Der kreative Express von Roine Stolt und seinen Flower Kings rollt ungebremst vorwärts. Mit „Hope“ erscheint am 23. Oktober das bereits achtzehnte Studioalbum ihrer über 30-jährigen Geschichte und auch schon das sechste nach dem Neubeginn der Band 2018. Egal, ob man hinter den Flower Kings als Fan steht oder als kritischer Prog-Beobachter – man erkennt auf den ersten Blick, dass wir hier ein besonderes Album bekommen. Denn einerseits finden wir mit ganzen 58 Minuten Spielzeit hier das wohl kürzeste Album der Bandgeschichte vor, andererseits kehren große Longtracks zurück. Das Album enthält gerade mal vier Stücke, von denen zwei allein schon eine Dauer von 45 Minuten einnehmen. Es enthält weitere noch nie da gewesene Besonderheiten, doch dazu später.

Tracklist
1. World Spinning – The Final Curtain (18:45)
Pt. 1 (2:58)
Pt. 2 & 3 (9:28)
Pt. 4 & 5 (6:18)
2. In a World of Fools (5:35)
3. Mars & Minerva (4:40)
4. The Gods of Rome (28:15)
Pt. 1 (3:42)
Pt. 2 (6:20)
Pt. 3 & 4 (5:25)
Pt. 5 & 6 (5:59)
Pt. 7 (7:23)
Bevor wir uns dem Album inhaltlich nähern, blicken wir zunächst 10 Jahre zurück. Damals erschien ziemlich überraschend ein Album von Roine Stolt namens „Invention of Knowledge“, welches er gemeinsam mit keinem Geringeren als dem alten Yes-Barden Jon Anderson eingespielt hatte. Roine bezeichnete in Interviews dieses Album als seine zum damaligen Zeitpunkt aufwendigste Albumproduktion überhaupt. Die Presse war voll des Lobes, die Fans waren begeistert. Ein zweites Album wurde vorbereitet und war schon halb fertig, wurde aber irgendwann nicht weiterentwickelt. Denn einerseits kamen 2018 die Flower Kings wieder zusammen, und diesen widmet Roine Stolt seitdem seine ganze kreative Kraft. Und Jon Anderson fand mit den „Band Geeks“ die lange erträumte Gelegenheit, nicht nur seine klassische Yes-Musik wieder in das Heute zu tragen, sondern diesen Sound mit dem 2024er-Album „True“ sogar kreativ zu erneuern.
Lange Rede, kurzer Sinn: Jon und Roine kamen zeitlich einfach nicht mehr zusammen. Roine Stolt wollte aber das spannende Material, das für dieses zweite Album vorbereitet war, nicht mehr in seinen Schubfächern liegen lassen, sondern nahm dieses nun her, arbeitete es auf und stellte es den Flower Kings zur Verfügung, die daraus nun auf „Hope“ den 28-minütigen Track „The Gods of Rome“ bauten.
Das Album beginnt aber erstmal mit dem anderen Longtrack „World Spinning – The Final Curtain“. Man staunt beim Blick in die Credits, denn den Track hat Keyboarder Lalle Larsson komponiert. Noch nie hat es zuvor auf 17 Alben einen Song dieser Bedeutung gegeben, an dem Roine Stolt nicht wenigstens als Co-Komponist genannt ist. Von Anfang an wird der Hörer hier in ein akustisches Bett klassischer Flower-Kings-Klänge gelegt, das schnell insbesondere durch Roines Gitarre zupackender wird.
Hasse Fröberg ist bekanntermaßen ein wunderbarer Sänger mit eigener Stimme. Bei seinem Vortrag des Anfangsmotivs in „World Spinning…“ habe ich das Gefühl, ihn noch intensiver und leidenschaftlicher wahrzunehmen, als man ihn ohnehin kennt. Dieses Anfangsmotiv zieht sich als roter Faden durch alle Teile des Stückes, verschieden verarbeitet durch verschiedene Instrumente. Lalle Larsson drückt dem Stück seinen Stempel auf, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Man beachte das Hammond-Solo am Beginn des 2. Teils oder das Piano-Solo am Ende dieses Teils. Vergleichbares ist auf bisherigen Alben zumindest schwer zu finden.
Mirko De Maio am Schlagwerk, seit 2018 hier eine feste Größe, macht seine Arbeit zurückhaltend, songdienlich und trotzdem variabel und voller Spielfreude. Die von Michael Stolt gespielte Bassgitarre wird an vielen Stellen wieder als eigene Linie wahrgenommen und erinnert an das großartige Spiel von Jonas Reingold über viele Jahre. In „World Spinning…“ wird klassische Flower-Kings-Musik in das Heute getragen und mit dem aktuellen Flower-Kings-Sound verwoben, den die Band spätestens auf ihrem letzten Album „Love“ klar gefunden zu haben scheint. Dieser Track ist ein wirklich großartiges Werk, das alleine schon den Kauf des Albums rechtfertigt.
