Samstag, 5. September, 2. Tag
Heute startete mein Festival-Tag mit einem Abstecher ins nahe gelegene Veruno. Im dortigen Forum 19, einer Location, die den Charme einer Turnhalle ausstrahlte, trat am Nachmittag zunächst die italienische Band Aufklärung auf, die es in ihrer Geschichte seit 1995 auf immerhin zwei Alben gebracht hat.

Ihre Musik ist typischer Italo-Prog, jedoch aus der allerhöchsten Schublade. Optisch an der Bühnenkante dominierten der baumlange, vorzügliche Sänger Michele De Luca und seine „kleine“ Schwester Doriana, die die Querflöte beisteuerte.

Im Hintergrund der Bühne dagegen agierten die Gründungsmitglieder Marco Mantarella an den Keyboards und Michele Martello an der Gitarre, musikalisch jedoch prägten sie den opulenten und komplexen Sound von Aufklärung, der Erinnerungen an die Musik der legendären griechischen Band Aphrodite’s Child hervorrief. Dargeboten wurden zwei Stücke von ihrem Erstlingswerk und drei von ihrem 2025er Album „Nell idea di un tempo che“. Dieser Auftritt hätte fürwahr die große Bühne in Revislate verdient gehabt!


Startete der Nachmittag familiär, so potenzierte sich der Eindruck eines Familientreffens mit dem zweiten Auftritt noch einmal. Auf der Bühne standen nämlich die Brüder Dominique und Claude Leonetti, bekannt von der französischen Prog-Institution Lazuli, begleitet von Dominiques Sohn Eiiot an Keyboard und Theremin. Dass die Eltern der beiden Brüder im Saal waren, komplettierte die Anwesenheit dreier Generationen der Leonettis.


Die Setlist umfasste 15 Stücke, Schwerpunkt waren die Stücke der letzten beiden Studioalben „Onze“ und „Être et les plus Être“. Hierbei zeigte sich schnell, dass die von Eliot Leonetti eingebrachten elektronischen Klänge die bekannten Lieder durchaus bereicherten, sodass die drei Leonettis auch gestandene Lazuli-Fans überraschen konnten. Gänzlich familiär wurde der Auftritt, als Dominique Leonetti erzählte, dass er im Alter von 28 Jahren seinem Sohn ein„ninna nanna“ geschrieben hatte, was „Schlaflied“ auf Italienisch heißt, weil ihm die Bezeichnung „ninna nanna“ so gut gefallen hatte. Mehr Intimität ging nicht!


Zurück auf der großen Bühne in Revislate eröffnete pünktlich um 18 Uhr die 2015 gegründete italienische Band Ottone Pesante („Schweres Messing“ auf Deutsch) den zweiten Abend. Und hier war der Name Programm! Das Trio, besetzt mit den Instrumenten Posaune, Trompete und Drums (plus Loop Machine), spielte Heavy bis hin zu Doom Metal mit Druck, Drall und Geschwindigkeit, dafür aber ohne Gitarre.

Allen voran Posaunist Francesco Bucci blies sich den Teufel aus dem Leib, während Drummer Beppe Mondini versuchte, sein Arbeitsgerät in kleine Stücke zu schlagen. Da wirkte Trompeter Paolo Raineri fast schon wie der ruhende Pol auf der Bühne. Das klang teilweise brachial und disharmonisch, verfügte aber über eine gewichtige Komponente Psychedelic und grub sich immer tiefer ins Gehör ein, je länger der Auftritt dauerte. Und so wandelte sich anfängliche Skepsis am Ende in echte Begeisterung.



