Nachdem bekannt wurde, dass Martin Haggerty Long Earth verlassen hat, war man gespannt, ob und wenn ja, wie es mit der Band aus Schottland weitergeht. Nun, es geht weiter, mit „Towards To The Sky“ liegt ein neues Album und hinter dem Mikro steht nun die Holländerin Maaike Siegerist. Renald sprach mit ihr über ihre neue Rolle.

Wie kam es zu deinem Einstieg in die Band?
Ich kannte den Bassisten der Band, David McLachlan. Er spielt in mehreren Bands und ich traf ihn in einer Location hier in Glasgow, im „The Glad Cafe“. Er spielt dort auch in der Hausband. Wir lernten uns kennen und er mochte meine Musik. Ein Jahr später war ich mit meinen Solostücken Support für Long Earth, zusammen mit dem Keyboarder der Band. Als Martin bei den dann anstehenden Konzerten zum letzten Album nicht dabei sein konnte, suchten sie einen Ersatz, weil sie unbedingt das Album promoten wollten. Ich war zunächst nur die zweite Wahl, davor hat halt ein Mann gesungen und unsere Stimmen sind natürlich völlig verschieden. Also fragten sie mich erst als zweite, aber ich sagte zu und sah es als Experiment, aber es lief ziemlich gut. Und als sich Martin dann entschied, komplett auszusteigen, fragten sie mich, ob ich ihn nicht für ein einsteigen wolle.

Du warst nur die zweite Wahl? Und das bei deiner großartigen Stimme!
Danke! Na ja, es war ja naheliegend, dass sie zunächst einen Sänger suchten. Sie dachten, es wäre für einen Mann einfacher, diese Songs zu singen.
War es eine große Herausforderung für dich?
Ich musste natürlich viele Lieder und viele Texte lernen. Es war also eine große Aufgabe. Und ich musste natürlich auch die Melodien etwas anpassen, weil die weibliche Stimme einfach höher ist. Es hat eine Weile gedauert, bis ich herausgefunden habe, welche der alten Songs zu meiner Stimme passen. Aber das war für die Bandmitglieder in Ordnung, sie sagten, welche Songs du dir auch aussuchst, wir nehmen sie. Ich hatte vor allem Angst, dass ich die Texte vergessen. Es gab ja wirklich viel zu lernen. Und es war eine interessante Erfahrung, wieder in einer „lauten“ Band zu sein. Als Singer/Songwriter hörst du deine Stimme sehr gut, in einer Rockband ist das etwas ganz anderes, selbst mit dem Monitoring, mit dem Drumkit und den Verstärkern ist alles sehr laut, irgendwann kann man den Vocal-Monitor auch nicht mehr lauter stellen. Gerade kleine Klubs sind da eine Herausforderung, bei Festivals wie Summers End ist die Situation besser.
Und haben dich die Fans sofort akzeptiert?
Das Publikum war wirklich wunderbar, die Leute waren sehr enthusiastisch. Im ersten Jahr war ich ja noch kein festes Bandmitglied, aber die Fans kamen auch und kauften meine eigenen CDs. Ich wurde von der Prog-Community also sehr herzlich aufgenommen.
Haben dich die Bandmitglieder eigentlich besonders behandelt?
Am Anfang war jeder sehr höflich. Jetzt ist jeder er selbst. Einige der Bandmitglieder sind so alt wie meine Eltern, wir sind jetzt also verschiedene Generationen in der Band. Aber das Alter ist nur ein Aspekt, es gibt so viele andere Dinge, wie die Liebe zur Musik.

Du kümmerst dich mittlerweile ja auch um deutlich mehr als „nur“ den Gesang!
Ja. Ich übernahm auch andere Themen, wie zum Beispiel die Verantwortung bezüglich unserer Plattenfirma. Unser Freund, der das bisher gemacht hat, kann das leider nicht mehr tun. Ich arbeite mit den Verantwortlichen für Mix, Mastering und Artwork. Ich bin also sowohl im kreativen Bereich eingebunden, als auch für viele Dinge, die im Hintergrund laufen.
Kommen wir zum neuen Album. Manchmal greifen Künstler bei Songs für ein neues Werk auch auf altes Material zurück. Wie war das hier?
Bis auf eine Ausnahme sind alle Stücke speziell für dieses Album geschrieben. Ein Song – Moon and Mars – war ursprünglich für mein Soloprojekt gedacht, aber er passt auch gut zu einer Band. Die meisten Titel basieren auf Ideen von unserem Gitarristen und dem Keyboarder. Wir jammen dann zu fünft und entwickeln die Stücke weiter. Ich schreibe dann die Gesangslinien und die Texte.

