Ein Debütalbum? Nicht so ganz. Denn die Liverpooler Formation Exploring Birdsong besteht schon seit 2017 und hat in der Vergangenheit verschiedene Singles (die erste war ein Cover des Blue Öyster Cult-Klassikers „Don’t Fear The Reaper“) sowie in den Jahren 2019 und 2023 bereits zwei EPs auf den Markt gebracht.
Zudem haben sie in dieser Zeit einige Live-Erfahrung gesammelt. Nun melden sie sich mit ihrem ersten Album „Every House We Built“ zu Wort und Klang. Die Band besteht aus den drei Musikern Lynsey Ward (lv, k), Jonny Knight (b, k, bv) und Matt Harrison (d, p, bv) und hat sich für ihren Album-Start noch drei Gastmusiker und zwei Erzählerinnen hinzu geholt.

Tracklist
1. Archipelago (4:24)
2. 42 (4:01)
3. Romanticise (3:07)
4. Footprints (3:48)
5. Arrhythmia (4:29)
6. Spy In The House Of Love (4:12)
7. I_You (3:21)
8. The Warning (5:01)
9. You Like It Best When It Hurts (3:50)
10. Cartography (2:46)
11. Every House We Built (4:55)
12. Meadowlands (7:01)
Der Progressive Rock ist ein schier unendliches Feld, das an seinen Rändern häufig Überlappungen mit anderen Musikrichtungen aufweist. Im Fall von Exploring Birdsong steht jenseits der durchlässigen gestrichelten Grenzlinie das Wort „Pop“. Und bevor jemand entsetzt ausruft „Iiiieh, Pop!“ sei gleich hinzugefügt, dass es unverschämt gut komponierter Pop ist, der hier die Grundausrichtung Prog ergänzt.
Diese Symbiose gibt der Musik von Exploring Birdsong eine höchst erfrischende melodische Leichtigkeit, was auch darauf zurückzuführen ist, dass die Stücke recht kurz sind (nur zwei der zwölf Tracks überschreiten die 5 Minuten-Marke). Die Kompositionen sind so dicht und abwechslungsreich, dass gar nicht weiter auffällt, dass etwas eigentlich Unentbehrliches fehlt, nämlich der Einsatz von Gitarren.
Eine Bassgitarre und die Keyboards ersetzen die Gitarren, deren es auf diesem Album tatsächlich nicht benötigt. Dass dies nicht sofort ins Ohr springt, ist nicht zuletzt auf die betörende Stimme von Leadsängerin Lynsey Ward zurückzuführen, die dieses Album prägt. Ihr Gesang erinnert an die wunderbare Tracey Horn, die in den 80ern in Großbritannien mit dem Duo Everything But The Girl Erfolge feierte.
Apropos 80er: die Pop-Anteile auf diesem Album weisen erstaunliche Parallelen zu dem britischen Pop der 80er Jahre auf, allerdings hier sehr viel cleverer und abwechslungsreicher komponiert (bis hin zum Verzicht auf einfallslose Ausblenden). Und die beiden Erzählerinnen deklamieren, verteilt über das Album, einen Text über die Unberechenbarkeit des Lebens.
Welches Stück herausragt? Eigentlich alle. Wenn man sich auf diese etwas ungewöhnliche Mischung aus Prog und Pop einlässt, weist dieses Album keine Schwachstelle, keinen Durchhänger auf, dafür aber so manche Überraschung. So gehört ein Dudelsack-Intro wie auf „Spy In The House Of Love“ nicht unbedingt zur Grundausstattung einer Prog-Komposition …
Im Fazit ist „Every House We Built“ ein Debütalbum, das mich nur staunend zurück lässt. So harmonisch und gleichzeiitig mitreißend – nach Vergleichbarem muss man lange suchen (und wird möglicherweise bei den Norwegern von Meer fündig). Und eines ist sicher: der zugehörige Silberling wird noch sehr, sehr oft den Weg in meinen CD-Player finden.
Musiker
Lynsey Ward: Lead Vocals, Keyboards
Jonny Knight: Bass, Keyboards, Backig Vocals
Matt Harrison: Drums, Percussion, Backing Vocals
Elain Ambridge: Violin, Viola
Andy Crick: Cello
Elsa McTaggart: Pipes
Mathilda Riley: Narration
Rose Riley: Narration
Album Photography: Luke Tatlock | Label: Long Branch Records