Eine ganz andere musikalische Richtung schlug die folgende Formation The Samurai of Prog ein. Ihr Crossover Prog mit der Grundausrichtung ArtRock war jederzeit melodisch-harmonisch und umschmeichelte die Ohren, ohne dabei eintönig zu klingen. Bemerkenswert war, dass die Setlist der finnisch-basierten, international besetzten Band an diesem Abend kein einziges Stück der letzten Alben seit 2023 umfasste (die Schlagzahl der Samurais liegt bei ein bis zwei Neuveröffentlichungen pro Jahr) und dass dieses Konzert der Auftakt zu ihrer ersten Europa-Tournee überhaupt war, obwohl es die Band schon seit über 15 Jahren gibt.

Besonders hervor stachen die gesanglichen Leistungen des Sängers Bona Bo-Anders Sandström, das Spiel von Leadgitarrist Toni Jokinen und die Schlagzeugarbeit von Samurai-Urgestein Kimmo Pörsti. Und dass die Band auch eine großartige Frauenstimme präsentieren kann, bewies sie mit dem Auftritt der italienischen Sängerin Elisa Montaldo, die das vorletzte Stück „Washing The Clouds“ mit ihrer opernhaften Stimme veredelte. Somit lieferten The Samurai of Prog hier ein sehr rundes Konzert ab.



Den nächsten Auftritt hatten die Schweden von Ritual. Diese Band unter der Führung von Sänger und Gitarrist Patrik Lundström hatte schon zwei Jahre zuvor bei der Final Night of the Prog für große Zustimmung im Publikum gesorgt. Die Zustimmung war wohl so groß gewesen, dass sie sich veranlasst sahen, an diesem Abend ein (fast) identisches Set aufzuführen. Und was damals klappte, funktionierte hier erneut.

Die abwechslungsreiche Mischung aus arhythmischem Prog mit harmonischen Passagen und bisweilen orientalischen Einflüssen kam beim Publikum sehr gut an, das sich mehrfach zum Mitklatschen animieren ließ. Auch der gelegentliche Einsatz von Blockflöte und Mandoline durch Bassist Fredrik Lindqvist sorgte für musikalische Farbtupfer. Die ausgiebige Kommunikation von Lundström mit den Anwesenden tat ein Übriges.


Im Mittelpunkt der Setlist standen Stücke des 1995er Debütalbums „Ritual“ (einschließlich eines sehr schönen Akustik-Medleys) und des bislang letzten Albums „The Story Of Mr. Bogd Part I“ aus dem Jahr 2024. Das Stück „The Mice“ vom kommenden Album rundeten einen sehr gelungenen Auftritt ab, der offenbarte, dass Ritual in Italien eine große Fan-Base besitzt.


Zum guten Schluss betrat der Engländer Martin Barre mit seiner Band die Bühne. Der mittlerweile 79-Jährige war von 1968 bis 2012 Leadgitarrist bei Jethro Tull und zeigte, dass er auch im hohen Alter noch einen dynamischen Auftritt hinlegen kann (unglaublich sein Sprint über die Bühne bei der Zugabe!).

Die zwanzig Stücke dieses Abends umfassten nicht weniger als vierzehn Jethro Tull-Tracks, fast die Hälfte stammten allein vom 71er Album „Aqualung“. Diese wurden mit großer Geschwindigkeit gespielt, wobei Dan Crisp als Leadsänger vollständig überzeugte. Ein Highlight dieses Auftritts war die Barre’sche Version des Beatles-Klassikers „Eleanor Rigby“, mit der die Band zeigte, welch gehörige Portion Rock dieses Stück verträgt. Allerdings, und das gehört zur Wahrheit dazu, hatte man zur Hälfte des Auftritts den Eindruck, dass es sich ab hier wiederholte. Dies hielt aber glücklicherweise nicht bis zum Ende an, denn bei „Locomotive Breath“ gab es im Publikum kaum jemanden mehr, der noch saß. Und das finale „Wind Up“, ebenfalls vom JT-Album „Aqualung“, ließ einen energiegeladenen Auftritt besinnlich enden.



Hier geht es mit dem dritten Teil weiter. Livereport: 2 Days Prog + 1 in Revislate und Veruno / Italien, 04.-06.09.2026 Teil 3 – STONE PROG
