Livereport: Red Sand – Bergkeller Reichenbach, 04.10.2026

Nach zwei erfolgreichen Auftritten in Polen folgte das einzige Deutschland-Konzert im Bergkeller Reichenbach. Für einen Sonntagabend war der Bergkeller recht gut gefüllt und die Band war vorgewarnt, denn dort gibt es keine Bühne, sondern nur einen Teppich und das in Augenhöhe mit dem Publikum. Intimer kann ein Konzert für Bands die seit 20 Jahren größere Bühnen gewohnt sind kaum sein. Begonnen wurde überraschend mit „Very Strange“ vom Album Gentry – 2005 erschienen, also auch schon wieder 20 Jahre her.

Mit „Mirror of Insanity“ ging man sogar noch ein weiteres Jahr zurück zum gleichnamigen Debütalbum, von dem an diesem Abend immerhin drei der damals enthaltenen vier Songs gespielt wurden. Hier muss einmal mehr Michel Renaud positiv hervorgehoben werden, denn seine Stimme passt perfekt zum alten Material und er bringt das mit einer absoluten Sicherheit und komplett authentisch rüber. Zudem hat der Mann eine sehr eindrucksvolle Körpersprache, Mimik und Gestik, die den Inhalt der Songs lebendig werden lässt und an keiner Stelle aufgesetzt oder künstlich wirkt. Wie ich bereits im Vorjahr festgestellt hatte – und da wiederhole ich mich gerne – der beste Frontmann, den Red Sand je hatte.

Vom besten Frontmann zum besten Instrumentalkönner ist nur ein kleiner Schritt auf der Bühne, denn Simon Caron spielt im Studio außer den Drums alle Instrumente im Alleingang ein. Wer diesen Fakt kennt, wird sich nicht wundern, dass die Band live auf Keyboardspuren aus der Konserve zurückgreifen muss. Man hört exzessives Hammondspiel, wobei sich Simon als großartiger Orgelspieler beweist, die aber auf der Bühne nicht zu sehen ist. Um sein virtuoses, teils melodietragendes Bassspiel auf der Bühne umsetzen zu können, gehört immerhin André Godbout zur Live-Band.

Experimentelle Titel wie „Watchers“ erinnern an teils skurrile Ausflüge Peter Gabriels und das endlose Emotionen freisetzende „Lost Fantasy“, dieser beeindruckende Titel, dessen Melodie von überwältigender Melancholie durchdrungen ist, gehört zu ihren besten Kompositionen überhaupt.

Mit „Children Memory“ geht es noch einmal weit zurück in die Vergangenheit, als eine stilistische Marillion-Verwandtschaft noch deutlich im Vordergrund stand. Auch „Hello to the Last Goodbye“ weist in seinen schnellen Passagen durchaus noch einige rhythmische Ähnlichkeiten mit „Market Square Heroes“ auf.

Vom aktuellen Album gab es zwar nur einen einzigen Titel zu hören, allerdings hat es „A World Without War“ mit seinen gut 20 Minuten auch in sich. Der Song beginnt ruhig, mit Vogelstimmen, die allerdings abrupt von bedrohlichen Drum-Salven unterbrochen werden. Allein die Rhythmik dieses Stücks ist außergewöhnlich. Impulsive Wortwiederholungen – without, without, without … destroy, destroy, destroy – unterstreichen die Dringlichkeit der Aussage. Die rhythmischen Verschiebungen an den Übergängen der einzelnen Parts sind verblüffend und perfekt, die ausgedehnten Instrumentalpassagen schlichtweg genial. Der Übergang bei 6:40, geprägt von skurrilen Gabrielesken Klangexperimenten, war eine überaus gelungene Überraschung.

Düstere Hammondklänge breiten sich aus und die Intensität der vielschichtigen Melodie steigert sich immer weiter. Sie mündet in eine komplett „abgefahrene“ Instrumentalpassage, ein unvergleichliches Zusammenspiel, das insbesondere die Klasse des Schlagzeugers Perry Angelillo eindrucksvoll unterstreicht.

Genau das macht „großen“ Prog aus, fantastische Rhythmik, ungerade Taktarten mit Gegen- und Polyrhythmen, Präzision auf allen Ebenen, besonders im Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug, variabler Gesang mit ausgefeilten Harmonie-Schichtungen, satter Hammond-, Mellotron- und Moog-Sound, symphonische Begleitung und prägnante Lead-Synth-Passagen sowie die live zu bewundernde herausragende Gitarrenarbeit – sowohl bei der Lead- als auch bei der Rhythmusgitarre. Der Titel schwingt sich mit stetiger Steigerung bis zur zwölften Minute empor, bevor er bei 11:58 sanft und elegant in einen ruhigeren Gesangsteil mit Piano-Begleitung und Bass übergeht. Doch die wahre Magie entfaltet sich ab 13:06 mit einem Leadgitarren-Aufbau ganz im Stil von Andrew Latimer. Ab 14:15 schlägt der Song dann eine geradlinige Rock-Richtung ein und zieht das Tempo gekonnt an, bevor er in einen letzten vielschichtigen Übergang zu einem kraftvollen Rhythmus und einer hymnischen E-Gitarre mündet.

Live entwickelt dieses 20-minütige Epos eine Dynamik, die sich auf der CD nicht in gleicher Weise erschlossen hatte. Die einzelnen Bausteine greifen plötzlich viel schlüssiger ineinander, und auch die vermeintlich ausufernden Passagen bekommen im Konzert ihren Sinn. Simon sagt selbst, dass er kaum glaubt, dieses Meisterwerk je noch einmal toppen zu können. Nach diesem Auftritt kann ich zumindest nachvollziehen, warum er so empfindet.

Mit dem hypnotischen Beginn von „Blame“, dem dritten Titel des Debütalbums im Set, nähert man sich zunächst einem ruhigen Punkt, was einige Leute im Publikum sofort nutzen, um im Hintergrund Gespräche zu beginnen. Durch Simons aufjauchzende Gitarre findet dieses Aufmerksamkeitsdefizit glücklicherweise schnell ein Ende. Auch in „Blame“ lebt noch einmal die Verwandtschaft ihrer Vorbilder weiter, man glaubt kurzzeitig, sich im Kosmos von Fugazi oder Misplaced Childhood zu befinden, wird aber durch das leicht schräge „Time“ vom 2024er Album Pain(t) Box wieder zurück in die Gegenwart katapultiert.

Ohne Zugabe ließ man die Band natürlich so schnell nicht gehen und bat sie, doch bitte noch etwas „auf dem Teppich zu bleiben“. So kamen wir weiter in den Genuss des ebenfalls emotional-melodischen „Breaking Wings“.

Selbstverständlich wurde anschließend der Merch-Stand gestürmt, an dem Simons Frau Natacha bediente, und vor allem das aktuelle Album fand reißenden Absatz, inklusive des letzten noch verfügbaren Exemplars der LP-Version. Die Bandmitglieder signierten anschließend bereitwillig alle gekauften Artikel und mischten sich noch einmal für Fanfotos unter das Publikum.

Insgesamt ein gelungener Abend mit einer der besten Bands, welche die kanadische Szene derzeit neben Mystery zu bieten hat.

Setlist

Very strange

Mirror of Insanity

The Watcher

Lost Fantasy

Children Memory

Hello to the last goodbye

A World Without War

Blame

Time

Zugabe

Breaking Wings

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