Livereport: Jon Anderson & The Band Geeks, Stockholm, Cirkus, 03.10.2026

Lange haben die Fans hier auf diese Tour warten müssen: Jon Anderson & The Band Geeks kommen zum ersten Mal nach Europa! Nach nun schon vier Jahren der Existenz dieser Combo eilt ihr der Ruf voraus, Musik von Yes (bekanntermaßen eine der festen Säulen des Progressive Rock überhaupt) technisch herausragend und hochemotional präsentieren zu können. Mindestens drei größere Tourneen in den Staaten hat es schon gegeben. Fans loben die Konzerte in den sozialen Medien in den höchsten Tönen. Die Band gibt sich aber nicht nur live und nostalgisch: Mit „True“ legen Jon Anderson & The Band Geeks 2024 ein eigenes Album mit komplett neuer Musik vor. Und ohne jetzt wieder Öl ins Feuer der Diskussion zu gießen, wer nun die besseren Yes seien, muss man schon sagen, dass dieses Album besser und authentischer nach den alten Prog-Barden klingt als alle Alben der Band mit dem Namen Yes seit mindestens 15 Jahren.

Die Gesichter der Fans werden aber lang, als sich die Stationen dieser Europatour manifestieren. Denn neben elf Terminen in Großbritannien gibt es nur fünf Konzerte in Kontinentaleuropa: zwei in Schweden, zwei in Polen und eins in Frankreich. Das wars. Viele schmollen traurig dahin; wir entscheiden uns, das Konzert in Stockholm zu besuchen. Was will man machen? Jon wird in diesem Monat 82 Jahre alt, und ob es weitere Chancen gibt, Jon Anderson & The Band Geeks noch einmal in Europa zu erleben, darf bezweifelt werden. Also Ticket geschossen, Flieger gebucht und los geht’s.

Der „Cirkus“, der Ort des heutigen ersten Konzertes von Jon Anderson & The Band Geeks in Kontinentaleuropa überhaupt, ist nur einen Steinwurf vom Abba-Museum und vom Vergnügungspark Gröna Lund entfernt. Etliche Gaststätten ebenfalls in unmittelbarer Nähe bieten Gelegenheit, erst einmal anzukommen, sich mit selten gesehenen schwedischen Freunden zu verabreden und über den gemeinsamen Geschmack zu fachsimpeln. Der „Cirkus“ ist eine altehrwürdige Arena, die als fester Zirkus bereits im Jahr 1869 erbaut wurde. 1.650 Zuschauer finden in der runden Arena Platz und geben diesem besonderen Konzert die richtige Atmosphäre. Im Auditorium sieht man auch so manches Gesicht von Mitgliedern bekannter schwedischer Prog-Bands – auch die wollen sich dieses besondere musikalische Ereignis heute nicht entgehen lassen.

Auf dem Weg zum Venue fühle ich mich nach all den Jahren im Prog und vielen, vielen Konzerten beinahe als junger Fanboy. Ja, das geht noch! Das Herz schlägt schneller, die Knie werden auf dem Weg zur Tür etwas labil. Das Haus ist auf den ersten Blick prall gefüllt, obwohl es bis zuletzt noch Karten zu kaufen gab. Es ist ein besonderes Gefühl, Platz genommen zu haben und dass das Konzert nun endlich gleich losgeht. Jon Anderson begleitet den Schreiber dieser Zeilen schon beinahe 50 Jahre; seinen besonderen und einmaligen Gesang, seine Musik – mit Yes oder in eigenen Projekten – empfand ich in all den Jahren zumeist als hochemotional. Jons Musik begleitete mich in so manchen entscheidenden Momenten in meinem Leben.

Das Licht geht aus, die klassische „Firebird Suite“ von Igor Strawinsky erklingt. Der erfahrene Fan ist zu Hause, denn seit Jahrzehnten beginnen Yes-Konzerte mit diesem Stück und sorgen spätestens hier schon für die erste Gänsehaut. Während dieser Klänge kommt die Band auf die Bühne, zum Schluss schwebt Jon im weiß-bunten Anzug ans Mikrofon. Dieses Outfit steht für das, was er mit seinen 82 Jahren heute immer noch ist: eine Lichtgestalt im Prog-Rock-Zirkus mit Flower-Power-Feeling im Herzen.

Keine Chance auf eine emotionale Pause – das große Intro geht sofort nahtlos in eines der größten Yes-Stücke über: „Close to the Edge“ erklingt in voller Pracht. Bereits nach 20 Minuten die ersten stehenden Ovationen aus dem Publikum. Viele werden folgen. Jons Stimme ist klar und kräftig wie eh und je, was die meisten im Publikum überrascht. Auffällig: Sängerinnen und Sänger trinken üblicherweise häufig in den Pausen etwas Wasser oder irgendein Wundergetränk zum Stimme pflegen – Jon Anderson hat das offenbar nicht nötig und trinkt im gesamten Konzert keinen Schluck!

Die „Band Geeks“ sind voller Spielfreude und unterstützen ihn mit dem erwarteten klasse Sound des Originals. Bei den folgenden Yes-Stücken gibt es nur marginale Abweichungen von den Originalsongs, die deren Authentizität nicht verletzen. Das Konzert, die herausragende Songauswahl und die Spielfreude aller Beteiligten auf der Bühne geben dem alten Yes-Fan das Gefühl, auf einem der besten Konzerte seiner Band zu sein, die er je erlebt hat. So jedenfalls lauten viele Stimmen nach dem Konzert.

