Review: Hawkwind – X In Search of Space (Deluxe Edition / 5.1 Surround)

Es ist das Jahr 1971. Die Regler (Controls) werden nicht einfach nur aufgedreht – sie werden räumlich neu definiert. Nicht für das „Heart of the Sun“, das überlassen wir Roger Waters, sondern für Regionen weit darüber hinaus. Mit X In Search of Space legten Hawkwind den Grundstein für das, was wenig später zu den legendären Space Ritual-Exzessen führen sollte.

Die neue Edition hebt dieses ohnehin mythisch aufgeladene Werk auf eine weitere Ebene. Neben einem Remaster des Originalmixes und einem neuen Stereo-Mix ist es vor allem die Blu-ray mit den 5.1-Surround-Abmischungen von Stephen W. Tayler, die den entscheidenden Mehrwert liefert. Während andere auf Namen wie Steven Wilson setzen, scheint Tayler mittlerweile so etwas wie der Haus-Architekt für den Hawkwind-Kosmos zu sein – und trifft dessen DNA mit bemerkenswerter Präzision. Der berühmte „Soundnebel“ von Hawkwind war nie etwa Schwäche, sondern bewusstes Stilmittel. Dennoch wirkt es fast so, als würde man das Album zum ersten Mal durch eine moderne Anlage hören. Die Transparenz ist überwältigend – und für Hörer, die mit den ursprünglichen, leicht verwaschenen Klangbildern aufgewachsen sind, mitunter sogar leicht irritierend, denn gerade im 5.1-Mix entfaltet sich die Musik in einer Weise, die damals einfach undenkbar war. Klänge zirkulieren, oszillieren, ziehen ihre Bahnen durch den Raum. Das ist kein bloßes Remastering – das ist eine klangliche Neuerkundung.

Schon die ersten Minuten von „You Shouldn’t Do That“ (15:41) machen klar, dass hier andere Regeln gelten. Das ist kein Song im klassischen Sinne – das ist mehr ein Zustand – Brummen, Blubbern, Zwitschern, Pfeifen, Heulen, darunter zwei Akkorde in schier endloser Wiederholung, darüber schwebende Saxophon Klangfragmente, Gitarren zwischen Riff und Geräusch, dahinter synkopisch unterbrochene, treibende Drums. Stimmen tauchen aus verschiedenen Richtungen auf, überlagern sich, verlieren sich wieder in scheinbar endlosen Schleifen. Im normalen Hörmodus könnte man das als monoton abtun. Im erweiterten Modus passiert etwas anderes:

Der Raum öffnet sich, während das Zeitgefühl scheinbar gleichzeitig verloren geht.

Die Musik kommt nicht mehr von vorne – sie ist überall. Sie kreist, pulsiert, zieht Bahnen. Man sitzt nicht mehr vor der Anlage, man sitzt mittendrin. Das Faszinierende an In Search of Space ist dieser ständige Wechsel – Einerseits völlige Entgrenzung – frei fließende Jams, oszillierende Soundflächen, kaum klassische Songstrukturen. Auf der anderen Seite Momente überraschender Erdung. „Children of the Sun“ etwa bringt plötzlich Luft ins System, fast etwas Folkiges. Die Flöte schwebt über einem reduzierten Arrangement, als hätte jemand für einen Moment die Schwerkraft wieder eingeschaltet.

Nicht lange – dann geht es zurück ins All.

 Man kann lange darüber diskutieren, ob Hawkwind hier den Space Rock erfunden oder „nur“ perfektioniert haben. Aber eigentlich führt das am Kern vorbei. Und ja – man könnte sie auch völlig nüchtern hören. Aber man ahnt dabei immer, dass da noch eine zweite Ebene existiert. Eine Ebene, in der sich Klänge anders entfalten, in der Wiederholungen nicht langweilen, sondern hypnotisieren, in der scheinbares Chaos plötzlich Sinn ergibt.  

Denn wenn die Umstände stimmen – Zeit, Ruhe, die richtige Stimmung, auf die ich später noch komme  – dann versteht man plötzlich, warum diese Platte bis heute als Referenz des Space Rock gilt. Nicht, weil sie perfekt ist. Sondern weil sie etwas wagt, das heute kaum noch jemand wagt: Loslassen, in andere Sphären entschweben. Hierbei entsteht ein Raumgefühl, das sich kaum noch beschreiben lässt. Klänge tauchen auf, verschwinden wieder, wandern durch den Raum, als hätten sie ihre eigene Umlaufbahn. Besonders eindrucksvoll gelingt das bei „Master of the Universe“.  Dieser stoische, fast schon primitive Groove – eigentlich simpel – wird in diesem Kontext zu etwas völlig anderem. Die Gitarren rumpeln dumpf und schwer, wie aus einer anderen Dimension, einer unendlichen Weite kommend.  Manche liegen plötzlich hinter einem, andere scheinen aus einer unbestimmten Ferne zu kommen – nicht einfach „aus dem Lautsprecher“, sondern aus einer Tiefe, die physisch eigentlich gar nicht da ist. Das ist der Punkt, wo HiFi aufhört, Technik zu sein – und anfängt, Wahrnehmung zu verändern. „Adjust Me“ geht noch einen Schritt weiter, ein Stück, das sich der klaren Einordnung entzieht: Tempo, Struktur, Wahrnehmung – alles scheint im Fluss, als würde jemand ständig an der Zeitachse drehen. Und wer sich darauf einlässt – wirklich einlässt – merkt ziemlich schnell, dass hier nichts „einfach“ ist. Was auf den ersten Blick wie stumpfes Riffing wirkt, entpuppt sich als hypnotische Sogwirkung. Was wie Klangchaos erscheint, folgt plötzlich einer eigenen, schwer greifbaren Logik.

