Gerade noch haben wir uns über das Solstice – Fotobuch unterhalten, da gibt es schon wieder Redebedarf. Die Band veröffentlicht eine remasterte Version ihres zweiten Studioalbums „New Life“. Nachdem Rolf das Werk für Stone Prog bereits reviewte, hier nun das Interview. Renald sprach mit Bandleader Andy Glass.
Es hat eine Weile gedauert, bis ihr begonnen habt, eure frühen Alben wieder neu zu veröffentlichen…
Der Grund für die Neuveröffentlichung ist natürlich das gewachsene Interesse an der Band. Über die letzten Jahre haben viele Leute gesagt, sie hätten Interesse an unserem Back Catalouge, der war aber lange Zeit nicht verfügbar. Zum letzten Mal vor knapp zwanzig Jahren, als David Robinson von F2 Records die „Definitife Editions“ herausgebracht hat, aber die waren sehr schnell ausverkauft. Was mich lange davon abgehalten hat, mit dieser Serie von remasterten Neuauflagen zu beginnen, war, dass wir mit dem ersten Album hätten beginnen mussten, doch mit Klang von „Silent Dance“ waren wir nie wirklich zufrieden. Aber Steven Wilson hatte ja bereits einige Remixe von Songs von dem Album gemacht, die bewiesen, dass die Musik deutlich mehr nach dem klingen konnte, was wir eigentlich vorhatten. Und das Album mit den digitalen Werkzeugen von heute zu bearbeiten, war wie eine Offenbarung. Es klingt jetzt viel besser und ich begann wieder Gefallen daran zu finden. Das war im letzten November. Und der nächste logische Schritt war dann natürlich mit „New Life“ weiterzumachen. Wir haben damals nicht wirklich als Band funktioniert. Wir hatten uns 1985 getrennt und bis etwa 1996 kaum gemeinsam gespielt. 1993 gab es also so gut wie keine Promotion für das Album, keine Gigs. Ich glaube viele Leute kennen das Album nicht, es flog quasi unter dem Radar. Aber es ist ein gutes Album. Für viele der Songs, die wir in den Achtziger spielten, hatten keinen Platz mehr auf „Silent Dance“, wir hatten nur die 45 Minuten. Ich wollte diese Songs unbedingt aufnehmen, weil sie sonst verloren wären. Der schlechte Sound von „Silent Dance“ hat mich außerdem inspiriert zu lernen, selbst Musik aufzunehmen. Ich hatte mir damals ein Homestudio eingerichtet. In gewisser Weise muss ich also „Silent Dance“ für den schlechten Sound dankbar sein, denn seit dem nehme ich unsere Musik selbst auf. „New Life“ enthält auch Stücke, die seit dem in unserem Liveset enthalten sind. Ich musste unseren Geiger Marc Elton überzeigen, wieder zur Band zu kommen. Das Thema war eigentlich erledigt, aber ich konnte ihn überzeugen und bin sehr froh darüber, sein Violinenspiel ist großartig. Wir hatten die üblichen Probleme, eine Sängerin zu finden. Sandy Leigh war nach Irland gezogen und wir hatten keinen Kontakt mehr. Aber nach langer Suche fanden wir Heidi Kemp und ihr Gesang ist wunderschön. Ich bin immer noch Stolz auf das Album. Ich habe nicht viel geändert, es nicht remixed, nur remastered. Es war wie ein Update.

Du hast dich für ein Remastern entschieden, nicht für einen Remix.
Zum einen habe ich die ursprünglichen Multitrackrecordings nicht mehr. Genau wie bei „Silent Dance“, von den drei Tracks, die Steven Wilson remixed hat abgesehen. Aber mit der heutigen Technik wäre es durchaus möglich aus einem Stereofile die einzelnen Instrumente zu separieren, so dass ein Remix auch so möglich wäre. Aber ich habe keinen Grund dafür gesehen. Ich war mit dem ursprünglichen Mix sehr zufrieden. Remastern verbessert den Sound, das Stereoimage. Die Laustärke habe ich nicht geändert. Beim Remastern wird oft der Sound komprimiert, dadurch wirkt es lauter. Aber so etwas macht man nicht im Progressive Rock, eher im Pop oder Dance Bereich. Im Prog möchte man diese Dynamik erhalten. Steven Wilson remixed die Songs, aber seine Mission ist, den ursprünglichen Sound beizubehalten. Und er hat recht mit diesem Ansatz. Er verfeinert Dinge, es kann immer Details geben, die fehlen. Das gilt für das Remastern auch, bringe Details zum Vorschein, die du im ursprünglichen Mix nicht gehört hast. Das liegt natürlich vor allem an den Tools, die dir heute zur Verfügung stehen.
