Was am mittlerweile 13. Studioalbum von Red Sand als erstes positiv ins Auge fällt ist das fantastische Cover, zwar eindeutig KI generiert, wie auch das dazugehörige Video zu I’ll be alone – auf Youtube suchen – in dem wir die Kinder Edgar und Chelsea begleiten. Spätestens dann erschließen sich nämlich auch einige der scheinbar unpassenden Elemente, die Simon schon auf früheren Alben gerne eingesetzt hat. Radiostimmen, Megaphondurchsagen, wildes Geschrei – zunächst wirken sie wie Fremdkörper in einer ansonsten harmonischen und melodischen Musik. Im Zusammenhang mit den Bildern bekommen sie plötzlich eine Funktion. Man sieht sie zwar auf der CD nicht, aber jetzt weiß man wenigstens, warum sie dort sind.

Tracklist
1. Stories of Liars (4:45)
2. I’ll Be Alone (5:29)
3. The Ballad of Edgar and Chelsea (11:50)
4. A World without War, Part 1 (20:05)
5. Torpill (5:27)
I’ll Be Alone ist ohnehin der der Hit des Albums. Eingängig, melodisch, ganz im Stil von Breaking Wings oder Lost Fantasy, den herausragenden Songs der vorherigen Alben. Der Text wirkt auf den ersten Blick wieder einmal reichlich schlicht: Einsamkeit, Angst, Wahrheit, Lüge, Dunkelheit und eine verdorbene Welt. Im Gegensatz zu den Texten die bisher von Barbara Caron stammten, hat Simon die Texte nun selbst verfasst, was nicht automatisch bedeutet dass sie nun besser oder gar tiefgründiger wären, sondern sie vermitteln stark den Eindruck dass Simon seine musikalischen Ideen wörtlich mit einer extrem einfachen, universell verständlichen Botschaft versehen wollte. Denn musikalisch funktioniert so etwas natürlich hervorragend: Ein großer, hymnischer Soundteppich, Chor, Pathos – und darüber Worte wie: Peace, Love, Freedom, Hope, Happiness, Children. Der Hörer muss hier nichts hinein interpretieren, er bekommt die Emotion direkt geliefert. Das Video erzählt dazu eine kleine Geschichte, die wesentlich mehr Substanz besitzt, als die Worte allein. Edgar und Chelsea verlassen ihr zerstörtes Zuhause und gehen zunächst in unterschiedliche Richtungen, jeder in eine andere Welt.
Auf der einen Seite das vom Krieg verwüstete Ödland, auf der anderen eine friedliche, blühende Umgebung. Besonders gelungen ist das Bild der beiden Kinder, die sich auf ihren jeweiligen Seiten einer scheinbar endlosen gläsernen Wand gegenüberstehen. Sie können sich sehen, aber nicht erreichen. Erst hoch oben im Himmel, in den sie mit ihren Ballons aufsteigen, löst sich diese Grenze auf. Die Friedenstaube, der Mond und die beiden Kinder treffen sich dort, wo die Trennung keine Bedeutung mehr hat. Später kehren sie gemeinsam in ihr zerstörtes Zuhause zurück und verlassen es schließlich Hand in Hand in Richtung der friedlichen Welt.
Die gesamte Bildsprache des Videos und auch das Cover greifen ineinander. Der Rubik’s Cube, den Edgar durch die zerstörte Welt trägt und dessen Teile er immer wieder zu ordnen versucht, taucht später auch beim halb Clown, halb Politiker wieder auf. Die Welt ist wie der Zauberwürfel der so schnell in Unordnung zu bringen geht und doch ist es so unglaublich schwer ihn wieder zusammenzusetzen. Ob ausgerechnet die Politik dafür die geeignete Hand besitzt, muss jeder selbst entscheiden.
Seit dem Einstieg Michel Renauds zeichnet sich eine stetige Entwicklung dieser Band ab. Renaud ist für mich inzwischen der authentischste Frontmann, den Red Sand je hatte. Und auch Simon geht diesmal sogar noch einen Schritt weiter und singt erstmals zusammen mit Michel selbst die Background-Vocals. Aus den Einflüssen seiner Anfangsjahre hat sich längst eine ganz eigene Red-Sand-DNA entwickelt, fließende Gitarrenlinien, gefühlvolle Soli, mal quirlig-impulsive Hammond, mal majestätisches Mellotron, dazu warme Keyboardflächen und die Fähigkeit, aus scheinbar einfachen Motiven langsam größere Spannungsbögen aufzubauen, sind längst zu unverwechselbaren Merkmalen geworden.
Und gerade bei den Keyboards ist es durchaus erwähnenswert, dass Simon auch diesmal wieder selbst für die komplette Klangkulisse verantwortlich zeichnet. Dabei tauchen durchaus noch alte musikalische Erinnerungen auf. Der Beginn von „The Ballad of Edgar and Chelsea“ beispielsweise könnte mit seinen mächtigen Keyboards durchaus Erinnerungen an „Watcher of the Skies“ wecken. Aber das ist längst keine Frage mehr des Kopierens, sondern Folge seiner Wurzeln. Simon hat aus seinen frühen Einflüssen längst etwas Eigenes gemacht und inzwischen dreizehn Studioalben lang Gelegenheit gehabt, dieses eigene Klangbild zu verfeinern.
Der Titelsong „A World without War“ (20:10) beginnt zunächst ruhig, doch schon bald schlagen bedrohliche Salven in die vermeintlich friedliche Welt ein. Perry Angelillo überrascht mit Drum Patterns die in der Form noch nirgends zu hören waren und legt bisweilen auch einige rhythmische Stolpersteine aus, die fast wie versehentlich wirken. Nimmt man sich aber die Zeit und hört das Stück intensiv unterm Kopfhörer erschließt sich doch einiges mehr was für Simon und seine in Tönen und Stimmungen gefasste Rafinesse spricht.
Mit „World of Change“ kommt zum Abschluss noch einmal ein Stück, welches nach der Achterbahnfahrt des Titelsongs einen Ruhepol darstellt. Zwei ineinanderlaufende akustische Gitarrenlinien, zurückhaltende Drums – die Welt scheint sich wieder zu beruhigen. Und dann setzt ein Thema ein, das plötzlich hellhörig macht, eigentlich ganz simpel aufgebaut und gerade deshalb bekommt man es nicht mehr aus dem Kopf. Auch textlich schlägt Simon einen Bogen vom Abgrund zurück zur Hoffnung. Zunächst geht es um Gewalt, Hass, Albträume und die lähmende Stille, die einen daran hindert, sich überhaupt noch vorwärtszubewegen. Doch aus „Something prevents me“ wird schließlich ein „Nothing can stop me moving forward“. Die Angst weicht einer Zukunft ohne Furcht, und jeder Blick, der einst in der Nacht und dem Vergessen verloren ging, wird schließlich zum Sinn des Lebens. Starker Text!
Simon muss keinem mehr etwas beweisen, er hat seinen eigenen Stil gefunden, den er immer wieder mit neuen Melodien und Farben füllt. Manchmal entstehen daraus Meisterwerke wie Pain(t)box oder Sound of Silence und manchmal braucht die Farbe doch auch etwas länger zum Trocknen.
Musiker
Simon Caron / guitar, bass, keyboards
Michel Renaud / vocals
Perry Angelillo / drums
Label: SPBN Music 013 | Oskar Records
