Polis: „In einer Zeit der Oberflächlichkeit und digitalen Kälte setzen wir Neue Deutsche Romantik entgegen. Über mächtigem Rockbombast thront eine poetische Sprache, die von Innerlichkeit, Sehnsucht und der Konfrontation mit dem Abgrund erzählt. Ein neues Leuchtfeuer in der dahinsiechenden deutschen Kulturlandschaft.“ Diese fünf jungen Männer aus Plauen sind, für uns nicht überraschend, eine bärenstarke und kreative Einheit. Das Quintett Polis wurde im Frühjahr 2010 nach etwas Vorlauf blitzschnell gegründet, haben inzwischen vier außergewöhnliche Studiowerke und das Live-Album Unterwegs I veröffentlicht. Und die pilgernden Barden der Rock-Musik haben von Beginn an eine klare Richtschnur an der sie sich durch den Zeitstrom arbeiten und darin unterwegs deutliche deutschsprachige Botschaften hinterlassen die es wahrlich in sich haben.

Tracklist (Vinyl)
A1 Der Kreis
A2 Der Berg
A3 Die Einsamkeit
A4 Das Erste Leuchtfeuer
A5 Weltenwinter
A6 Pilger
A7 Reprise
EINS (2011), SEIN (2014), Weltklang (2020) und nun Pilger (Sireena Records) zeigen schon mit relativ treffsicheren Titeln an, was sich hinter diesen Botschaften versteckt. Auch das Design, die künstlerische Gestaltung und die Lyrik unterstreichen das. Und wer, wie wir, in der letzten Zeit diese fünf Musiker Live erlebt hat, der wird gespürt haben das sie ihre Kompositionen nicht nur vortragen, sondern regelrecht kollektiv durchleben. Wir haben viele der Bands mit denen die Plauener Truppe inzwischen berechtigt verglichen werden, zum Teil mehrfach zu unterschiedlichen Karrierestationen, selbst erlebt. Empfehlenswert ist hierzu noch die deutschsprachigen Alben von Anyone’s Daughter der Frühphase Anfang der 80er.
Von jeder dieser deutschsprachigen Bands steckt eine Brise auch in Polis, aber diese Formation ist nicht nur wegen ihrer zeitgemäßen Musik (Instrumentierung und Gesang) und Lyrik eine Besondere, sondern auch wie sie sich vom ersten Wimperschlag an in Arbeitsweise, Grafik & Design, involvieren Dritter (Gastmusiker, Techniker, Gestalter) und Promotion positioniert. Das Mantra auf Weltklang, wir haben es inzwischen Live ein Dutzend Mal genossen, zeigt signifikant ihr kollektives Denken und Handeln. Nach vier großartigen Studio-Alben mit ihrem Konzept, haben sich diese äußerst sympathischen deutschen Musikanten inzwischen ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet. Ähnlich wie die südfranzösischen Gallier von Lazuli. Und beide haben auf unterschiedliche Art und Weise sowie ungeplant eine Botschaft für alle auf diesem blauen Planeten. Taucht ein in Musik in Landessprache und geht auf eure eigenen Pilger-Reisen.
Sechs Jahre scheint deren Rhythmus zu sein, im Zeitstrom ein Wimperschlag. Und sie setzen nicht wie zurzeit massenhaft auf Hast, Eile und Schnelligkeit, sondern auf Qualität und Aussagekraft. Und genau mit diesen Attributen knüpft Polis diesmal auch an ihre musikalische Pilger-Reise an. Material für diesen Zyklus haben sie genug gesammelt. Denn eine Pilgerschaft kann auch in Etappen verlaufen oder auch an einer ganz anderen Stelle neu begonnen werden. Das wichtige ist, warum sie diesen gemeinsamen Weg so gehen. Mal sehen mit was sie uns in ihrem zweiten Teil, das Material ist bereits erarbeitet, noch überraschen werden. Nach fast 20 Jahren besteht das Quintett immer noch aus Christian Roscher (Gesang), Christoph Kästner (Gitarren), Marius Leicht (Tasteninstrumente), Andreas Sittig (Bass) und Sascha Bormann (Schlagzeug). Pilger wurde im Band-eigenen Weltklang Tonstudio Plauen aufgenommen, wie bereits das Vorgängeralbum Weltklang.
Das Konzept-Werk Pilger beginnt mit Der Kreis. Die eingeblendeten Laufgeräusche eines Film-Projektors zu Beginn unterstreicht, dass es die Vorführung einer Reise wird, die Musik und die Lyrik dabei bei jedem Hörer die Gestaltung des Films individuell steuern soll. Wieder so ein genialer kompositorischer Schachzug der Plauener. Schon hier zu Beginn entwickelt sich danach ein Rock-Monster, kollektiv gestaltet von allen Instrumenten und dem signifikanten Gesang von Christian Roscher. Bei der zweiten sehr symphonischen Komposition Der Berg wirkte zusätzlich noch ein 5-köpfiges Streicher-Ensemble und drei Vokallisten mit. Der 9-minütige Titel 3: Die Einsamkeit und 4: Das Erste Leuchtfeuer waren auch schon einige Jahre im Live-Programm integriert und wurden bereits auf Unterwegs I als starke Live-Versionen veröffentlicht. Beim etwas ruhigeren Weltenwinter wechselt die Reise wieder hin zu mehr Balladeskes, akustische Gitarre und zurück genommener Gesang unterstreichen das. Zum Schluss das Opus Magnum mit Pilger. Mit dem nicht ganz zweiminütigen Titel Reprise klingt das Album dann nach fast 45 Minuten erhaben aus. Hiermit übernimmt Polis noch einmal das Thema vom Eröffnungstitel Der Kreis, allerdings in einem anderen Arrangement, temporeduziert und symphonischer. Noch so ein cleverer, kompositorischer Schachzug, man möchte direkt wieder auf die Start-Taste drücken und alles von vorne beginnen lassen.
Auch wenn das Front & Rück-Cover auf den ersten Blick etwas von Düsternis ausstrahlt, so ist das weder in der Musik eindeutig zu verorten noch in den Texten. Ich möchte sagen, es hat etwas von Erhabenheit. Wenn man das dreiteilige Digi-Sleeve aufklappt, sieht man eine Szenerie die auf einen Reisenden zu Fuß im Hochgebirge hindeutet. Es kann aber auch ein Pilger sein. Ich habe solche Momente, mit so dramatischen Szenerien, mehrere Dutzend mal selbst erlebt, habe mich winzig und unwichtig gefühlt, wurde dabei nachdenklich und demütig. Jeder, der das selbst erlebt hat, weiß wovon ich rede. Wer es noch nicht erlebt hat oder auch nicht mehr kann/will, der sollte sich die Bilder des Covers und Büchlein anschauen, dazu die Musik genießen und eintauchen in seine eigene kleine Pilger-Reise. Wem das jetzt zu abstrakt geworden ist, verstehe ich gut, aber das sind meine Gefühle beim „Konsum“ dieses sehr schönen und zeitgemäßen Albums.