Würdest Du mit AI arbeiten?
Ich bin kein Freund von AI generierter Musik, nach dem Motto, schreibe mir einen Song im Stil von Solstice und heraus kommt etwas, was dann vermutlich auch noch gut klingen würde. Aber als in den Achtzigern Sampling aufkam, haben Leute auch gesagt, das ist keine Musik, hierdurch verlieren Musiker ihren Job. Das gibt es bei jedem großen technologischen Sprung. Aber ich habe kein Problem damit AI als Tool einzusetzen, um deine eigenen kreativen Output zu verbessern. Ich arbeite seit Jahren mit digitalen Werkzeugen. Aber diese AI generierten Videos, Bilder oder Musik haben für mich keine Seele, ich kann dazu keine Verbindung herstellen. Ich arbeite viel mit jungen Leuten, sowohl in der Band als auch in einer Rock-Schule, die sind alle sehr gegen generative AI. Aber es wird immer schwerer den Unterschied zwischen AI – Musik und echter Musik zu erkennen. Aber ob sie tatsächlich Menschen bewegt, ist eine andere Frage. Aber das tiefgreifendste künstlerische Erlebnis ist, Kunst live zu erleben, sei es nun Theater oder Musik. Von Menschen geschaffene Kunst wird mehr und mehr zu einem Premiumprodukt. Vieles, was wir sehen und konsumieren, wird AI generiert, Werbung, Filmemacher – sie versuchen Geld zu verdienen, mit wenig Aufwand. Und AI ermöglicht das. Ein guter Freund von mir ist Animator, er hat eine erfolgreiche Karriere, aber er bekommt praktisch keine Jobs mehr. Was früher ein halbes Jahr gedauert und hunderttausend Dollar gekostet hat, erledigt man heute in Minuten.
Auf der CD – Version gibt es drei zusätzliche Livestücke…
In den letzten sechs sieben Jahren haben wir regelmäßig „Guardian“ gespielt, der Song ist eine Art Favorit bei unseren Auftritten. „Morning Life“ ist schon immer Bestandteil unseres Live-Sets. Und da ich wusste, dass wir dieses Album remastern würden, haben wir in diesem Jahr auch begonnen, „New Life“ zu spielen. Auch wenn wir viel neue Musik haben, die alten Songs passen immer noch perfekt und funktionieren zusammen. Ich hielt es also für eine gute Idee, auch Aufnahmen vom aktuellen Line Up zu verwenden. Auf die LP passen sie nicht, aber auf der CD ist ja etwas mehr Platz. Am liebsten hätte ich nur Liveversionen verwendet, die vorher nie veröffentlicht wurden. Bei zwei Songs hat es geklappt, aber Guardian war schon auf auf dem Livealbum „Return To Cropedy“ vom Cropedy-Festival.

Auf den Liveversionen ist ja Jess Holland zu hören, die euch zum Jahresende leider verlassen wird. Ihr steckt ja auch schon mitten in der Arbeit für das nächste Studioalbum. Ist Jess da noch zu hören?
Jess wollte nicht mehr an dem neuen Album mitwirken, aber Dyane und Leoni machen einen herausragenden Job bei den Demos und ich bin mit den Ergebnissen sehr zufrieden. Jess gab uns Zeit, alle Optionen auszuloten, aber aktuell haben wir zwei brillante Sängerinnen mit denen ich es liebe zu arbeiten.
Ihr spielt ja noch einige Konzerte mit Jess. Wird es ein weiteres Live-Album geben?
Wenigsten einen dieser Gigs werden wir filmen!
