Livereport: Art Musik Festival 2026 – Rostock, MAU Club

Das Art Musik Festival, das 2025 erstmals auf der Galopprennbahn Bad Doberan stattfand, geht in diesem Jahr in seine zweite Runde – allerdings nicht ohne Hindernisse. Als Ableger der Zappanale, die seit 1990 am selben Ort veranstaltet wird, verfolgt es den Anspruch, musikalische Vielfalt zu erschwinglichen Preisen zu präsentieren. Mit mehr als 400 Besucherinnen und Besuchern konnte der Veranstalter bei der Premiere zufrieden sein. Für 2026 hoffte man auf eine noch größere Resonanz. Doch eine Klage wegen lauter Musik auf der Rennbahn bremste die Planungen aus. Glücklicherweise fand sich mit dem Verein Zabrik e.V., der den Rostocker M.A.U. Club betreibt, kurzfristig eine Ausweichmöglichkeit. Der Umzug nach Rostock hatte jedoch Folgen. Viele Fans, die bereits Tickets erworben und zugleich mit einer Campingmöglichkeit an der Galopprennbahn gerechnet hatten, stornierten ihre Teilnahme. Ein herber Rückschlag – aber kein Grund, das Festival ausfallen zu lassen.

Tag 1, 02.07.2026

Wir finden uns am frühen Donnerstagabend im M.A.U. Club ein, direkt am Rostocker Stadthafen gelegen. Drei musikalische Acts stehen auf dem Programm. Vertraut ist uns davon lediglich der Headliner t aka Thomas Thielen & Band.

Den Auftakt macht das Göttinger Duo Gagaman. Der Name lässt bereits erahnen, dass es ein wenig „gaga“ zugehen könnte – und tatsächlich entwickelt sich nach einem zunächst sphärischen Einstieg, erzeugt mit Bassgitarre und diversen Effektgeräten, eine wilde Mischung aus überwiegend instrumentalem Progressive Post-Stoner, Doom und Metal.

Hypnotisch, aggressiv und treibend zugleich entfaltet die Musik schnell ihren Reiz – besonders, wenn Bassist RC wie entfesselt über die Bühne springt oder sich kurzerhand ins Publikum begibt. Gelegentlich singen die beiden Protagonisten auch bzw. artikulieren tiefe Growls. Neben eigenen Stücken kündigen sie ein U2-Cover an, das für mich allerdings nicht als solches erkennbar ist. Alles in allem: ein cooler Auftakt.

Mit der nächsten Band folgt mein persönliches Highlight des Abends: Phalanx. Vier Musiker aus Köln, Bonn, Dortmund und Bremen erschaffen mit Piano, Schlagzeug, Kontrabass und Gitarre ihren ganz eigenen Klangkosmos. Ausgehend von elegischen Klaviermotiven entwickelt das Quartett einen oft wilden, zugleich hochsensiblen Mix aus Jazz und avantgardistischem Rock bis hin zu metallischen Ausbrüchen.

Ruhige, verspielte Passagen münden in ausladende Improvisationen, in denen Gitarrist Axel Zajac sein 8-saitiges Instrument auch mal eindrucksvoll kreischen lässt. Die Musik von Phalanx strotzt vor Ideenreichtum und Schönheit. Im hellwachen, gegenseitig inspirierenden Zusammenspiel von Pianist und Bandleader Mathieu Bech, Bassist Xaver Feest, Schlagzeuger Johannes Pfingsten und Gitarrist Axel Zajac entstehen immer wieder Momente, die mich völlig in ihren Bann ziehen. Hinzu kommt die ausgesprochen sympathische Art, mit der Mathieu Bech durch das Programm führt. Kurzum: Phalanx wissen zu begeistern.

t aka Thomas Thielen & Band setzen anschließend einen deutlichen Kontrast zu dem zuvor Gehörten. Thomas Thielen nimmt seine Alben als Multiinstrumentalist üblicherweise im Alleingang auf. Seine Musik ist von großer musikalischer wie textlicher Komplexität geprägt und kann manche Hörerinnen und Hörer durchaus herausfordern.

Charakteristisch ist vor allem sein Gesang, der mitunter an Marillions Frontmann Steve ‚h‘ Hogarth oder an David Bowie erinnert. Seine Kompositionen sind melodienreich, zugleich aber oft vertrackt arrangiert, was ihnen eine unverwechselbare Eigenständigkeit verleiht. Als Headliner präsentieren er und seine hervorragend eingespielte Band an diesem Abend ausgewählte Stücke aus seinem Schaffen – ein würdiger Abschluss des ersten Festivaltags.

