landsleute von Magma erinnerte. Die Lieder von Anaïd wurden von Videos auf einer Leinwand optisch untermalt. Mit Gründungsmitglied Emmanuelle Lionel stand hier eine Sängerin im Vordergrund, deren Stimme sehr hoch war und streckenweise an Kate Bush erinnerte, jedoch im Gegensatz zu deren Stimme eher schrill klang.

Damit klangen die Stücke gespensterhaft und wurden mehr von Rhythmik denn von Melodien bestimmt. Immerhin ließen die Musiker ihren Auftritt mit dem harmonischen „I Need You“ ausklingen.



Der dritte Auftritt gehörte den Schweden von Soen, die bekannt dafür sind, progmetallische mit melancholischen Stücken zu verschmelzen und damit Stimmungen zu erzeugen, die man so nicht oft im Prog-Kosmos antrifft. Dabei konnten sie sich an diesem Abend einmal mehr insbesondere auf die Bühnenpräsenz und Stimme von Sänger Joel Ekelöf sowie auf das famose Gitarrenspiel von Cody Ford verlassen.

Beim Betreten der Bühne noch von Fanfaren empfangen, legte das Quintett gleich hammerhart mit dem Stück „Mercenary“ von ihrem neuen Album „Reliance“ los. Im Folgenden unternahm die Band einen Streifzug durch ihre Bandgeschichte, wobei das Stück „Fraccions“ von ihrem 2012er Album „Cognitive“ am weitesten in die Vergangenheit zurückreichte. Schöne Balladen („Lascivious“, „Lotus“) wechselten sich mit musikalischem Langholz („Martyrs“, „Violence“) ab.



Bei der Zugabe-Nummer „Illusion“ schienen die Lautsprecher kilometertief zu sein, wie man überhaupt für das gesamte Festival feststellen kann, dass der Sound bei allen Bands optimal eingestellt war. Großes Lob an die Fachleute an den Mischpulten! Zum guten Schluss („Unbreakable“) bewies Joel Ekelöf, dass er keine Berührungsängste mit dem Publikum hat, ließ er doch im letzten Stück einen Jungen aus dem Publikum den Refrain mitsingen. Alles in allem also ein großartiger Auftritt von Soen!

Den Abschluss des ersten Tages bildete die Band, die für viele Anwesende der Headliner des gesamten Festivals gewesen sein dürfte: Voyage 35. Dieses Quartett, gegründet von Colin Edwin, dem ehemaligen Bassisten von Porcupine Tree, und John Wesley, der in den Jahren 2002 bis 2011 mit Porcupine Tree als Gitarrist auf Tour gegangen war, hat sich auf die Fahne geschrieben, die Stücke des großen Vorbildes aus den Jahren 1992 bis 2000 auf die Bühne zu bringen.

Unterstützt wurden sie an diesem Abend von Lorenzo Esposito Fornasary an den Keyboards und Alessandro Vagnoni an den Drums, die Edwin von seinem Einsatz bei O.R.k. bereits kannte. Schon der Auftakt dieses ersten Konzertes von Voyage 35 überhaupt, das Stück „Even Less“ vom 99erAlbum „Stupid Dream“, begeisterte die mittlerweile zahlreichen Fans vor der Bühne. Der grandiose Sound wurde von einer Videoshow kongenial begleitet, die von Fruit Salad Lights beigesteuert wurde, die auch für frühere Videoshows von PT verantwortlich zeichneten.


Musikalischer wie optischer Schwerpunkt war das Erzeugen von psychedelischen Stimmungen, was vorzüglich gelang. Die Setlist umfasste 15 Stücke aus 7 PT-Alben. Stücke wie „Signify“, „Dark Matter“ und „Hate Song“ begeisterten das Publikum restlos. Höhepunkt des Auftritts war jedoch das noch vor der Zugabe gespielte, grandiose „Voyage 34“, das ganz unbescheiden um 1 erhöht Namensgeber für die Band ist. Der Gitarreneinsatz in der zweiten Hälfte dieses Klassikers war einfach nur zum Niederknien.


Nach zwei umjubelten Zugaben endete der Auftritt von Voyage 35 um 0.30 Uhr. Bei aller Begeisterung über diesen fulminanten Auftritt muss jedoch angemerkt werden, dass weder Wesley noch Fornasary die stimmlichen Qualitäten von Steven Wilson erreichen konnten. Aber was nicht ist, das kann ja noch werden, schließlich war es ihr Debüt mit Voyage 35.
Hier geht es zum zweiten Teil. Livereport: 2 Days Prog + 1 in Revislate und Veruno / Italien, 04.-06.09.2026 Teil 2 – STONE PROG