Die folgenden beiden kurzen Stücke erinnern an den Lagerfeuer-Prog von „Love“. Schön, verspielt, romantisch. Da kein anderer Credit für die Harfe am Beginn von „The World Of Fools“ genannt ist, scheinen diese Klänge beeindruckenderweise einer realitätsnahen Keyboard-Einstellung des Meisters Lalle Larsson zu entstammen. „Mars & Minerva“ ist im Wesentlichen ein Instrumental, nur am Beginn singt Roine verfremdet ein paar Zeilen, in denen er schon auf „The Gods Of Rome“ verweist. Lalle Larsson trägt das Stück im Wesentlichen mit seinen Keyboard-Ausflügen.
„The Gods of Rome“ beginnt entspannt, elegisch und instrumental im klassischen Flower-Kings-Sound. Eine angenehm unaufgeregte Atmosphäre durchzieht die folgenden gesamten 28 Minuten. Positive Vibes und die Verbreitung von Hoffnung in schweren Zeiten strahlen nicht nur aus der Musik, sondern sind vor allem in den Texten zu finden. Es empfiehlt sich, wenn man des Englischen nicht 100% mächtig ist, die Lyrics mitzulesen und zu verstehen, denn im Paket von Musik und Texten geht das Ganze viel tiefer, als wenn man nur die Musik plätschern lässt. Wobei das Wort Plätschern natürlich unfair ist, denn musikalisch ist alles ein großartiges, variantenreiches Zusammenspiel. Im 5. Teil begegnet uns Aliaksandr Yasinski mit seinem Akkordeon wieder, schon ein alter Bekannter auf den letzten Alben. Juraj Stieranka spielt Violine – ein weiteres Novum in den langen Jahren der Musik der Band. Beide begleiten und umspielen hier Roines Gitarre, die ihre Einzigartigkeit und Kraft wieder auf dem gesamten Album ausstrahlt.
Das Album, besonders aber „The Gods of Rome“, braucht Zeit. Die einzelnen Teile lassen eine musikalische Bindung, welche die Zusammensetzung der sieben Teile zu einem Super-Longtrack rechtfertigen würde, nur schwer finden. Wir kennen das von den Flower Kings: Die Musik erfordert viele Durchläufe, um zu wirken. Dafür wird es beim vielleicht zehnten Mal immer noch besser. Das macht auch die Musik der Schweden so einzigartig. Wenn dem Prog-Fan mal wieder alles auf die Nerven geht – der Alltag, die Nachrichten oder im Privaten – genau dafür ist „Hope“ gemacht: um ihn dann mit Musik aufzufangen und wieder aufzubauen.
Unbedingt genannt werden muss noch, dass es „Hope“ neben den klassischen CD-, LP- und digitalen Editionen auch in einer 5.1-Abmischung geben wird, die vom Pultmeister Rich Mouser (bekannt als Mixer für z. B. Transatlantic, Spock’s Beard oder Neal Morse) erstellt worden ist. Auch das hat es auf bisher 17 Flower-Kings-Alben in über 30 Jahren noch nie gegeben. Ich bin gespannt!
Es liegt natürlich nahe, das Album „Hope“ mit den großen Klassikern und deren Longtracks der Band aus zum Beispiel den 1990er-Jahren zu vergleichen. In meinen Augen ist dies aber nicht angemessen. Diese Musik stammt aus einer anderen Zeit. Roine Stolt und seine Jungs sind älter geworden und haben ihre Musik weiterentwickelt, aber auch ihre Fans sind älter geworden und haben unterwegs auch viel andere Musik gehört. Nimmt man aber die Alben seit 2018 her und legt sie auf die Waage, haben wir mit „Hope“ das sicher beste Album der Flower Kings der letzten Jahre vorliegen. Die Band ist mit sich im Reinen, schaut weniger auf kommerziellen Erfolg, sondern mehr auf die eigene Kreativität und lässt im 32. Jahr ihres Bestehens immer noch neue Klangfarben entstehen. Zitat Roine Stolt: „Die Band wollte ein Album machen, das sie selbst liebt, unabhängig davon, ob es kommerziell Sinn macht.“ Das Album tut richtig gut. Bitte mehr Flower-Kings-Vibes im Alltag!

Musiker
Mirko DeMaio | Drums, Percussion
Hasse Fröberg | Vocals, Electric & Acoustic Guitars
Lalle Larsson | Piano, Electric Keyboards
Michael Stolt | Bass, Vocals, Moog Bass
Roine Stolt | Vocals, 6 & 12 String Guitars, Keyboards, Percussion
Gäste
Aliaksandr Yasinski | Accordion (4)
Juraj Stieranka | Violin (4)
Jannica Lund | Vocals (2)