Tag 2, 03.07.2026

Zur Freude des Veranstalters strömen an diesem Freitag deutlich mehr Gäste in den M.A.U. Club als am Tag zuvor. Das Programm verspricht auch wieder viel Abwechslung.

Welcome Inside The Brain aus Leipzig stehen als Erste auf der Bühne. Schon der eröffnende Song, der zunächst balladesk beginnt, mündet in eine wilde, psychedelische Improvisation. Mit dem Spruch „Kommt nach vorne, dann spielen wir lauter“ begrüßt Sänger Frank ‚Franky‘ Mühlenberg das Publikum.

Seine expressive Art zu singen und die allgegenwärtigen Orgelsounds lassen Erinnerungen an die Musik der Doors wach werden. Franky ist permanent in Bewegung und besitzt eine enorme Bühnenpräsenz, sodass auch das Zuschauen großen Spaß macht. Unbedingt hervorzuheben sind zudem die fantastischen Gitarrensoli von Georg Spieß.

Die atmosphärische Tiefe der Musik von Welcome Inside The Brain zeigt einmal mehr, wie spannend moderner Prog sein kann. Beispielhaft dafür steht das komplexe Stück „Celebrate the Depression“ von ihrem Debütalbum, das durch die intensive Performance des Sängers zum Highlight des Konzerts wird. Großes Kino.

Als Nächstes steht JPH auf dem Programm. Die Formation gestandener Herren aus der Region Kühlungsborn/Bad Doberan, ist Eingeweihten besser als Jazzprojekt Hundehagen bekannt. Gegründet wurde das Projekt bereits 1999. Seither hat es sich vor allem als Live-Act auf der Zappanale einen Namen gemacht.

Neben eigenen Stücken, die man durchaus als zappaesk bezeichnen kann, spielt die Band an diesem Abend selbstverständlich auch Songs des Meisters selbst. Den Musikern ist die Freude an ihrem Hobby jederzeit anzumerken – besonders dann, wenn es ans Improvisieren geht. Feine Gitarrensoli und ausgelassene Piano- oder Synthesizerpassagen verleihen der Musik das gewisse Etwas.

Ein besonderes Highlight ist „Dawn“ vom Mahavishnu Orchestra, das durch das Violinspiel der zwölfjährigen Emilia – der Tochter des Keyboarders – zusätzlich bereichert wird. Mich überzeugt die Band vor allem durch die Virtuosität ihrer Instrumentalisten.

Die nächste Band trifft meinen Musikgeschmack dann nicht mehr, findet an diesem Abend jedoch ebenfalls ihr Publikum. Schon der Soundcheck der Rostocker Band Confusion Master lässt erahnen, dass es nun deutlich lauter werden wird – und genau so kommt es. Schwere Gitarrenriffs verbinden sich mit eingespielten Sprachsequenzen und gelegentlichem, eher monotonem Gesang zu einer Musik, die sich wohl am ehesten als Doom oder Death Metal beschreiben lässt. Die Band selbst nennt ihren Sound „Electric Sabbath Action Doom“. Bei mir bleiben vor allem die extreme Lautstärke, tiefe Gitarrensounds und viel Pose des Sängers hängen.

Der Sound- und Lichtcheck für den Headliner des Abends zieht sich zwar etwas in die Länge, doch das fällt kaum ins Gewicht, denn in den Umbaupausen wird das Dionysos Wizdom Theater aktiv. Hinter diesem Namen steht der Musiker Anton Kodlin, der mit Keyboards, Effektgeräten und Gitarren vielschichtige Klanggemälde aus verschiedensten musikalischen Genres entstehen lässt.

Schon den ganzen Tag über weist die Band Thoughts an ihrem Merch-Stand darauf hin, dass während ihres Konzerts verstärkt mit Stroboskop-Licht zu rechnen ist. Tatsächlich baut das Rostocker Trio zusätzlich zahlreiche Scheinwerfer und weitere Leuchtmittel auf. So wird der kurz nach Mitternacht beginnende Auftritt zu einem durchkonzipierten Ritt durch eine instrumentale Wall of Sound und Licht-Effekten: harte Metal-Riffs treffen auf wildes Drumming und finden immer wieder Raum für ruhige, beinahe sanfte Passagen. Die Band agiert ausgesprochen professionell, sodass die Mischung aus kraftvollem, atmosphärischem Progressive Metal und computergesteuerter Lightshow zu einem beeindruckenden Erlebnis wird.

