Livereport: Art Rock Festival 2026 – Reichenbach, Neuberinhaus (Freitag, 10.04.)

Es war wieder soweit: im beschaulichen Reichenbach im Vogtland trafen sich Prog-Initiierte aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und weiteren Ländern zum traditionsreichen Artrock Festival. Veranstalter Uwe Treitínger hatte einmal mehr eine weit gefächerte Zusammenstellung von Bands der anspruchsvollen Rockmusik über drei Tage organisiert. Obwohl persönlich anwesend, fielen seine sonst üblichen, in akzentfreiem Vogtland-Sächsisch gehaltenen Ansagen auf der Bühne diesmal ins Wasser, war er doch angesichts eines Unfalls im häuslichen Bereich und noch ausstehender Operation mobil arg eingeschränkt. Und so erfolgte seine Dankesrede an die Crew, den Betreiber des Neuberinhauses und die Fans schriftlich via Facebook. Am Ablauf der Veranstaltung gab es nichts auszusetzen: keine Band sagte 5 vor (oder schlimmer noch: nach) 12 ab, keine Gitarre versagte ad hoc ihren Dienst und auch der Deckenputz über der Bühne blieb dort, wo er hingehörte, nämlich an der Decke. Die Stimmung unter den Besuchern war prächtig und die Atmosphäre familiär, sodass auch hier gilt: nach dem Festival ist vor dem Festival, auch wenn es wohl 2027 das letzte seiner Art zu werden scheint.

Neronia

Das Los der Eröffnung war auf die deutsche Band Neronia gefallen. Dieses Quartett aus dem hessischen Darmstadt, das unter diesem Namen auch schon seit 2002 unterwegs ist, legte gleich los wie die Feuerwehr. Ihre Mischung aus NeoProg und ProgMetal war für den Einstieg bestens geeignet.

Dabei stand Sänger Falk Ullmann sofort im Mittelpunkt und verdiente sich wahrlich das Prädikat „Rampensau“. Seine etwas kratzige Stimme war vom Start weg vielleicht nicht jedermanns Sache, was aber in den ersten beiden Stücken „Broken Vision“ und „Fast Way“ durch sehr schöne Gitarrenpassagen von Rüdiger Zaczyk mehr als kompensiert wurde. Je länger das Konzert dauerte, desto melodischer wurden die Stücke und auch Ullmanns Stimme lief zu großer Form auf.

Überhaupt entstand im Saal der Eindruck, dass die Band sich von Lied zu Lied steigerte. Geboten wurde ein Querschnitt aus den Alben dieser Band vom 2002er „Nerotica“ bis hin zur EP „Two Lives“, die erst im Januar dieses Jahres herauskam. Nach den beiden Schlusstracks „Masterpiece Of Memories“ und „One Moment/Frost“ gab es im Saal keine zwei Meinungen: dieser Auftakt saß!

Black Banjo

Pünktlich um 18.10 Uhr betrat die italienische Band Black Banjo die Bühne, die schon einmal im Jahr 2021 beim Artrock Festival aufgetreten war. Sie präsentierte eine eher ungewöhnliche Mischung aus Progressive Rock, Blues und Country bis hin zu Bluegrass-Anklängen.

Sofort legten sie mit Druck, Drall und Geschwindigkeit los, dominierend war das äußerst flinke Gitarrenspiel von Sänger und Gitarrist Alex Alessandrini, das tatsächlich Banjo-Qualitäten erreichte. Mit seinem schwarzen Glitzerhemd und dem breitkrempigen Hut war er sofort optischer Blick- und musikalischer Ohrenfang auf der Bühne. Allerdings wurde auch schnell klar: eine Spur leiser wäre dem Vortrag dienlicher gewesen.

Dass diese Band aus Italien stammt, war schon erstaunlich, trugen ihre Stücke doch den Stempel amerikanischer Country-Musik, hier nur härter und schneller intoniert. In dem Quartett durften wir auch einen alten Bekannten begrüßen: Francesco Capolaretti war schon häufiger beim Artrock Festival als Bassist aufgetreten, so zum Beispiel mit Kee Marcello im Jahr 2021 und mit der Rowan Robertson Band 2022. Hier war er einmal wieder in seiner Heimatband zu sehen und zu hören.