Stammen diese alle von dir?
Ich habe für acht der neun Stücke die Texte geschrieben. Bei „First Casuality“ war es David, ihm liegt die Thematik mit den Journalisten, die bei ihrer Arbeit getötet werden, sehr am Herzen.
Ansonsten greift ihr in den Texten verschiedenste Themen auf wie die Erkundung des Weltraums, Künstliche Intelligenz und bei „The Astronomer“ geht es um Galileo Galilei.
Ja, die Themen sind sehr unterschiedlich. Das liegt daran, wie das Album entstand. Nach den gemeinsamen Jamsessions saß ich dann zuhause und fragte mich, welcher Text wohl zu welchem Song passen könnte. Das ist für mich tatsächlich der schwierigere Weg. Wenn ich Songs für mich schreibe, weiß ich zuerst, worüber ich schreiben möchte. Das empfinde ich als einfacher. Ich habe einen Teilzeitjob an der Uni in Glasgow. Ich arbeite im Bereich der Impact-Kommunikation in der Wissenschaft. Da habe ich mit all diesen Akademikern zu tun, die Experten auf ihrem Gebiet sind und das inspiriert mich, Themen wie Astronomie, die Erkundung des Weltraums oder künstliche Intelligenz. Im Song „Artifical Child“ geht es um KI, basierend auf Professor Geoffrey Hinten und seiner Sicht auf das, was er erschaffen hat. Er ist einer der Erfinder des Algorithmus, auf dem AI basiert.
Was gibt es zu deiner eigenen Musik zu sagen?
Meine Soloarbeiten sind von vielen Stilen beeinflusst, klassischer Jazz, Singer/songwriter und auch etwas Electronica. Als ich in meinen Zwanzigern war, war ich in einer Progmetal-Band, das war meine erste Berührung mit dieser Szene. Ich mag Metal und Prog-Metal, Bands wie Threshold oder Anathema, die sich vom Doom-Metal über verschiedene Stile hin zum Prog entwickelt haben. Ich bin aber noch wenig vertraut mit der Prog-Szene, da habe ich in den letzten zwei Jahren einiges gelernt.
Wie unterscheidest du, ob die Musik, die du schreibst, für die Band oder für deine Solo-Arbeit verwendet wird?
Wenn es für die Band sein soll, dann wäre es kein fertiger Song. Eine Idee, ein Riff, das dann den anderen vorgespielt wird, offen für Veränderungen wie das Erweitern um zusätzliche Sektionen. Wenn ich der Band einen fertigen Song präsentieren würde und sie Änderungen vorschlagen würde, würde ich ihn vermutlich für mich selbst behalten.
Wie hat es dich eigentlich nach Schottland verschlagen?
Das war wegen meines Masters im Songwriting, an der Bath Spa University in England. 2013 nahm ich an einem Songwriting Retreat in Schottland teil. Das war eine besondere Erfahrung, zusammen mit 25 anderen Künstlern, jeden Tag einen Song zu schreiben. Das hat mich sehr inspiriert. Ich habe mich dann später entschieden, in UK zu bleiben. Ich hatte damals das Gefühl, hier würde meine Musik mehr geschätzt werden als in den Niederlanden.
Eure Band wird oft mit Abel Ganz in Verbindung gebracht. Vier ehemalige Mitglieder von euch haben dort gespielt. Aktuell aber niemand mehr?
Nein. Ich sang ein Duett mit Abel Ganz bei Prog before Christmas im letzten Jahr. Und ich habe auch Backing Vocals für Alan Reeds Soloset bei diesem Event gesungen. Ich kenne die Jungs also.
Und die Wechsel im Line Up lassen sich kaum vermeiden.
Mit dieser Musik verdienst du kein Geld. Man macht es aus Liebe. Aber natürlich kann es kreative Differenzen geben, jeder hat seine Persönlichkeit, da kann es schon zu Reibungen kommen. Solange man zusammen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet, ist alles ok. Ich kann also verstehen, wenn es in Bands zu Wechseln im Line Up kommt.

Liveaktivitäten außerhalb des UK sind aktuell kein Thema?
Wir würden gerne zum Beispiel in der Boerderij in Holland spielen, haben uns aber noch nicht ernsthaft mit den Erfordernissen beschäftigt. Nach dem Brexit sind solche Sachen ja schwerer geworden. Wir müssten natürlich auch sicher sein, dass genügend Leute kommen. Vielleicht gehen wir das ja an, wenn das aktuelle Album gut läuft.
Wir drücken die Daumen!
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