Kommt dieses Album ein Jahr zu spät, ein paar Jahre zu früh – oder gerade richtig? Denn gerade einmal ein Jahr ist es her, dass die aus Sizilien stammende Band Alcantara ihr zweites Studio-Album „Tamam Shud“ auf den Markt gebracht hat. Und nun, schon ein Jahr später, veröffentlicht sie den Live-Mitschnitt eines Konzertes im heimischen Zo Centro Multiculturale in Catania. Und auf diesem präsentiert sie just das komplette „Tamam Shud“-Album (das ist Persisch und heißt auf Deutsch „Es ist vorbei“) sowie ausgewählte Stücke aus ihrem Debütalbum „Solitaire“ aus dem Jahr 2019.

Tracklist
1. Terry G. (8:17)
2. Il Distacco (8:55)
3. Distant Star (5:38)
4. Tamam Shud (6:47)
5. Sail (6:28)
6. Wodwo/Vertigo (7:13)
7. Treefingers (6:34)
8. Logan (5:50)
9. After The Flood (9:32)
10. Seasons (10:22)
Alcantara finden mit „Terry G.“ einen großartigen Einstieg in dieses Konzert und zeigen sofort, dass sie nicht ganz zu Unrecht mit Bands wie Airbag, Porcupine Tree, RPWL oder Riverside verglichen werden. Die eindringliche Stimme von Sänger Sergio Manfredi Sallicano, das facettenreiche und großartige Spiel der drei Gitarristen, die unaufdringliche Keyboard-Begleitung zeugen von höchstem Niveau und perfektem Zusammenspiel in dieser Band. Und dass größtenteils auf Italienisch gesungen wird, unterstützt den positiven Gesamteindruck noch einmal. Die Musik ist atmosphärisch und mit psychedelischen Elemente versehen, ohne hierbei die Spannung in den einzelnen Stücken zu vernachlässigen. Dies zeigt sich insbesondere im zweiten Stück „Il Distacco“ (auf Deutsch „Die Trennung“), das von der ersten Sekunde an überzeugt.
Dass es Sallicano auch versteht, auf Englisch zu singen, beweist er zum ersten Mal auf diesem Album auf „Distant Star“, in dem Alcantara zudem in Sachen Härte anziehen. Umso atmosphärischer fällt das folgende „Tamam Shud“ aus, in dem das Keyboard eine stärkere Rolle spielt und das zum Ende hin mit seinen gefühlvollen Gitarrenpassagen zum Träumen einlädt. Mit dem harmonisch-verspielten „Sail“ und dem atmosphärisch beginnenden, mit orientalisch klingenden Elementen durchsetzten und zum Ende hin düster-orchestral klingenden „Wodwo/Vertigo“ („Wodwo“ ist die altenglische Bezeichnung für einen Waldgeist) endet der Vortrag der Stücke des „Tamam Shud“-Albums.
Der Auftakt zum zweiten Teil, der vier Stücke des Debütalbums „Solitaire“ von Alcantara umfasst, beginnt düster mit Sprach-Samples und getragenen Keyboard-Klängen, um in eine lange Gitarren-getriebene Passage überzuleiten. Dies erinnert sehr an Pink Floyd, die für Alcantara zu Beginn ihres Bestehens ein großes Vorbild waren. Floydig-abwechslungsreich geht es mit „Logan“ weiter, wobei Gesang und Gitarre im Mittelpunkt stehen und Alcantara ihr Talent für filigrane Kompositionen beweisen. Der vorletzte Track „After The Flood“ zeigt Singer-/Songwriter-Qualitäten, um zur Mitte und zum Ende hin langflorige Gitarrenteppiche auszubreiten. Das abschließende „Seasons“, der einzige 10 plus x-Minuten-Track auf diesem Album, liefert melodisch-psychedelischen Prog der Güteklasse A und endet mit einem Finale, das sich ganz auf Gesang und Akustikgitarre verlässt. Selten hat bei mir ein Live-Album einen solch runden Eindruck hinterlassen!
Im Fazit stellt sich nun die Frage: „Was tun mit „In Concert“?“ Die Frage nach musikalischer und klanglicher Qualität dieser Live-Aufnahme stellt sich nicht, denn diese sind großartig. Kennt man die beiden Studio-Alben von Alcantara nicht, dann ist „In Concept“ kein „Sollte“, sondern ein „Muss“. Die Studiofassungen der zehn Stücke sind perfekter produziert, die Live-Versionen jedoch klingen intensiver und authentischer, nicht zuletzt durch den Live-Gesang und sind damit ebenso ein „Muss“ für Kenner von Alcantara. Und so beantwortet sich die eingangs gestellte Frage nach dem richtigen Zeitpunkt von selbst: solch eine Musik kann niemals zum falschen Zeitpunkt kommen!
Musiker
Francesco Venti: Lead Guitars
Sergio Manfredi Sallicano: Vocals
Vittorio Distefano: Guitars
Salvo Di Mauro: Guitars
Rosario Figura: Drums
Danilo Montagnino: Bass
Alessandro Caltabiano: Keys
Label: OSKAR Records
