Um die zwangsläufig einsetzende Verwirrung nach der Lektüre der Überschrift dieses Reviews gleich noch etwas zu vergrößern: NEIN, bei dem Bandnamen „Aufklärung“ handelt es sich NICHT um ein fälschlicherweise hierher kopiertes Wort aus einem anderen Text. Und JA, es handelt sich tatsächlich um eine italienische Band aus der wunderbaren Welt des Progressive Rock. Gegründet wurde Aufklärung bereits im Jahr 1990 und hatte sich damals dem Prog mit englischen Texten verschrieben. Die damaligen Bandmitglieder sahen im Zeitalter der Aufklärung eine große kulturelle Zäsur und sahen ihre eigene Musik als eine ebensolche Zäsur an mit Blick auf eine Ausrichtung ihrer Musik in die Vergangenheit.
Warum sie allerdings das deutsche Wort „Aufklärung“ verwendeten und nicht das italienische „illuminismo“, ist eine bis heute nicht beantwortete Frage. Welche Frage aber beantwortet ist, ist die der Zusammensetzung der Band: von der damaligen Besetzung sind heute noch Gitarrist Michele Martello und Keyboarder Marco Mancarella übrig geblieben. Ergänzt werden sie von Bassist und Gitarrist Dante Di Giorgio und Sänger Michele De Luca, der auch für die Texte zuständig ist, sowie von Gastmusikern. Das im Vorjahr erschienene „Nell’idea di un tempo che“ (zu Deutsch „In der Vorstellung einer Zeit, die“) ist erst ihr zweites Album. Das erste „De la Tempesta l’Oscuro Piacere“ stammt aus 1995.

Tracklist
1. Respiro n. 1 (13:46)
2. Urlo (6:33)
3. Apnea (9:14)
4. Ansia (13:09)
In einem Punkt haben sich Aufklärung gegenüber ihren Wurzeln deutlich geändert: sie singen heute auf Italienisch. Auch das gesamte Booklet, das neben den Songtexten eine „wahre Geschichte“ über ein „illusorisches Leben“ enthält, ist in Italienisch verfasst. Die Musik ist, nicht unüblich für italienische Prog-Bands, dem RetroProg zuzuordnen, der seine Wurzeln bei den frühen Genesis und Emerson, Lake & Palmer hat. Was dieses Album von denen ähnlicher Bauart unterscheidet, ist sein Abwechslungsreichtum und die Konsequenz, mit der hier Stimmungen ausgearbeitet werden. Da erscheinen wunderbar harmonische Passagen, wie zum Beispiel zum Auftakt des ersten Stücks „Respiro n. 1“ (= Atem Nr. 1), der wenig mehr als Akustikgitarre und Keyboards benötigt, und das in seinem 14-minütigen Verlauf verschiedenen Stil-Wandlungen unterliegt. Das zweite Stück, das folgerichtig den Namen „Urlo“ (= ich schreie) trägt, ist durchgängig von Düsterkeit und Dramatik geprägt. Hier sorgen geschickt eingestreute Disharmonien und Tempiwechsel vielleicht nicht gerade für easy listening, für musikalische, dem Thema angemessene Spannung aber allemal.
Auch der Name des dritten Stückes, „Apnea“ (= Apnoe) deutet nicht auf fröhliche Tanzmusik hin, liefert dafür aber geschickt komponierte, mit Dramatik wechselnde Melancholie und findet mit zunehmender Spieldauer noch zu erstaunlicher Geschwindigkeit. Egal, welche Stimmungen transportiert werden sollen, die Stimme von Michele de Luca passt hierzu wie ein Handschuh. Dies gilt auch für das vierte und bereits letzte Stück „Ansia“ (= Angst). Dessen Auftakt liefert atmosphärisch-melancholische Pianotöne, alsbald begleitet von de Luca’s eindringlichem Gesang und dem akzentuierten Bass-Spiel von Dante di Giorgio. Diese Stimmung wird fortgesetzt von einem wunderbaren Zusammenspiel von Akustikgitarre und Flöte, abgelöst von bedrohlichen Sound-Samples, die einem Horrorfilm um Mitternacht gut zu Gesicht stünden. Danach setzt wieder eine erlösende Passage für Piano und Gesang ein, um in ein Finale zu münden, das auch für Vielhörer einfach nur zum Niederknien sein dürfte. So erhaben hat ein Gitarren-Solo selten geklungen!
Im Fazit ist „Nell’idea di un tempo che“ ein großartiges Album, das den Progressive Rock der 70er Jahre in (fast) allen seinen Ausprägungen ausgiebig feiert. Man kann nur hoffen, dass Aufklärung nicht wieder 30 Jahre brauchen, um ein neues Werk zu veröffentlichen.
Musiker
Michele De Luca: Gesang
Dante Di Giorgio: Bass, Gitarre
Marco Mancarella: Keyboards
Michele Martello: Gitarre
Gäste
Salvatore („Tore“) Nobile: Schlagzeug
Carlo Gioia: Flöte auf „Ansia“
Fotografie: Sergey Vinogradov, CD-Design: Piero Gioia
Label: MaRaCash Records
