Polychrome sind ein weiteres Beispiel für eine Band, die zwar sehr interessante Musik macht, aber selbst in der Szene weitestgehend unter dem Radar fliegt. Aber zum Glück gibt es Stone-Prog.de

Renald fragte bei den Brüdern Simon und Maxime Senizergues nach.

Was gibt es zur Entstehung von „Someday” zu sagen?
Simon: Die ersten Ideen für „Someday“ hatten wir nach unseren ersten Shows mit der Band im Jahr 2022. In diesem Jahr haben wir unser erstes Album als Duo veröffentlicht und wir entschieden, eine komplette Band zu gründen, um das Material auch auf die Bühne zu bringen. Diese frühen Konzerte waren unglaublich positiv. Lieder wie „I Feel Good“ und „The Dog and the Frog” entstanden ganz von selbst und die Energie dieser Momente formte den Rest des Albums. Danach schrieben wir spontan weiter, ohne uns irgendwelche Grenzen zu setzen. Als wir genug Material hatten, arbeiteten wir mit der ganzen Band an den Songs und den Arrangements. Jeder konnte seine eigene Note beisteuern. Manche Stücke brauchten etwas mehr Arbeit als andere, aber alles in allem war es kein Stress.
„Someday” ist also schon euer zweites Album!
Maxime: Ja, wie Simon schon sagte, unser Debüt „Equilibirium“ erschien 2022. Es ist ein zweiteiliges Konzeptalbum und erzählt die Geschichte einer Person auf der ständigen Suche nach dem inneren Gleichgewicht. Damals war der Prozess noch ein anderer, weil wir alles als Duo aufgenommen haben, mit der Hilfe einiger Musiker. Danach stießen Loick, Omar und Sergio zur Band und zusammen haben wir das zweite Album „Someday“ aufgenommen.

Was gibt es zu den Texten zu sagen?
Simon: Als wir die Songs für das Album komponierten, fielen uns bestimmte Textfragmente ein, die wir dann beibehielten, noch bevor die eigentlichen Texte geschrieben waren. Von diesen initialen Zeilen entwickelten sich dann die Texte weiter, sie waren wie kleine Ausgangspunkte für jedes Lied. Als wir weiter arbeiteten, stellten wir fest, dass ein Thema unbewusst immer wieder auftauchte, unser Verhältnis zur Zeit. So nahm das Konzept des Albums Form an. Das führte uns durch den weiteren Prozess des Schreibens, aber auch die Art und Weise, wie wir das Album strukturierten, besonders den musikalischen Fluss und die Reihenfolge der Songs. Das Konzept war also nichts was von Anfang an geplant war, es hat sich schrittweise selbst während des Schreibens offenbart.
Maxime: Das Album ist eine musikalische Reise durch den Verlauf eines Tages, eine Reflexion des Laufs der Zeit. Wir wollten hervorheben, wie klein die menschliche Präsenz auf der Erde wirklich ist, indem wir uns auf einen einzigen Tag „zoomten“ neben unzähligen anderen. Wenn du dann wieder herauszoomst, dann erkennt man, dass alles Teil eines endlosen Kreislaufs ist. Jeder Tag, jede Woche, jeder Monat und jedes Jahr folgen auf das nächste, sich unermüdlich selbst wiederholend. Die 24 stündige Reise wird zur Metapher für die ständige Bewegung, in der wir leben. Die Frage, die sich dann stellt, ist: Wie lange wird es dauern? „Someday“ beschwört eine unbestimmte Zukunft, einen Tag, offen für jedes mögliche Ereignis, einen undefinierten Horizont, auf den wir beides projizieren, unsere Hoffnung und unsere Zweifel. Wenn du ein Album aufnimmst, dann hältst du eine Emotion fest, einen Gedanken, und dann verwandelst du das in etwas, was einen bleibenden Eindruck hinterlässt, etwas, was in der Lage ist, das Vergängliche herauszufordern.
Also kann man sagen, dass ihr die Texte erst nach der Musik schreibt?
Simon: Für uns beginnt alles mit der Musik. Sie bewegt uns als erstes und spricht direkt zu uns, leitet unsere Gefühle und bestimmt die Richtung für den gesamten Song. Die Texte entstehen dann wie von selbst und mischen sich in diese emotionale Landschaft, sie werden ein Teil der Geschichte, die die Musik erzählt. Wir singen in Englisch, der Klang der Sprache ist integraler Bestandteil der Musik selbst, es ergänzt die Melodien und Rhythmen, und es fühlt sich mehr an wie eine Erweiterung der Gefühle als eine bloße Folge von Wörtern. Musik und Texte sind untrennbar und formen und erweitern sich gegenseitig.

