Eigentlich sollte an diesem letzten Festivaltag Nick Barrett, seines Zeichens Großkapellmeister der britischen Neoprog-Formation Pendragon, mit einem Akustik-Set auftreten. Eine Verletzung im Hüft- und Rückenbereich zwang ihn jedoch zur Absage. Den Bäcker-Brothers gelang es jedoch kurzfristig, mit der Zwei-Mann-Band Flame Drop einen formidablen Ersatz zu finden.
Flame Drop
Diese Schweizer Formation setzt sich aus den Multiinstrumentalisten Felix Waldispühl und Roland Hegi zusammen. Zwei Wochen zuvor hatten die beiden schon auf dem Artrock Festival in Reichenbach mit ihrer Instrumentalmusik für Aufsehen gesorgt, indem sie den klassischen Progressive Rock der 70er Jahre wieder aufleben ließen.

Ihre Stücke, allesamt selbst komponiert, weckten Erinnerungen an Pink Floyd, Yes, Alan Parsons und Jean-Michel Jarre. Felix Waldispühl begann das Set an den Keyboards und wechselte alsbald an die Drums, während Roland Hegi die E-Gitarre bediente, der er immer wieder floydige Töne entlockte. Weitere Instrumente wie Keyboards und Bassgitarre, von den beiden Schweizern selbst eingespielt, kamen vom Band.

Zur Musik wurden stimmungsvolle Bilder auf die Bühnenleinwand projiziert. Die von Flame Drop erzeugten Stimmungen reichten von spacig über dynamisch und dramatisch-elegisch bis hin zu meditativ, allen voran die wunderschönen Stücke „The Cosmic Silence“ und „Divided Ocean“. Das Publikum lauschte andächtig und bedachte die beiden Künstler am Ende ihres Auftritts mit ebenso großem wie verdientem Applaus.

Dawnation
Fünf Herren aus Neubrandenburg betraten pünktlich um 18 Uhr die Bühne, darunter ihr Sänger Jan Mecklenburg, dessen Nachname nunmehr sehr passend ist, stammt er doch ursprünglich aus dem Emsland. Die Eröffnung ihres Auftritts mit dem Stück „Rise“ zeigte gleich, wo es die nächsten eineinhalb Stunden lang ging: mit Druck, Drall und Geschwindigkeit und Keyboardfanfaren starteten Dawnation in diesen Auftritt, der das Publikum sofort begeisterte.

Sänger und Frontmann Mecklenburg mit seiner höchst rocktauglichen Stimme und einer Bühnenpräsenz, die an Michael Sadler von Saga erinnerte, die wunderbar harmonierenden Background Vocals, das vorzügliche Zusammenspiel zwischen Gitarrist Christoph Piel und Keyboarder Bert Wenndorff – hier wurde höchste Qualität geboten! Breit war die musikalische Palette der fünf Mecklenburger, von kernigem Rock bis hin zu anspruchsvollem Pop.


Da wurde das melodisch-komplexe „The Hypocrite“ mit seinem grandiosen Finale zum Gassenhauer. Aber auch Nachdenkliches hatten Dawnation im Angebot: „Between“ mit seiner „Money For Nothing“-Eröffnung lieferte sozialpolitische Kritik, „Cheap Pills“ behandelte das Thema Tablettenmissbrauch, beide Stücke trefflich kommentiert von Bert Wenndorff. Mit zwei Zugaben, der schönen Ballade „Worthless“ und dem rockigen „Don’t Bother Me“, endete ein großartiges Konzert einer famosen Band, die viel zu selten auf den Bühnen dieser Welt zu sehen ist.


Nur mit der zwischenzeitlichen Aufforderung ans Publikum, die Sitze zu verlassen und zu tanzen, hatten sie wenig Erfolg. An der Musik kann’s nicht gelegen haben …
Franck Carducci and The Fantastic Squad
Tja, wie soll man ein Konzert von Franck Carducci beschreiben, worauf das Hauptaugen- bzw. -ohrenmerk legen? Auf die für Prog-Verhältnisse mehr als ungewöhnlichen Outfits, allen voran das des Bandleaders, gewandet in Glitzeranzug und Glitzerzylinder? Auf die extravagante Bühnenshow? Oder auf die handverlesenen Musikerinnen und Musiker, die ihre Instrumente meisterhaft einzeln wie im Zusammenspiel beherrschen, allen voran wiederum der Bandleader an Bass, E- sowie sechs- und zwölfsaitiger Akustikgitarre (gerne auch mit zwei Hälsen) oder Drummerin Léa Fernandez, die wie eine Maschine auf ihr Arbeitsgerät einschlägt? Am besten auf all dies zusammen, denn Franck Carducci and The Fantastic Squad, das ist die Spaßbude des Prog.

Wunderbar auch die engelsgleiche Stimme von Mary Reynaud, die beim Stück „The Betrayal Of Blue“ vollen Körpereinsatz am Theremin zeigte und dessen jaulend elektronischen Geräusche mit schlangenartigen Bewegungen zu einem harmonischen Klangbild formte. Wie sie zu dem von ihr selbst komponierten „The Angel“ mit großen, beleuchteten Engelsflügeln die Anwesenden im Saal verzauberte, das war ein Fest für Augen und Ohren.

Und so wurde das begeisterte Publikum knapp zwei Stunden lang ebenso mit wunderschönen Balladen („Sweet Cassandra“) wie mit krachenden Rock-Nummern („Slave To Rock’n’Roll“) aufs Spannendste beschallt. Stehende Ovationen waren der verdiente Lohn hierfür. Dass Franck Carducci and The Fantastic Squad es auch besinnlich können, bewiesen sie in der letzten Zugabe mit der Akustikversion von „On The Road To Nowhere“, die alle Musiker vorne am Bühnenrand zu Klängen der Akustikgitarre ohne Einsatz von Elektronik zum Besten gaben.


Der Auftritt Franck Carduccis und seiner Fantastic Squad bildete den würdigen Abschuss eines rundum großartigen Festivals. Den einzigen, aber leider nicht ganz unwichtigen Wermutstropfen bildete der geringe Besuch. Je 160 verkaufte Tickets für Freitag und Sonntag, 210 für Samstag könnten zu wenig gewesen sein, um diese Veranstaltung fortzuführen. Man sollte nicht nur die Daumen drücken, dass dieses Festival im Jahr 2027 in eine neue Runde geht, sondern, viel wichtiger noch, für diesen Fall auch auf die Taste „Tickets kaufen“ im Internet klicken!