Sehr schön, dass die zwei Longtracks des „True“-Albums es auf die Setlist geschafft haben. Das war bei den US-Konzerten so noch nicht der Fall. Überraschend die Anmoderation von „Giving Is Living“. Jon Anderson teilt mit Augenzwinkern mit, dass dieses Stück „vor 10 Minuten aufgenommen“ worden ist. Ein nagelneuer Song! Vielleicht ein Vorbote für ein zweiten Albums von Jon Anderson & The Band Geeks? Man wird sehen. Ein weiterer Beleg, dass man sich nicht nur in Yes-Klassikern aalt, ist die Präsentation von „Leaves of Green“. Akustikgitarre und Jon am Mikrofon, entnommen der dritten Seite („The Ancient“) des „Tales from Topographic Oceans“-Albums von 1973. Ebenfalls ganz großes Kino. Überhaupt gibt es im Konzert nirgendwo qualitatives Nachlassen oder Leerlauf.

Spätestens jetzt muss auf die „Band Geeks“ eingegangen werden. Ich meine, Genesis- oder Pink-Floyd-Coverbands gibt es wie Sand am Meer. Aber welche, die Yes-Musik performen? Schwer zu finden. Ein Grund dafür wird sicher sein, dass das Zeug einfach mal schwer zu spielen ist. Die Jungs hier machen das herausragend! Seit dem Album „True“ sind zwei neue Leute dabei. Angus Clark ist dabei weit mehr als nur ein Steve-Howe-Ersatz; er spricht auf seiner Homepage von mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Musik, hat ein eigenes Studio und auf der Bühne bereits Gitarre für z. B. Cher oder Joe Lynn Turner gespielt. Phil Castellano spielt Keyboards eher im Hintergrund, überrascht aber mit einem klasse Gitarrensolo zum Schluss bei „Roundabout“. Die anderen sind von Anfang an dabei. Vor Andy Ascolese am Schlagzeug verneigt sich der Meister öffentlich. Was für ein Ritterschlag! Chris Clark spielt die schwierigen Parts von Rick Wakeman ohne Schwierigkeiten. Und last but not least – Richie Castellano am Bass ist der Motor der gesamten Unternehmung. Er leitet nicht nur die Band Geeks, sondern ist über die Jahre ein gleichwertiger musikalischer Partner von Jon Anderson geworden, was zum Beispiel in den Credits auf „True“ nachvollzogen werden kann.

Die sphärische und schwierige Musik wird auf der Bühne mit Leichtigkeit vorgetragen. Die Jungs machen das alle mit großer Leidenschaft und viel Spaß. Es wird gemeinsam gelächelt, ja, zwischen den Stücken sogar gemeinsam gelacht. Jon ist immer in leichter Bewegung, schwingt sphärisch die Arme und tänzelt auch gern ein wenig. Seine Frau Jane sitzt bei jedem seiner Konzerte, an die ich mich erinnern kann, in der ersten Reihe mit direktem Blickkontakt zu ihm. Die beiden sind offensichtlich ein Herz und eine Seele. Sie ist für Jon eine große Stütze; mehr oder weniger ist sie wohl zumindest unterwegs seine Managerin und schirmt ihn auch backstage von ungewollten Kontakten ab. Bei „Roundabout“ taucht sie am Bühnenrand auf und schwingt gemeinsam mit ihrem Mann das Tanzbein!

Überhaupt wird das weite Rund bei den letzten zwei Stücken zur Yes-Party-Zone. Das Erzeugen dieser Atmosphäre zum Schluss wird auch der Grund sein, warum das nahezu heilige Werk „Awaken“ nicht an das Ende des Konzertes, sondern an den Anfang des zweiten Konzertteiles gesetzt worden ist. Man spart sich den Abgang zur Zugabe und spielt „Roundabout“ direkt als letztes Stück hintendran. Jeder der „Band Geeks“ brilliert hier mit einem kurzen Solo. Schon sind fast drei Stunden Konzert inklusive Pause herum. Es hätte noch einmal so lange gehen können!

Ich könnte zeilenweise Superlative bemühen, wie toll das heute war. Der heutige Abend wird viele der anwesenden Besucher noch lange, lange begleiten. Bereits 2023, als Jon Anderson mit der Paul Green Rock Academy in Europa unterwegs war, fürchtete man, ihn auf dem alten Kontinent das letzte Mal gesehen zu haben – 2026 ist er mit seinem aktuellen Hauptprojekt noch einmal nach Europa zurückgekehrt. Die Hoffnung stirbt aber zuletzt, dass Jon Anderson & The Band Geeks in den nächsten Jahren vielleicht doch noch einmal nach Deutschland kommen werden.

Setlist

Set 1

Close To The Edge
Perpetual Change
Counties and Countries
And You And I
Giving Is Living
Soon

Set 2

Awaken
I´ve Seen All Good People
Once Upon A Dream
Leaves Of Green
Starship Trooper
Roundabout

The Band Geeks

Richie Castellano (bg, voc)

Angus Clark (g, voc)

Andy Ascolese (dr, voc)

Chris Clark (keyb)

Phil Castellano (keyb, git)

Bilder: Linnea Skoglund Liljestrand | Gunter Dressler

Please follow and like us:
Copyright © 2026 | STONE PROG | Die Welt des Progressive Rock