Review: Mostly Autumn – The Clock Ticks On (2026)

Es gibt Momente in der Geschichte einer Band, in denen die Uhr hörbar weiterläuft. Nicht abrupt, nicht im Bruch, sondern mit einem kaum merklichen, aber unaufhaltsamen Ticken. Für Mostly Autumn schlug dieser Moment um 2009, als die Ära Heather Findlay zu Ende ging und Olivia Sparnenn das Mikro übernahm. Dass Findlay nach ihrer Babypause nicht in die Band zurückkehrte, war ein stilles, aber endgültiges Kapitelende. Ob dieser Wechsel gänzlich freiwillig geschah, blieb im Stillen der Bandgeschichte verborgen. Fakt ist: Die Uhr tickte weiter.

Schon damals markierte die 3-CD-Compilation „Pass the Clock“ aus dem Jahr 2009 den Abschluss einer Dekade und gleichzeitig die archivierende Geste einer Band, die ihr eigenes Vermächtnis ernst nimmt. „Pass the Clock“ dokumentierte die Findlay-Ära als Zeit der Erzählungen, der Waldlichtungen, der winterlichen Berge und der weiten Nachthimmel,  eine Musik, die Träume nicht nur vertonte, sondern sie greifbar machte.

Und dann rückte Olivia Sparnenn aus dem Hintergrund nach vorn. Was zunächst wie ein simpler Personalwechsel wirkte, entfaltete sich rasch zu einem Neuentwurf der Band. Sparnenns Stimme war nicht nur Volumen und Höhe, sie hatte Dimension. Eine Stimme, die Räume eröffnen konnte, statt sie nur zu besingen. 2013 heiratete sie Bandleader Bryan Josh und führte fortan den Doppelnamen Sparnenn-Josh – eine kleine sprachliche Klammer für eine große kreative Verbindung, die den Klang der folgenden Jahre prägen sollte.

Diese Phase brachte bedeutsame Werke in der Discographie hervor: Das Übergangsalbum Go Well Diamond Heart, das schattenhafte Ghost Moon Orchestra, das berührende Dressed in Voices, das licht- und liebende Sight of Day, die Vorahnung des Unheils White Rainbow, die pandemische Zäsur Graveyard Star und das apokalyptische Seawater.

Die Cover dieser sieben Veröffentlichungen umkreisen das Zifferblatt der Uhr, die sich weiter dreht, denn jetzt, im Januar 2026, erschien mit The Clock Ticks On ein weiteres 3-CD-Set, das die Jahre 2010 bis 2025 bündelt. Es umfasst jene anderthalb Dekaden, die Mostly Autumn von der guten britischen Prog-Adresse zu einer Band transformierten, die überzeugend den Soundtrack für den Weltuntergang liefern könnte.

Bryan Josh beschreibt den Auswahlprozess im eigenen Vorwort überraschend intuitiv:

„Der einzige Ansatz, den ich für dieses Album finden konnte, war zuerst einen Opener auszuwählen, ihn anzuhören, zu fühlen, was danach kommen sollte und diesen Prozess zu wiederholen. Ich hatte das Gefühl, dass viel zu viele Songs aus der Liste herausfallen würden. Also gab ich die Liste auf und folgte meinen Instinkten. Es war sowohl eine freudige als auch eine tränenreiche Erfahrung – die Mischung aus Nostalgie und Themen war manchmal überwältigend.“

Man nimmt ihm das ab. „The Clock Ticks On“ wirkt nicht wie eine Best-of-Liste, sondern wie eine dramatische Erzählung, selektiert nach emotionaler Schwerkraft statt nach Setlist- und Live-Relevanz.

Die Dreiteilung des Sets folgt nicht Jahren, sondern Blickrichtungen:

Disc 1: A Pause for Thought – Die introspektive Seite der Band: Momente des Innehaltens, des Aufsammelns von Splittern, bevor die großen Dramen einsetzen. Songs wie Hammerdown, Native Spirit oder Razorblade fanden hier ihren Platz, sowie mit The Undertow einer der schönsten Songs aus der Feder von Chris Johnson.

1. Procession
2. Violet Skies
3. Skin of Mankind
4. Home
5. The Undertow
6. This Endless War
7. Native Spirit
8. Back to Life
9. Hammerdown
10. Razor Blade
11. The House on the Hill
12. Once Round the Sun
13. Connected

Disc 2: The Heart Reflecting – Der menschliche Teil: Verluste, Liebe, Trauer, Verbundenheit – jene Themen, die Mostly Autumn über die Jahre vom Folkrock in Richtung Art-Rock drückten, ohne dass je ein stilistischer Bruch nötig war. Das orchestrale Free To Fly, das elegische Viking Funeral und Box Of Tears, sowie das fantastische Wild Eyed Skies mit einem Vokaleinsatz, der die Seele berührt, gehören in diese Kategorie. Mit Swallows und We’ve Got To Be Something finden sich zudem zwei Songs, die ursprünglich nur auf den limitierten Doppel-CD-Versionen erschienen sind.

1. Gone
2. Swallows
3. Free to Fly
4. If Only For A Day
5. And When the War is over
6. Viking Funeral
7. Hold The Sun
8. Wild Eyed Skies
9. The Harder That you Hurt
10. Mars
11. Young
12. Box of Tears
13. We’ve Got To Be Something

Disc 3: Bedtime Stories – Dies ist die ironischste der drei Bezeichnungen, denn  während Sight Of Day noch romantisch den Anbruch eines neuen Tages feiert – sind White Rainbow, Turn Around Slowly, Graveyard Star und Seawater keine Gute-Nacht-Geschichten, sondern Katastrophenprotokolle. Aber in ihrer Wucht haben sie etwas Rituelles, etwas Beschwörendes, das den Titel im Nachhinein sogar plausibel macht. Wer Mostly Autumn je live in diesen Stücken erlebt hat, weiß, dass hier nicht einfach ‚Songs‘ gespielt, sondern Naturgewalten entfesselt werden.

1. Sight of Day
2. Graveyard Star
3. White Rainbow (Edit)
4. Turn Around Slowly
5. Seawater

Dass dieses neue Set gerade jetzt erscheint, fühlt sich richtig an. Die Pandemie-Phase hat Bands und Publikum gleichermaßen gealtert, nicht im negativen, sondern im reflektierten Sinne. Graveyard Star war eine Platte, vor der man nicht weglaufen konnte – eine jener seltenen Veröffentlichungen, die ein globales Ereignis nicht kommentierten, sondern musikalisch verarbeiteten. Insofern markiert „The Clock Ticks On“ nicht nur einen Rückblick, sondern eine Bestandsaufnahme: Was ist geblieben? Was ist gewachsen? Und wohin schlägt die Uhr weiter?

Für Neueinsteiger ist dieses Set ein perfekter Kompass. Für Fans ist es die Gelegenheit, die Livvy-Ära als geschlossene Epoche zu hören – etwas, das im laufenden Album-Zyklus immer schwieriger wurde. Und für jene, die sich ernsthaft mit der Band beschäftigen, liefert es ein Argument dafür, warum Mostly Autumn auch zu Beginn ihres vierten Jahrzehntes noch relevant sind: Sie haben sich weiterentwickelt, ohne sich zu verleugnen.

Bleibt die Frage, ob die Uhr nach diesem Rückblick erneut weiterschlägt. Die Antwort liegt nicht in dieser Compilation, aber im Material, das sie umfasst. Und wer diese Songs noch einmal am Stück durchlebt, wird erkennen, dass die Uhr bestimmt noch lange weiter tickt.

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