Fiktiver Dialog zwischen zwei ebenso fiktiven Proggern: „Du, ich wollte Dich mal auf Genesis ansprechen.“ „Klasse Band! Supper’s Ready, The Lamb, Selling England, alles grandios, bis Gabriel / Hackett wegging!“ (Nicht Zutreffendes bitte streichen) „Ja ja, aber ich wollte mit Dir über From Genesis To Reve…“ „Kenne Ich nicht!“ „Nun lass mich doch erst einmal ausreden, also über …“ „Kenne ich nicht!“ – Tja, es gibt viele Bands, die Leichen im Keller haben. So gab es bei IQ mal eine Pop-Phase, hatten Saga mal ein Album ohne Michael Sadler am Mikro produziert, aber solch eine Leiche wie Genesis mit ihrem Debütalbum „From Genesis To Revolution“ hat wohl kaum eine andere Band im Keller. Ganze 650 Exemplare verkauften sich damals in Großbritannien (nicht Tausend, sondern Stück), als das Album 1969 erschien (wohl auch, weil der Titel religiöse Musik erwarten ließ). Es unterschied sich gravierend von den folgenden Werken der Briten, obwohl mit Gabriel, Banks und Rutherford bereits künftige Prog-Giganten an Bord waren.

Tracklist
1. In The Beginning (3:29) / Interlude (0:53)
2. Fireside Song (3:29) / Interlude (0:49)
3. The Serpent (4:06) / Interlude (0:15)
4. The Conqueror (3:14) / Interlude (0:44)
5. Build Me A Mountain (4:10) / Interlude (0:26)
6. One Day (3:32)
7. In The Wilderness 3:21) / Interlude (0:30)
8. Where The Sour Turns To Sweet (3:30)
9. In Hiding (2:50)
10. Image Blown Out (3:05) / Interlude (0:32)
11. Am I Very Wrong? (2:44) / Interlude (0:19)
12. Window (2:56)
13. Visions Of Angels (5:36) / Interlude (0:28)
14. In Limbo (3:44)
15. A Place To Call My Own (6:40)
Das wissend, erscheint es doch mehr als mutig, dass sich in den letzten Jahren eine deutsche Band namens The Ant Band daran begeben hat, dieses Album zu überarbeiten und unter dem Namen „From Genesis To Reimagination“ neu eingespielt auf den Markt zu bringen. Und auch wenn die Band von Mastermind Tom Morgenstern bunt zusammengestellt ist, so fehlt es ihr doch nicht an Qualität. So sind zum Beispiel die Musiker Bert Wenndorff, Damian Krebs und Christoph Piel von der vorzüglichen Band Dawnation mit am Werk. Aber auch die Familie lässt Tom Morgenstern nicht zu kurz kommen: seine Tochter Nina und sein Sohn Robin teilen sich die Lead Vocals und sein Bruder Roland Manns bearbeitet bei sieben Stücken die Drums.
The Ant Band hat es sich dabei nicht nehmen lassen, das ursprüngliche Werk in seiner ursprünglichsten Zusammenstellung aufzunehmen, also einer anderen Zusammenstellung als der seinerzeit auf Schwarzrille veröffentlichen, was sich in einer gegenüber dem damaligen Release-Stand geänderten Reihenfolge und einer nicht deckungsgleichen Tracklist niederschlägt. So finden sich hier drei Stücke, die es damals nicht auf das Album geschafft hatten („Build Me A Mountain“, „Image Blown Out“, „Vision Of Angels“; letzteres sollte erst in einer erweiterten Fassung auf „Trespass“ erscheinen), während ein damals veröffentlichtes Stück wegfiel. Auch wurden die Stücke musikalisch überarbeitet. So wurden zum Beispiel damalige Fade Outs in definierte Enden umgeschrieben und die vielen Geigeneinsätze des Originals eliminiert. Um es gleich zu sagen: weder bei „From Genesis To Revelation“ noch bei „From Genesis To Reimagination“ handelt es sich um Prog reinsten Wassers. Das Original aus dem Jahr 1969 ist ein Kind seiner Zeit, nämlich der 60er Jahre. Und The Ant Band zeigt mit ihrem Album genug Respekt vor diesem Faktum, um die Stücke nicht einfach komplett auf den bevorzugten Sound der 2020er Jahre umzukomponieren. Was ihnen großes Lob eingebracht hat von jemandem, der es wissen muss: dem damaligen Genesis-Gitarristen und Background-Sänger Anthony Phillips, der sich auf dem Album-Cover sehr lobend über das Unterfangen und das erzielte Ergebnis äußert.
Und so ist „From Genesis To Reimagination“ ein Album geworden, das mit moderner Aufnahmetechnik die Musik der Mitt- und End-60er zelebriert. Das hat klanglich mehr mit den Beatles oder Herman’s Hermits als mit den nachfolgenden Genesis ab „Trespass“ zu tun. Aber es ist anhörbar, SEHR anhörbar sogar. Zwar mögen gestandenen Proggern die instrumentalen Ausflüge ins Progressive fehlen, doch klingt das vorliegende Werk wie frisch aufs Notenblatt komponiert. Und Stücke wie „The Conqueror“ (einschließlich des überraschenden ZItats aus dem „Schwanensee“ von Peter Tschaikowsky), „In Hiding“ oder „Image Blown Out“ erinnern an die Fab Four – und das ist nicht das Schlechteste, was man über ein Album sagen kann!
Im Fazit ist es Tom Morgenstern mit seinen Mitstreitern gelungen, ein längst (teilweise bewusst) vergessenes Album mit viel musikalischem Feingefühl nicht nur wiederzubeleben, sondern sogar aufzupäppeln und neu erstrahlen zu lassen. Um mit dem Namen einer anderen britischen Band zu sprechen: „Hats Off Gentlemen It`s Adequate“!
Musiker
Tom Morgenstern: Lead Guitar, 12-String-Guitars, Bass, Fretless Bass, Cajón, E-Bow, Mellotron, Organ, Drums Programming, Backing Vocals
Bert Wenndorff: Piano, Keyboards, Mellotron, Organs
Damian Krebs: Drums
Roland Manns: Drums
Gereon Schoplik: Classical Guitar, Waldzither, Chor
Jan-Peer Hartmann: Lead Guitar, Classical Guitar, Rhythm Guitar, Mandolin, Oud, E-Bow, 12-String Acoustic Guitar
Martin Brilla: Organ, Strings, Taurus, Mellotron, Minimoog, Piano, Flute, Virtual Brass Band, Tubular Bells, Glockenspiel, Chor
Sascha Krieger: Lead Guitar, Rhythm Guitars, 12-String Acoustic Guitar, Acoustic Guitar, Tambourine, Bass, Keyboards, Backing Vocals
Nina Morgenstern: Lead Vocals, Backing Vocals, Chor
Robin Morgenstern: Lead Vocals, Backing Vocals
Peter Mustó: Keyboards
Christoph Piel: Lead Guitar
Stefan Störmer: Organ
David Dunnington: Party Blower
Artwork Design: Tom Morgenstern Label: TM Productions