Woher nehmt ihr eure Inspiration?
Simon: Es ist immer schwer, über Inspirationen zu reden und in Worte zu fassen. Ich würde sagen, unsere Inspiration kommt von verschiedenen Quellen. Manchmal sind es Momente in unserem Leben, Erfahrungen, die uns bewegen und die wir reflektieren. Oder sie wird durch das Entdecken von neuer Musik und Sounds geweckt, die neue Horizonte oder Ideen eröffnen. Oft ist es eine Mischung aus beidem, das Leben und die Musik ergänzen sich gegenseitig, das bringt uns dazu, neue Richtungen und Emotionen und unsere Arbeit zu erkunden.
Welche Künstler haben euch beeinflusst?
Simon: Diese Frage kurz zu beantworten wird schwierig, aber ich versuche es. Als wir zu komponieren begannen, hörten wir ständig die großen Progbands der Siebziger: Pink Floyd, King Crimson, Genesis und Yes. Das formt die Art und Weise, wie wir unsere Songs aufbauten, frei von formalen Einschränkungen. Das erste Mal, als ich The Dark Side Of The Moon hörte, hat es mich so umgehauen, dass ich wusste, ich würde mich den Rest meines Lebens daran erinnern. Diese Songs, die nahtlos ineinander übergingen, kreierten das Gefühl einer Einheit über das ganze Album. Das wurde eine Art Modell, dem wir folgten. Aber ich muss auch die Beatles erwähnen oder die Beach Boys, die einen beachtlichen Einfluss auf unseren Sinn für Melodien haben. Was den rhythmischen Standpunkt angeht, Discipline von King Crimson und die Kompositionen von Steve Reich – wie Electric Counterpoint – haben uns ermutigt, Polyrhythmen und sich wiederholende Muster zu entdecken. Was Harmonien angeht, haben und viele Künstler beeinflusst: Miles Davis, Chick Corea, und Jeff Beck beim Jazz; Gustav Mahler, Gabriel Fauré, und Maurice Ravel aus der Klassik. Harmonien sind wichtig für uns, denn wenn wir Musik hören, dann wollen wir von einer harmonischen Modulation oder einem unerwarteten Akkord überrascht werden. Das ist genau das Gefühl, das wir jedem vermitteln wollen, der unsere Musik hört.
Was macht ihr und die anderen Bandmitglieder neben Polychrome?
Maxime: Wir sind alle Musiker und wir sind auch Lehrer. Simon lehrt Piano, während Omar, Sergio und ich klassische Gitarre in unterschiedlichen Konservatorien rum um Paris unterrichten. Loick hat einen Background als Sound Engineer und unterrichtet auch an einer speziellen Schule. Neben Polychrome haben wir auch alle andere künstlerische Projekte, Simon arbeitet als Begleitmusiker für Violaine Simone. Omar, Sergio und ich spielen regelmäßig als Solisten in verschiedenen Kammermusikensembles. Und ich werde auch oft eingeladen, in Musicals oder Opern aufzutreten.
Ihr zwei seid Geschwister. Ist das ein Vorteil?
Simon: Ja, das macht es definitiv einfacher. Da ist eine natürliche, fast instinktive Verbindung zwischen uns. Wir vertrauen uns blind. Als wir zusammen aufwuchsen, haben wir alles geteilt: Basketball, Musik, Spielen und sogar unsere imaginären Welten. Dieses Band hilft Polychrome zu formen. Das gemeinsame Komponieren läuft wie von selbst, wir teilen dieselben Visionen und Ziele. Da ist eine Art natürliche Alchemie, wir brauchen nicht viele Worte, um den anderen zu verstehen.

Wie seht ihr das aktuelle Musikbusiness?
Maxime: Ich glaube nicht, dass es viele positive Aspekte des Musikbusiness gibt. Was wir beobachten ist, dass es heutzutage immer schwerer wird für Musiker, die keine Millionen von Streams haben, von ihrer Kunst zu leben. Die Art, wie wir heute durch die Streaming Plattformen Musik konsumieren, hat komplett verändert, wie wir Musik wertschätzen und wie Künstler gewürdigt werden. Als die Leute noch CDs oder Platten kauften, war da eine gewisse Verbindung mit dem Künstler und der Musik. Man hat Geld und Zeit investiert, um ein Album als Ganzes zu hören, und mehr Anerkennung kann es für einen Künstler nicht geben. Jetzt ist alles dematerialisiert, was bestimmt auch seine Vorteile hat. Aber leider oft auf Kosten der unabhängigen Künstler, die nicht angemessen bezahlt werden, betrachtet man die Qualität ihrer Arbeit.
Habt ihr Kontakt zu anderen Künstlern aus der Progszene?
Maxime: Noch nicht, aber wir hoffen, dass wir in der Zukunft die Chance haben, andere Künstler der Prog-Szene zu treffen und mit ihnen in Verbindung zu treten.
Und natürlich auch an euch diese Frage: Was haltet ihr von künstlicher Intelligenz?
Maxime: Ehrlich, ich sehe AI nicht nur mit negativem Aspekt. Aber wenn es um Musik geht, bin ich nicht wirklich sicher, welchen Zweck sie hat. Wenn du die große Anzahl von Künstlern und Talenten bei so vielen verschiedenen Stilen anschaust, dann fragt man sich, warum AI-generierte Musik auf Streamingplattformen auftaucht. Kunst und Musik sind zutiefst menschliche Dinge, bei denen sich auszudrücken und Gefühle den gesamten kreativen Prozess bestimmen. Automatisierung und Algorithmen gehören da nicht hin, es ist wichtig, die Authentizität jeder künstlerischen Arbeit zu erhalten, mit all ihrem Imperfektionismus. Auf viele Arten ist es auch das, was den Hörern erlaubt, sich damit zu verbinden.
Alle Bandfotos: (C) Gian-Luca Forlini
