Livereport: Haken – Frannz Club Berlin, 06.10.2026

Der gemeine langjährige Fan rätselt heute noch, warum zwei langjährige Mitglieder bei der Prog-Metal-Institution Haken Anfang 2026 ausgestiegen sind. Charles Griffiths an der Gitarre war von Anfang an, also seit 2008, mit dabei, und Conner Green am Bass auch ganze 13 Jahre. Also eine Menge Holz. Die offizielle Bandmitteilung klang damals höflich, dankbar, aber einsilbig. Mehr ist darüber nicht zu recherchieren. Immerhin wurde damals neue Musik angekündigt. Die liegt jetzt vor, Haken ist aktuell auf den Prog-Bühnen Europas unterwegs, und wir waren in Berlin dabei.

Den Frannz Club als einen von drei Konzert-Clubs im Bereich der Kulturbrauerei tief im Osten unserer Hauptstadt kennen wir schon von so manchem anderen schönen Prog-Abend. Wenn man die Anreise durch den Berliner Stadtverkehr geschafft hat, kann man sich erstmal in einer der zahlreichen Kneipen ringsum stärken. Der Abend startet früh um 19:30 Uhr, denn es sind zwei Vorbands angekündigt.

Der Reigen beginnt mit einer noch neuen tschechisch/slowakischen Band namens Ions. Das Debüt erschien 2023 unter dem Namen „Counterintuitive“. Seit diesem Jahr gibt es mit Daniel Handak einen neuen Sänger und seit September die neue Single „Entropy Of Me“, die wir heute auch live hören. Der Rest der zur Verfügung stehenden 30 Minuten Konzert stammt von „Counterintuitive“. Ions haben am vielleicht 8 Meter breiten Bühnenrand kaum Platz zum Spielen, denn im Hintergrund ist für den Rest des Abends natürlich schon einiges aufgebaut. Aber sie machen ihren Job klasse. Der angenehme, eher melodische Prog Metal erinnert uns ein wenig an Temic, nicht zuletzt auch wegen des recht hoch angesiedelten Gesangs. Wichtig für den Bandsound erscheinen die überall eingestreuten Keyboard-Soundscapes, die aber aus der Konserve kommen. Live konzentriert man sich an der Stelle lieber auf Rock, der mit zwei Gitarren präsentiert wird. Wir sind überzeugt, und es treibt uns nach dem Set an den Merch-Stand, wo es das genannte Debütalbum auch zu kaufen gibt und die Jungs von Ions jedem Rede und Antwort stehen, der es möchte.

Die Briten Ihlo gefielen uns schon als Opener des diesjährigen Midwinter Festivals in Utrecht (der Bericht ist hier auf den Stone-Prog-Seiten nachzulesen). Die beiden Alben „Union“ und „Legacy“ sind überzeugend, und wir freuen uns auf das Wiedersehen. Der Umbau geht schnell, schon nach 15 Minuten geht es weiter. Bemerkenswert ist dabei der vollständige Umbau des Schlagwerkes: Auf das hereingetragene Gerüst werden komplett Trommeln und Becken in Hochgeschwindigkeit aufgebaut. Platz zum Abhotten für die Band ist übrigens genauso wenig vorhanden; das Keyboard der Fünf-Mann-Band ist vor dem Sänger aufgebaut. Die Musik von Ihlo kommt vertrackter und komplexer als die von Ions, an Power und Energie hat sie das gleiche Level. Die gespielten 6 Stücke in 45 Minuten kommen zu etwa gleichen Teilen von den beiden Alben. Beide Support-Acts machen Spaß, sind kurz und knackig und großartige Opener für Haken.

