Polychrome ist eine bislang noch weitgehend unbekannte französische Band, die im Jahr 2022 ihr erstes Album „Equilibrium“ veröffentlichte. Damals bestand die Band aus den beiden Brüdern Simon und Maxime Senizergues, die über eine klassische Musikausbildung verfügen. Während ihr Erstling noch mit Gastmusikern eingespielt wurde, haben die Brüder nun eine fünfköpfige Band auf die Beine gestellt, mit der sie im Januar dieses Jahres ihr zweites Werk mit dem Titel „Someday“ veröffentlichten. Dieses offenbart, dass die Senizergues, die alle Stücke komponiert haben, nicht nur auf klassische Wurzeln zurückblicken können.
Was ist Progressive Rock? Diese Frage ist m.W. bis heute noch nicht zufriedenstellend beantwortet (auch von Keith Emerson nicht), was daran liegt, dass die Bezeichnung „Progressive Rock“ für ein immens weites Feld von Stilrichtungen verwendet wird, die sich mit einem Schild mit der Aufschrift „Bis hierher und nicht weiter!“ nicht abgrenzen lassen, weder nach innen noch nach außen. Was das mit der Band Polychrome zu tun hat? Alles! Denn diese Formation reiht sich in eine Reihe französischer Bands wie Lazuli oder Ange ein, die sich noch mehr als andere Bands einer Kategorisierung weitgehend entziehen, sodass diesen der Stempel „Progressive Rock“ eher aus Verlegenheit denn aus Überzeugung aufgedrückt wird.

Tracklist
1. L’Aurore (2:58)
2. I Feel Good (6:51)
3. Daydreamer (4:52)
4. The Dog And The Frog (3:46)
5. Another Day (4:27)
6. Le Crépuscule (1:34)
7. Give Me Five (7:13)
8. Andy (8:09)
9. Remember (4:10)
10. L’Aube (3:15)
Schon das Konzept des Albums zeigt, dass Polychrome mit „Someday“ kein Album nach Konfektionsgrößen entworfen haben. Es beschreibt den Ablauf eines Tages, eröffnet mit dem Stück „L’Aurore“ (deutsch: „Die Morgenröte“), präsentiert im Mittelteil „Le Crépuscule“ („Die Dämmerung“) und endet folgerichtig mit „L’Aube“ („Der Tagesanbruch“), spiegelt somit 24 Stunden im Leben eines Menschen auf diesem Planeten wider. Trotz der genannten drei französischen Titel, gesungen wird in Englisch. Dabei bedienen sich die Stücke einer Vielzahl von Musikstilen und Rhythmen, Harmonisches trifft auf Disharmonisches, Jazz, Blues und Funk infiltrieren Rock, Tempi wechseln mitunter von Vollgas zu Vollbremsung (mehrfach sogar in „Give Me Fire“). Und das Unglaubliche daran: alles wirkt organisch, nichts künstlich zusammengefrickelt. Hier klingt eine Passage akribisch durchkomponiert, im nächsten Moment einfach nur spontan und locker vom Hocker gespielt. Eine Beschreibung der einzelnen Stücke würde Seiten füllen, zu viel Verschiedenes geschieht darin, zu viel gibt es mit jedem weiteren Mal Hören zu entdecken. Zudem sollte das Album im Ganzen gehört werden.
Die Band nennt als ihre Vorbilder u.a. die Beatles, King Crimson, Genesis und Pink Floyd, aber auch Minimal Music. Ich würde den Genannten noch 10 cc hinzufügen, da die Gesangsharmonien der beiden Sänger mitunter ähnlich filigran klingen wie diejenigen dieser britischen Kult-Band aus den 70er Jahren und da jedes einzelne Instrument einen ähnlich gleichwertigen Beitrag zum Ganzen leistet wie bei diesen. Und so zeigt sich die Zuordnung der Musik von Polychrome zum Progressive Rock als völlig gerechtfertigt, da ihre musikalische Spannweite vergleichbar groß ist wie die des ganzen Genres.
Im Fazit ist „Someday“ ein außergewöhnliches Album einer Band, der hiermit hoffentlich mehr Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit zukommen wird. Wer musikalische Vielfalt mit großem Einfallsreichtum bevorzugt, wird hier allerbestens bedient.

Musiker
Maxime Senizergues: Guitar, Vocals
Simon Senizergues: Keyboards, Vocals
Omar Nicho: Guitar, Background Vocals
Sergio Santiago: Bass
Loïck Tournois: Drums
Graphic Design: Nabil Amara
Label: Polychrome Music