Und ja, man darf es ruhig aussprechen: Diese Musik ist in einem Umfeld entstanden, das mit erweitertem Bewusstsein nicht ganz unvertraut war. Warum also sollte man sie deshalb nicht auch unter selbigen Einflüssen hören, die ein erweitertes räumliches Hören ermöglichen?

Nein, es geht nicht darum, irgendwem vorzuschreiben, wie er Musik zu konsumieren hat. Aber es ist schon bemerkenswert, wie sehr sich hier plötzlich Türen öffnen und man Töne wahrnimmt, die vorher verborgen blieben – vorausgesetzt, man ist bereit, eingefahrene Hörgewohnheiten loszulassen und sich auf etwas wirklich Abgefahrenes einzulassen.

Spannend ist auch der Blick zurück: Dieses Album entstand vor der Ära von Lemmy Kilmister, bevor Hawkwind stärker in Richtung straighter Rock drifteten. Hier ist noch alles offen, alles möglich. Die Songs folgen keiner klassischen Logik. Niemand scheint sich darum zu kümmern, ob das „funktioniert“. Aber genau deshalb funktioniert es.

Auch ein kurzer Blick auf das Bonusmaterial lohnt sich – schon allein, um Missverständnisse zu vermeiden. Denn vieles davon gehört streng genommen nicht zum ursprünglichen In Search of Space-Album, sondern wurde in dieser Version einfach hinzugenommen.

Allen voran natürlich „Silver Machine“, der wohl bekannteste Track von Hawkwind – war ursprünglich gar kein Bestandteil von In Search of Space, auch keiner eines regulärem Studioalbums, sondern erschien 1972 als eigenständige Single – mit dem ebenfalls hier enthaltenen „Seven by Seven“ auf der B-Seite. Der überraschende Chart-Erfolg markierte zugleich den Beginn der Lemmy-Phase und steht damit stilistisch bereits ein Stück außerhalb des ursprünglichen Albumkonzepts. Ähnliches gilt für die Bonus Songs „Hog Farm“ und  „Kiss of the Velvet Whip“. Hinter dem Titel verbirgt sich hier eine deutlich spacigere Neubearbeitung eines älteren Stücks. In dieser 1971 er Version mit dem Untertitel „Sweet Mistress of Pain“ sind bereits viele Elemente angelegt, die später das über 15-minütige „You Shouldn’t Do That“ prägen sollten.

Die Gestaltung der Edition orientiert sich zwar sichtbar an der ursprünglichen LP von In Search of Space, lässt aber einen der legendärsten Gimmicks außen vor: Das aufklappbare Cover, das sich zur Form eines fliegenden Falken entfaltet, bleibt der Vinyl-Originalausgabe vorbehalten.

Ganz verloren geht dieser Aspekt allerdings nicht. Ein großformatiges Poster greift die Idee zumindest auf, ergänzt durch ein LP-großes Booklet mit einem Art Logbuch und zahlreichen teils unveröffentlichten Bildern, das den visuellen Kosmos von Hawkwind eindrucksvoll erweitert. Auf dem Originalcover steht übrigens „X In Search of Space“ – eine Anspielung auf die damalige Selbstbezeichnung der Band als „Band X“. In den meisten Diskografien wird dieses Detail jedoch ignoriert, sodass sich der Titel meist auf das simple In Search of Space reduziert.

Die visuellen Inhalte der Blu-ray fallen dagegen deutlich schlichter aus. Im Grunde beschränkt sich das Ganze auf ein dauerhaftes Wechselspiel aus vier Motiven, die bereits vom Original-Cover bekannt sind, untermalt von im Hintergrund herab rieselnden Sternen.

Das ist durchaus authentisch, aber gemessen an der musikalischen Wucht und Tiefe dieses Albums wirkt es letztlich zu statisch, zu zurückhaltend. Gerade hier hätte sich eine stärker ausgeprägte psychedelische Bildsprache angeboten: fließende Muster, Farbexplosionen, visuelle Entsprechungen zu den klanglichen Exkursionen.

So bleibt der visuelle Teil einfach nur funktional –während die Musik längst in ganz anderen Sphären unterwegs ist, nachwenigen Minuten kann man getrost die Augen schließen und nur noch  die Klänge wirken lassen.

Bei den weiterhin enthaltenen Audio-Varianten stellt sich hingegen durchaus die Frage nach dem tatsächlichen Mehrwert. Der originale 1971er Mix, dazu ein neuer 2024er Stereo-Mix – alles interessant, keine Frage, aber letztlich eher Varianten für Komplettisten.

Der eigentliche Kern dieser Veröffentlichung ist und bleibt der 5.1-Mix.
Er allein ist es, der diese Edition rechtfertigt – auch preislich.

Alles andere ist Beiwerk.

Für mich persönlich kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: In Search of Space war Mitte der 70er Jahre eine der ersten LPs, die überhaupt den Weg zu mir fand. Entsprechend ist die Bindung eine andere, eine tiefere, als zu vielen späteren Hawkwind-Veröffentlichungen.

Der Kauf dieser Edition war damit keine Frage des Abwägens. Er war… regelrecht zwangsläufig.

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