Seit Wochen ist der ca. 450 Personen fassende Laden restlos ausverkauft. Das Konzert beginnt schon, bevor jemand von der Band zu sehen ist, ja bevor überhaupt ein Ton von Haken zu hören ist. Denn plötzlich in der Umbaupause singt das Publikum zur Musik aus der Konserve. Später wird das als Begleitung der Band fortgesetzt. Das Publikum ist textsicher; erstaunlich ist, dass dies besonders auch bei den Songs der neuen EP der Fall ist. In der Mitte wird gepogt, was das Zeug hält; Ross bezeichnet später Berlin als den bis dato vielleicht besten Gig der Tour. Wahrscheinlich nicht nur aus Höflichkeit. Den Job am Bass übernimmt Freddie Draper auf der Bühne, der ordentlich Party macht. Ross hat als immer in Bewegung befindlicher Frontmann auch das Talent, ein Publikum, das schon voll bei der Sache ist, noch weiter anzuheizen. Von der Zurückhaltung und den neuen Sounds der EP ist im Konzert nicht viel zu merken. Die Stimmung ist großartig, das Ganze geht voll auf die Zwölf.

Die Setlist ist spannend gebaut und überrascht. Weniger, dass die fünf Songs der neuen EP alle gespielt werden – das Konzept mit „In…“ und „Out Of The Fever Dream“ bildet auch die Klammer des Konzertes. Die gewählten Stücke zwischen den neuen Songs sind nicht unbedingt Klassiker und tun deshalb gut, weil selten bzw. lange nicht live gehört. Vom Licht her steht ein großes rundes, eher blasses LED-Licht im Mittelpunkt und lässt Ross Jennings oft wie vor einer untergehenden Sonne performen. Der Sound hinten ist leider breiig, soll aber vorne besser sein.

Schon nach 70 Minuten lässt sich Haken das erste Mal verabschieden. Ok, denkt man, jetzt kommt noch ein klassischer Longtrack aus der Schublade „Crystallised“, „Visions“ oder „Celestial Elixir“. Fehlanzeige! Nun ist das krachende „Prosthetic“ sicher eine gute Wahl für eine Zugabe, dass aber 10 Minuten später das Licht angeht und der tolle Abend schon zu Ende ist, ist schon etwas enttäuschend. Ist den Jungs nach den schweren Monaten noch nicht wirklich zum Feiern zumute? Hat es damit zu tun, dass nach den zwei Vorbands der Abend zu lang geworden wäre? Am genialen Publikum kann es ja nicht gelegen haben. Ich erinnere mich mit ein wenig Wehmut an Haken-Konzerte vor 10–15 Jahren, bei denen es Setlists gab, wo nach einem schon großartigen Konzert die drei oben genannten Stücke mit insgesamt einer Stunde Spielzeit noch am Stück hintendran gespielt wurden und wo es nach der Musik bei ähnlicher Publikumsgröße förmlich Verbrüderungsszenen mit den Jungs gegeben hat. Nicht selten konnte man hier ausgiebig quatschen und beinahe gemütlich mit ihnen ein Bierchen trinken.

Ja, die tollen alten Zeiten. Jetzt steht der große Nightliner am Hinterausgang, Meet-and-Greet-Tickets werden verkauft, und es liegt am Merch-Stand die signierte neue Vinyl-EP für 70 € (!) zum Kauf aus. Das alleine ist schon ein Zeichen, dass die Band an unbezahltem Publikumskontakt im Rahmen ihrer Konzerte leider kein Interesse mehr zu haben scheint. Was insbesondere heute mit diesem kleinen und besonderen Publikum schade ist. Das Ganze hat doch ein Geschmäckle von mehr Geschäft als Interesse an einer Pflege von Fanfreundschaften. Wie auch immer: Haken scheint insbesondere mit der aktuellen EP eher wieder am Anfang eines neuen Weges mit ihrer Musik zu stehen, und wir werden die Entwicklung der Band weiter gespannt verfolgen.

Setlist Ions

The Same As You
Faith
A Terrible Mistake
Plinth Of Shame
Entropy Of Me
True Friendship

Setlist Ihlo

Wraith
Replica
Reanimante
Source
Cenotaph
Parhelion

Setlist Haken

In A Fever Dream
Initiate
Delirium
Sempiternal Beings
Bleeding Sky
A Cell Divides
The Endless Knot
8. Eclipsed By You
Nil By Mouth
Lotus

Zugabe

Prosthetic

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