The Skys

Den dritten Auftritt des Abends absolvierten The Skys. Diese Band hat zumindest für den Prog-Kosmos ungewöhnliche geografische Wurzeln, stammt sie doch aus Litauen. Sowohl Sänger und Gitarrist Jonas Čiurlionis als auch Sängerin und Keyboarderin Božena Buinicka kommen aus diesem südlichsten der drei baltischen Länder. Ergänzt wurden sie an diesem Abend von dem japanischen Drummer Johnny Kawahata und dem Briten Steve Vantsis, der schon Fish auf der Bühne und im Studio am Bass begleitet hatte.

The Skys sind bekannt für ihren opulenten floydigen Artrock, den sie an diesem Abend mal ausladend („Walking Alone“), mal druckvoll („This Is What You’ve Got“) zelebrierten. Dabei bildeten die Stücke des 2011er Albums „Colours Of The Desert“ und des 2015er Albums „Journey Through The Skies“ den Kern ihres Auftritts. Zwei Stücke aus dem bislang letzten Album aus dem Jahr 2019, „Automatic Minds“, rundeten die Setlist ab.

Bemerkenswert neben den zahlreichen Keyboard- und Gitarrenteppichen waren die wechselnden Lead Vocals von Čiurlionis und Buinicka, die dazu beitrugen, dass der Auftritt abwechslungsreich blieb. Bemerkenswert war auch die wallende Lockenmähne der Keyboarderin, die allerdings des öfteren den Blickkontakt zum Publikum stark eingeschränkt haben dürfte. The Sky offerierten dem Publikum Musik zum Dahin-Schweben und Eintauchen. So wurde es auch mit großer Vorfreude aufgenommen, dass diese Band das Warm-up zum ARF im nächsten Jahr musikalisch begleiten wird.

Electric Guitarlands 2026

Den Abschluss des ersten Tages bildete das Live-Projekt Electric Guitarlands 2026, das eine Zusammenstellung von vier bekannten Gitarren-Virtuosen darstellt, die erst abwechselnd mit einer Backgroundband (in der auch der vorhin schon erwähnte Francesco Caporaletti die Bassgitarre bedient) und im Finale gemeinsam auf der Bühne stehen. Ihr Repertoire umfasst Rock, Blues-Rock und Hard-Rock mit Ausflügen ins Metallhaltige.

Den Auftakt machte der Mexikaner Johnny Nasty Boots, der es hier schon ziemlich krachen ließ. Das war verglichen mit dem vorangegangenen Auftritt der Skys nicht sehr komplex, strotzte aber vor purer Energie. Ihm folgte der Engländer Rowan Robertson, bekannt aus der amerikanischen Heavy-Metal-Formation Dio, der den von Johnny Nasty Boots vorgelegten kernigen Sound fortführte. Der Dritte im Bunde war Vinnie Moore, der sich einst als Gitarrist der britischen Hard-Rock-Legende UFO einen Namen gemacht hatte. Rock vom Feinsten, versetzt mit diversen Deep Purple-Riffs kennzeichneten seinen Auftritt.

Ihm folgte Michael Angelo Batio, der seit 2022 bei Manowar die Lead Gitarre spielt. Artistisch huschten seine Finger über die Gitarrensaiten seiner Gitarre und mitunter der Gitarre seines Nebenmanns. Spektakulär wurde es, als Batio seine Doubleaxe-Gitarre auspackte. Brillant und mit atemberaubender Geschwindigkeit bediente er dieses Instrument mit zwei Griffbrettern, das wie ein V geformt ist, und berichtete mit einigem Stolz, dass dies seine Erfindung gewesen sei.

Das Publikum dankte ihm mit frenetischem Applaus. Zum Abschluss des Abends fanden sich alle vier Gitarristen gemeinsam auf der Bühne ein, spielten das mitreißende „Paranoid“ von Back Sabbath und entließen so manchen Konzertbesucher weit nach Mitternacht mit einem Wurm im Ohr.


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