Tag 3, 04.07.2026

Das Festivalgeschehen beginnt heute bereits um 14:00 Uhr. Dieser frühe Termin passt nicht in unser Konzept, so dass wir die Lesung von Frank Schäfer verpassen, der sein Buch »Nötes of a Dirty Old Fan: Metal Stories« vorstellt. Das Buch erhielt hervorragende Kritiken und wird als Lese-Tipp angepriesen.

Die letzten Takte der Band Lazar bekommen wir gerade noch mit. So lautstark und druckvoll, wie der Freitag musikalisch endete, startet auch das Samstagsprogramm. Die Instrumental-Post-Rock-Band aus Hamburg lässt es am Nachmittag ordentlich krachen. Ihre Musik bewegt sich zwischen dunklen Klangwelten und hellen Harmonien. Mal dominieren verzerrte Riffs, dann wieder klare, effektbehaftete Gitarrenklänge. Eine interessante Neuentdeckung.

Deutlich entspannter geht es bei Michael Dühnfort & The Noise Boys zu. Von der Bühne kommt erdiger, kraftvoller Bluesrock, der mit sichtbarer Spielfreude zelebriert wird. Sänger und Gitarrist Dühnfort sowie Bassist Steffen Schmidt suchen sofort den Kontakt zum Publikum. Zunächst wird jedoch – sehr zur Freude der Fotografen – etwas mehr Bühnenlicht eingefordert, damit die Musiker ihre Notizen erkennen können und selbst nicht nur als Schemen zu sehen sind.

Mit ihrer Mischung aus Boogie-lastigem Bluesrock, einer Prise Südstaatenrock und einer Portion Rock’n’Roll wissen Michael Dühnfort und seine „Boys“ schnell zu begeistern. Treibender Groove, Dühnforts markanter Gesang und vor allem sein brillantes Gitarrenspiel, bei dem immer wieder der Bottleneck zum Einsatz kommt, erzeugen einen energiegeladenen Sound, der an diesem frühen Abend viele Fans findet.

Die Band Glasgow Coma Scale galt im Vorfeld des Festivals als eines der zu erwartenden Highlights. Umso bedauerlicher, dass der Auftritt ausfiel – zumal dies offenbar nirgends angekündigt worden war. Als Ersatz springt das Rostocker Duo Klatsche ein und bringt wuchtigen instrumentalen Death Metal auf die Bühne.

Schon der Bandname und Songtitel wie „Breitseite“, „Bremsversagen“ oder „Rhabarbera Wuchtbrumme“ lassen erahnen, was die beiden Protagonisten live zelebrieren. Schlagzeuger Julian Hahn und Gitarrist Hanns von Rein geben dem Publikum tatsächlich die volle Breitseite. Vertrackte Gitarrenriffs treffen auf wildes Drumming – eine Mischung, die nicht nur die beiden Musiker ordentlich ins Schwitzen bringt. Auch die zahlreichen Fans des Duos, inklusive Familie und Kinder, schwitzen begeistert mit.

Instrumentaler Bluesrock mit weiblicher Schlagzeugpower – so lässt sich die Musik des Trios Stinking Lizaveta aus Philadelphia kurz und treffend beschreiben. Schon beim ersten Song spielt Drummerin Cheshire Agusta mit solcher Intensität, dass die große Trommel beinahe vom Podest stürzt. Um ihr Drumset wieder sicher zu verankern, legt sie mit Hammer und Schrauben kurzerhand selbst Hand an.

Danach geht die Post erst recht ab. Die Brüder Yanni und Alexi Papadopoulos an Gitarre und Bass liefern brachiale Riffs und wilde Improvisationen, während Cheshire Agusta für einen druckvollen Groove sorgt. Besonders hervorzuheben ist das fantastische Gitarrenspiel von Yanni Papadopoulos, der sein Instrument auch schon mal an der Bühnenkante malträtiert.

Und schon sind wir beim dritten Headliner des Festivals angelangt. Das Trio Baron Crâne aus Frankreich überrascht mit einem vielschichtigen Mix aus eingängigen Riffs, einer ordentlichen Portion Jazz-Rock und Funk sowie angenehm eingesetzten Gesangspassagen. Die meist mitreißenden Songs wissen selbst zu dieser späten Stunde noch zu begeistern. Insofern erweisen sich Baron Crâne als würdiger Abschluss dieses kleinen, aber feinen Festivals. Hoffen wir auf eine Fortsetzung des Art Musik Festivals im nächsten Jahr. Dann möglichst wieder auf der Galopprennbahn in Bad Doberan.

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