Mit I Robot legt Alan Parsons die letzte Veröffentlichung seiner auf Bluray neu aufgelegten Klassiker vor. Damit findet ein Projekt seinen Abschluss, an dem der Produzent und Toningenieur über mehrere Jahre persönlich gearbeitet hat. Während viele Künstler ihre Archivaufnahmen heute an externe Surround-Spezialisten wie Steven Wilson oder Stephen W. Tayler übergeben, hat Parsons an sein eigenes Werk noch einmal selbst Hand angelegt.
Bereits in den frühen 1970er-Jahren beschäftigte sich Parsons intensiv mit Mehrkanalton und schuf 1973 den Quadrophonie-Mix von The Dark Side Of The Moon. Die war jedoch der Technik jener Zeit weit voraus. Erst DVD, Bluray und schließlich Dolby Atmos eröffneten die Möglichkeiten, Musik so räumlich wiederzugeben, wie Parsons sie sich schon damals vorgestellt hatte. Dabei verfolgt er bis heute ein einfaches Prinzip: Nicht spektakuläre Effekte stehen im Vordergrund, sondern ein homogener Klangeindruck, bei dem alle Lautsprecher gleichberechtigt zum musikalischen Gesamtbild beitragen ohne dabei künstlich zu wirken.

Tracklist
1. I Robot (6:06)
2. I Wouldn’t Want to Be Like You (3:19)
3. Some Other Time (4:05)
4. Breakdown (3:50)
5. Don’t Let It Show (4:21)
6. The Voice (5:21)
7. Nucleus (3:35)
8. Day After Day (Show Must Go On) (3:43)
9. Total Eclipse (3:05)
10. Genesis Ch. 1 V. 32 (3:37)
Gerade I Robot profitiert von diesem Ansatz. Bereits das ikonische Eröffnungsthema entfaltet durch die breite räumliche Auffächerung von Chören, Synthesizern und Percussion eine beeindruckende Räumlichkeit und zieht den Hörer unmittelbar in die futuristische Klangwelt des Albums hinein.
Überraschenderweise profitieren jedoch nicht allein die bekannten Titel. Gerade Stücke wie Some Other Time entwickeln in der neuen Mischung eine Größe, die im Stereo-Mix leicht überhört werden konnte. Die orchestralen Arrangements entfalten sich mit bemerkenswerter Transparenz. Ähnliches gilt für Breakdown, dessen voller Chorsatz, Bläser und Gitarrenarrangements nun wesentlich plastischer hervortreten. Die Stimme von Allan Clarke (The Hollies) erhält dadurch zusätzlichen Raum, ohne jemals den musikalischen Zusammenhang zu verlieren.
Zu den eindrucksvollsten Momenten der Atmos-Abmischung zählt The Voice. Die ungewöhnlichen Klangtexturen nutzen die zusätzlichen Höhenkanäle ausgesprochen wirkungsvoll, ohne jemals zum Selbstzweck zu werden. Gleichzeitig erinnert der unnachahmliche Gesang Steve Harleys (Cockney Rebel) daran, welch hochkarätige Gastmusiker Alan Parsons und Eric Woolfson bereits 1977 für dieses Album gewinnen konnten.
Den Abschluss des Albums bilden zwei gegensätzliche Klangwelten. Day After Day (The Show Must Go On) entfaltet mit vielschichtigen Keyboards und dem sanften Gesang von Jack Harris eine Atmosphäre, die an eine sternenklare Nacht erinnert und zum Blick in die Weiten des Universums einlädt. Das genaue Gegenstück bildet Total Eclipse mit seinem unheilvollen Bass-Intro und infernalischen Chören. Dessen Outro führt unmittelbar zu Genesis Ch.1 V.32, einem Konzeptstück, dessen Titel erst auf den zweiten Blick seine Bedeutung offenbart. Das biblische Buch Genesis endet mit Kapitel 1, Vers 31 – ein Vers 32 existiert nicht. Parsons und Woolfson spielen augenzwinkernd mit der Vorstellung, dass dieser fehlende Vers die Erschaffung der Roboter durch Gott hätte beschreiben können, und schließen das Album mit einem eindrucksvollen Instrumental ab.
Aber die Blu-ray selbst beschränkt sich nicht nur auf die neuen Tonformate. Die Menügestaltung greift ausschließlich Motive der ursprünglichen LP-Ausgabe auf und setzt diese behutsam in Bewegung. Studiobilder von Alan Parsons und Eric Woolfson vor der damals modernsten Computertechnik wirken heute museal und nostalgisch und verleihen der Präsentation doch einen gewissen Charme. Das Cover-Design stammte von der berühmten Agentur Hipgnosis. Das Bild zeigt Rolltreppen des Flughafen Charles de Gaulle in Paris auf denen irritierend fröhlich wirkende Personen unterwegs sind.
Als Bonus enthält die Disc zudem das aufwendig restaurierte Werbevideo zu I Wouldn’t Want To Be Like You, dessen Bild und Ton gegenüber früheren Fassungen sichtbar überarbeitet wurden. Ebenfalls ist ein Interview mit Eric Woolfson enthalten, wie er Isaak Asimov, den Autor des 50er Jahre SciFi Romans I, Robot (mit Komma) austrickste, um dennoch dessen (geschützen) Titel für den Namen verwenden zu dürfen.
Bereits zuvor hatte Parsons Eye In The Sky, The Turn Of A Friendly Card und Ammonia Avenue nach derselben Philosophie neu abgemischt. Auch die visuelle Gestaltung bleibt über alle Veröffentlichungen hinweg eng an den jeweiligen Originalalben orientiert – das Spielkartenmotiv von The Turn Of A Friendly Card vor dem Ikonischen Kirchenfenster, bei denen die ‚Kings‘ die Züge von Parsons und Woolfson tragen, bis zur reduzierten Symbolik von Eye In The Sky. Besonders Ammonia Avenue greift die industrielle Bildsprache des Originals auf, kaleidoskopähnlich gespiegelte Rohrleitungen deren Ursprung auf einen Besuch Eric Woolfsons in einem Chemiewerk zurückgeht. Die Begegnung mit der monumentalen Industrieanlage und ihrer technischen Ästhetik hinterließ einen nachhaltigen Eindruck und lieferte letztendlich die Inspiration für Titel und Konzept.
Die Bluray zeigt eindrucksvoll, dass Mehrkanalton für Alan Parsons nie bloße Spielerei war, sondern seit den Tagen der Quadrophonie zum künstlerischen Konzept gehört. I Robot ist deshalb weit mehr als eine weitere Neuauflage eines Klassikers. Knapp fünfzig Jahre nach seiner Entstehung eröffnet diese Neuabmischung eine zusätzliche räumliche Dimension, ohne den Charakter des Originals zu verändern – und dürfte damit nicht nur langjährige Fans begeistern, sondern auch all jene, die Musik gern einmal aus einer neuen Perspektive erleben möchten. Oder, um den augenzwinkernden Schlussgedanken der Liner Notes aufzugreifen: Dieses Album beeindruckt auch heute noch – ganz gleich, ob der Zuhörer Mensch oder Maschine ist.
